Vielleicht fällt es dieses Jahr besonders auf, angesichts der offen zur Schau gestellten freundschaftlichen Beziehungen zwischen FIFA-Chef Gianni Infantino und dem US-Präsidenten Donald Trump, doch Sport und Politik sind schon seit langem miteinander verflochten. Der Amtsantritt des derzeitigen FIFA-Präsidenten hat einen bereits fest etablierten Prozess lediglich beschleunigt. Aufgrund ihrer hohen Sichtbarkeit ist die Fussball-Weltmeisterschaft der Männer für die Gastgeberländer eine Gelegenheit, ihr Image aufzupolieren – ganz gleich, wie sehr es angeschlagen ist. Zwischen Machtkämpfen, Scheinfreundschaften und grossem Geld: Wo bleibt da Platz für Grundrechte? Kevin Veyssière, Experte für Sportgeopolitik, hat Antworten.
> Amnesty International: Die Weltmeisterschaft findet dieses Jahr in drei Ländern statt. Warum?
< Kevin Veyssière: Es ist nicht das erste Mal, dass die Weltmeisterschaft von mehreren Ländern gemeinsam ausgerichtet wird. Die zunehmenden Allianzen – in diesem Jahr zwischen Mexiko, Kanada und den Vereinigten Staaten und im Jahr 2030 zwischen Marokko, Spanien und Portugal – verdeutlichen aber, dass es immer schwieriger wird, das Turnier im Alleingang durchzuführen. Das liegt einerseits an den Kosten: Die Durchführung einer Fussball-Weltmeisterschaft kostet rund 15 Milliarden Dollar – und das, wenn die Infrastruktur vorhanden ist und „nur“ renoviert und angepasst werden muss. Eine Allianz ermöglicht es, mehr Geld auf den Tisch zu legen. Zudem hilft eine Allianz bei der Abstimmung über die neuen Gastgeberländer mehr Stimmen der nationalen Verbände zu gewinnen.
> Die Erhöhung der Anzahl der am Turnier teilnehmenden Nationalmannschaften – von 32 auf 48 – hat die Kosten, den logistischen Aufwand und das Ausmass des Sportgrossanlasses erheblich gesteigert. Was sind die Gründe für diese Erweiterung?
< Man kann zwischen einer offiziellen und einer inoffiziellen Argumentation unterscheiden. Die erste konzentriert sich auf den sportlichen Aspekt der Weltmeisterschaft. Als es noch 32 Mannschaften gab, fühlten sich einige Nationalmannschaften, insbesondere aus Afrika, benachteiligt: Nur fünf Nationalmannschaften ihrer Region waren vertreten, obwohl sie auf internationaler Ebene immer leistungsstärker wurden und Spieler in den grössten Vereinen der Welt spielten. Auch für die bisher unterrepräsentierten asiatischen Mannschaften gab es eine Öffnung.
Inoffiziell ermöglicht die Erhöhung der Teilnehmerzahl Gianni Infantino seine Macht zu festigen und mehr Stimmen für seine Wiederwahl zu gewinnen. Er wurde gerade ohne Gegenkandidaten per Akklamation für eine dritte Amtszeit wiedergewählt.
Zudem ermöglicht diese Erweiterung die Erschliessung weiterer Märkte. Durch die Ausweitung des Turniers auf 48 Mannschaften – also ebenso viele Nationalmannschaften – steigen die Chancen, dass sich Länder wie China oder Indien qualifizieren können, die im Nationalmannschaftsfussball eher schwach sind. Sollte eines dieser beiden Länder an der Weltmeisterschaft teilnehmen, bedeutet dies fast eine Milliarde zusätzliche potenzielle Fernsehzuschauer*innen. Die eine oder andere dieser beiden Wirtschaftsmächte könnte sogar eine Weltmeisterschaft ausrichten, was für die FIFA eine nicht zu vernachlässigende Perspektive darstellt.
> Die FIFA verpflichtet sich in den eigenen Leitlinien zur Unparteilichkeit. Anlässlich der Annäherung zwischen Trump und Infantino und den Spannungen zwischen Ländern, deren Nationalmannschaften in der FIFA vertreten sind, stellt sich jedoch die Frage, wie unpolitisch die FIFA wirklich ist.
< Die FIFA neigt in der Tat dazu, sich von politischen Aspekten fernzuhalten, um Fragen zu diesem Thema zu vermeiden. Die Neutralität des Sports ermöglicht es ihr, so wenig wie möglich Stellung zu beziehen. Dennoch spielen politische Überlegung gerade bei der Vergabe der Meisterschaften immer eine Rolle. So bekam Uruguay den Zuschlag für die erste Weltmeisterschaft 1930, weil das Land versprach, ein monumentales Stadion zu bauen. Vier Jahre später fanden die Weltmeisterschaften im Italien Mussolinis statt – und wurden vom faschistischen Herrscher entsprechen instrumentalisiert.
Heute werden diese Dynamiken noch verstärkt, insbesondere durch die Person von Gianni Infantino, der sich offen mit politischen Entscheidungsträger*innen zeigt. Die letzten politischen Vertreter*innen, die bei Weltmeisterschaften im Rampenlicht standen, standen an der Spitze autoritärer Systeme – oder von Regierungen, die autoritäre Politik praktizierten. Im letzten Jahr gipfelte diese Nähe zu politischen Entscheidungsträger*innen in der Vergabe des Fifa-Friedenspreises an Donald Trump. Solche Gesten politisieren die Debatte noch stärker und machen es schwer, den Aussagen der FIFA Glauben zu schenken, dass sie Politik und Sport strikt trennen.
> Die Organisation dieser Weltmeisterschaft birgt zahlreiche Risiken für die Fans und die lokale Bevölkerung. Tut die FIFA genug, um die Einhaltung der Menschenrechte an ihren Veranstaltungen zu garantieren?
< Auch wenn die FIFA Massnahmen ergreift, um die Menschenrechte zu respektieren und ökologische Standards einzuhalten, bleiben die Bemühungen doch eher oberflächlich. Die Bekennung zu den Menschenrechten soll das eigene Image steigern. Doch viel dahinter ist nicht. Das zeigten die Weltmeisterschaften in Katar, wo mehr als 6000 Arbeitsmigrant*innen auf Baustellen der für das Turnier notwendigen Infrastruktur ums Leben kamen. Die FIFA hat nur sehr wenig unternommen, um die Vorfälle aufzuklären und Gerechtigkeit walten zu lassen.
> Bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar wurde schon im Vorfeld der Spiele viel über Todesfälle auf den Baustellen gesprochen, es gab Boykottaufrufe und Berichte, die die eklatante Missachtung der Menschenrechte aufzeigten. Von dem diesjährigen Turnier hört man viel weniger Kritik. Warum?
< Generell liegt das sicher daran, dass viele Staaten es nicht wagen, die USA zu laut zu kritisieren – dies auch aufgrund politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Denn es gäbe im Rahmen der WM 2026 genug, das man kritisieren könnte: Die übermässig harte Einwanderungspolitik, die hohen Ticketpreise, die diskriminierenden Einreisebestimmungen sowie natürlich auch die Drohungen gegen Medienschaffende und Aktivist*innen. Im Namen der nationalen Sicherheit und der Bekämpfung von Visumsüberziehungen hat Washington den Zugang zum amerikanischen Staatsgebiet für mehrere Länder verschärft, mit vollständigen Einreiseverboten für bestimmte Staaten, darunter der Iran und Haiti, die sich für die Weltmeisterschaften qualifiziert haben. Zwar gibt es Ausnahmen für Spieler, Trainer, bestimmte wichtige Mitglieder der Delegationen und unter bestimmten Voraussetzungen für Fans. Doch diese Anpassungen ändern nichts an der allgemeinen Logik: Die Einreise in die Vereinigten Staaten wird dem von der Weltmeisterschaft verkörperten Ideal der Universalität nicht gerecht.
> Verschärfen die Weltmeisterschaften geopolitische Spannungen? Oder könnte die WM im Gegenteil dazu beitragen, bestimmte Länder zusammenzubringen und diplomatische Beziehungen zu eröffnen?
< Sport ist kein Zaubermittel. Am Beispiel der USA und des Iran lässt sich zeigen: Nur weil ein Spiel zwischen den beiden Ländern stattfindet, bedeutet das noch lange nicht, dass sich dadurch Perspektiven für den Frieden eröffnen. Sport allein kann keinen Frieden herbeiführen, wenn dieser nicht zuvor von beiden Staaten politisch vorbereitet wurde. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist das Spiel zwischen den USA und dem Iran bei der Weltmeisterschaft 1998, bei der beide Länder in derselben Gruppe gelandet waren. Ein Jahr zuvor hatten die Regierungen der USA und des Iran alles vorbereitet, damit dieses Spiel reibungslos ablaufen konnte. Diese Bemühungen spiegelten sich dann im Spiel wider, etwa durch einen Trikottausch, ein gemeinsames Foto der Spieler usw. Diese Symbolpolitik hinterliess Eindruck, änderte aber nicht nachhaltig die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran.
> In den Austragungsländern der WM 2026 kommt es wiederholt zu Menschenrechtsverletzungen, insbesondere gegenüber Migrant*innen, LGBTQIA+-Personen oder Obdachlosen. Konkret gibt es jedoch bislang keinen Zusammenhang zwischen der Weltmeisterschaft und diesen Menschenrechtsverletzungen. Was ist zu erwarten?
< Genau hier liegt die Schwierigkeit. Auch wenn es in den USA, Kanada und Mexiko vieles zu kritisieren gibt, hat dies nichts viel mit dem Turnier zu tun. Sollten während des Turniers Probleme auftreten, könnte man der FIFA wohl lediglich die Missachtung der Rechte der Fans vorwerfen. Es bleibt abzuwarten, welche Botschaften in den Stadien zu sehen sein werden und ob es zu staatlicher Repression kommt – etwa von Protesten. Ich denke dabei insbesondere an die Spiele in den demokratisch geprägten Städten, wo Trump sich im Hinblick auf die Zwischenwahlen positionieren könnte.
> Sie haben in einem Ihrer Artikel geschrieben, dass die Weltmeisterschaften zum «Schaufenster der ‚America first‘-Doktrin» wird. In welcher Weise wird das Turnier vom Lager Donald Trumps politisch instrumentalisiert?
< Donald Trump hat im vergangenen Jahr eine Task Force ins Leben gerufen, die sich speziell mit der Weltmeisterschaft 2026 befasst. Diese wurde sofort instrumentalisiert: Sie ist nicht mehr dreiländerübergreifend, sondern kümmert sich lediglich um die Spiele in den USA. Donald Trump rühmt sich damit, den «grössten Wettbewerb der Welt» auszurichten, und verbindet damit das Bild eines triumphierenden Amerikas, das er fördern möchte. Für ihn ist dies eine Gelegenheit, die verschiedenen Mitgliedsverbände mit seiner Weltanschauung auf Linie zu bringen – insbesondere mit seiner Visumpolitik. Ein Vorgehen, das reichlich mit Reden seiner Anhänger*innen und Minister*innen untermalt wird. Wenn die Welt an der Weltmeisterschaft teilnehmen will, muss sie sich den Vereinigten Staaten anpassen.
> Haben denn Mexiko und Kanada gar nichts zu sagen an dieser WM?
< Infantino ist nicht mit Vertreter*innen dieser beiden Staaten in Erscheinung getreten, da dies schlichtweg nicht auf seiner Agenda steht. Was ihm gelegen kommt, ist der Kontakt zum Präsidenten der USA, um seine Zugehörigkeit zum „Clan der Mächtigen“ zu demonstrieren. Trump und er teilen dieselbe Vision von Macht – eigenbrötlerisch und autoritär.
Kanada und Mexiko halten sich ihrerseits vornehmen zurück. Dies ist eine Folge der internationalen Beziehungen. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada sind angespannt, der kanadische Premierminister tritt gegenüber Donald Trump nicht so offensiv auf, wie es Justin Trudeau in der Vergangenheit getan hat. In Mexiko zeigt sich die Präsidentin kritischer, doch die Hebel, über die sie verfügt, sind schwach: Das Land steht in einer wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten.
Die Dynamik zeigte sich aussagekräftig an der Auslosungszeremonie für die Weltmeisterschaft, die im Kennedy Center in Washington stattfand, das zu einer Hochburg des kulturellen Trumpismus geworden ist. Bei dieser Zeremonie empfing Gianni Infantino den kanadischen Premierminister, der ihm die Hand schüttelte und sich an sein Rednerpult begab. Gleiches geschah auch mit der mexikanischen Präsidentin. Dann kam Trump, ging direkt zu seinem Rednerpult, ohne Infantino die Hand zu geben. Die Reaktion des FIFA-Präsidenten? «Na gut, machen Sie, was Sie wollen.» Auch wenn das zum Schmunzeln anregt, ist es doch ziemlich bezeichnend für diese «Trump-Weltmeisterschaften». Klar ist, es werden vor allem Weltmeisterschaften des Geldes und der Sponsor*innen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die geopolitischen Herausforderungen auf die Spiele auswirken werden.
* Kevin Veyssière ist Experte für Sportgeopolitik und Gründer des Medienunternehmens FC Geopolitics. Der vierte Band seines Buches „Mondial – Les grandes histoires géopolitiques de la Coupe du monde“ ist am 29. Mai im Max-Milo-Verlag erschienen.