In weniger als neun Monaten wurden dieses Jahr bereits mehr Menschen exekutiert als im gesamten Jahr 2024, als die Gesamtzahl bereits bei horrenden 972 Hinrichtungen lag.
Seit den Protesten unter dem Motto «Frau, Leben, Freiheit» im Jahr 2022 wenden die iranischen Behörden die Todesstrafe verstärkt an, um die staatliche Repression durchzusetzen und kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Auch nimmt derzeit die Zahl der Hinrichtungen wegen Drogendelikten stetig zu. Seit Israel den Iran im Juni 2025 militärisch angegriffen hat und die Kampfhandlungen zwischen den beiden Ländern eskaliert sind, werden im Iran aus Gründen der «nationalen Sicherheit» vermehrt Todesurteile vollstreckt.
«Die iranischen Behörden wenden die Todesstrafe systematisch an, um Menschen zu unterdrücken und jeglichen Dissens auszumerzen.» Heba Morayef, Direktorin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International
«Die Zahl der Hinrichtungen im Iran hat ein entsetzliches Ausmass angenommen. Die iranischen Behörden wenden die Todesstrafe systematisch an, um Menschen zu unterdrücken und jeglichen Dissens auszumerzen. Dies ist ein grauenerregender Angriff auf das Recht auf Leben», so Heba Morayef, Direktorin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International.
«Die Todesstrafe ist unter allen Umständen verabscheuenswert, doch ihre massenhafte Anwendung nach routinemässig grob unfairen Gerichtsverfahren verstärkt das Unrecht noch um ein Vielfaches», so Heba Morayef weiter. «Unter anderem geraten politisch Andersdenkende, Angehörige von unterdrückten ethnischen Minderheiten, Protestierende sowie Menschen, denen Drogendelikte vorgeworfen werden, ins Visier und werden willkürlich zum Tode verurteilt.
Die Menschenrechtsorganisation fordert von den Behörden die umgehende Verhängung eines Hinrichtungsmoratoriums. Andere Staaten sind aufgefordert, Druck auf die iranische Regierung auszuüben, alle geplanten Hinrichtungen zu stoppen. «Die internationale Gemeinschaft muss sofort energische Massnahmen ergreifen und Druck auf die iranischen Behörden ausüben, alle geplanten Hinrichtungen sofort zu stoppen, alle Todesurteile aufzuheben und ein offizielles Moratorium für alle Hinrichtungen zu verhängen mit dem Ziel, die Todesstrafe vollständig abzuschaffen», sagt Heba Morayef. «Angesichts der systematischen Straflosigkeit für diese willkürlichen Hinrichtungen müssen Staaten wirkungsvolle Mittel finden, um iranische Staatsbedienstete zur Rechenschaft zu ziehen. Unter anderem sollten sie mithilfe des Weltrechtsprinzips gegen Staatsbedienstete vorgehen, gegen die der begründete Verdacht strafrechtlicher Verantwortung für völkerrechtliche Verbrechen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen besteht.»
Die Gefahr der willkürlichen Hinrichtung besteht besonders für Personen, die wegen Drogendelikten oder übermässig breit und vage definierten Anklagen wie «Feindschaft zu Gott» (moharebeh), «Verdorbenheit auf Erden» (ifsad fil-arz) oder «bewaffneter Rebellion gegen den Staat» (baghi) zum Tode verurteilt wurden, oft nach unfairen Gerichtsverfahren vor Revolutionsgerichten.
Den Angeklagten werden systematisch ihre Verfahrensrechte vorenthalten.
Recherchen von Amnesty International haben durchweg gezeigt, dass die für Belange der nationalen Sicherheit und für Drogendelikte zuständigen Revolutionsgerichte nicht unabhängig sind und nach Verfahren, die bei Weitem nicht den internationalen Standards entsprechen, harte Strafen verhängen. Den Angeklagten werden systematisch ihre Verfahrensrechte vorenthalten. Am 17. September 2025 exekutierten die iranischen Behörden willkürlich Babak Shahbazi, der im Mai nach einem unfairen Verfahren vor einem Revolutionsgericht zum Tode verurteilt worden war. Die von ihm erhobenen Folter- und Misshandlungsvorwürfe wurden von den Behörden nie untersucht.
Von der Anwendung der Todesstrafe besonders stark betroffen sind ausgegrenzte Minderheiten, insbesondere Angehörige von afghanischen, belutschischen und kurdischen Gemeinschaften. Mindestens zwei kurdische Frauen befinden sich derzeit im Todestrakt und sind in Gefahr, hingerichtet zu werden: die bei einer Hilfsorganisation tätige Pakhshan Azizi und die Dissidentin Verisheh Moradi.
Auch Afghan*innen sind im Iran besonders stark ins Visier geraten. Die Zahl der hingerichteten Afghan*innen hat sich mehr als verdreifacht: von 25 im Jahr 2023 auf 80 im Jahr 2024. Dieser alarmierende Trend geht mit zunehmend rassistischen Äusserungen seitens iranischer Behördenvertreter*innen einher, die sich auch im Jahr 2025 fortgesetzt haben. Zudem wurden so viele Afghan*innen wie noch nie in Massenabschiebungen aus dem Iran nach Afghanistan abgeschoben – auch Menschen, die im Iran geboren sind bzw. bereits seit Jahrzehnten dort lebten.
Seit 2021 steigt die Zahl der Hinrichtungen für Drogendelikte stetig an, obwohl das Völkerrecht und internationale Standards die Anwendung der Todesstrafe auf Drogendelikte streng verbieten.
Seit die Kampfhandlungen zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 eskalierten, haben hochrangige Regierungsvertreter*innen – darunter die Oberste Justizautorität Gholamhossein Mohseni Eje’i – dazu aufgerufen, Personen, denen die «Unterstützung» oder «Zusammenarbeit» mit feindlichen Staaten wie Israel vorgeworfen wird, beschleunigt vor Gericht zu stellen und hinzurichten. In diesem Kontext hat das iranische Parlament Gesetze verabschiedet, die im Fall einer Bestätigung durch den Wächterrat die Anwendung der Todesstrafe noch stärker ausweiten würden. Es könnten dann Todesurteile für vage formulierte Anklagen wie «Zusammenarbeit mit feindlichen Regierungen» und «Spionage» verhängt werden.
Seit dem 13. Juni 2025 sind mindestens zehn Männer wegen politisch motivierter Vorwürfe hingerichtet worden; mindestens acht von ihnen wurden der Spionage für Israel beschuldigt. Amnesty International hat das Schicksal vieler weiterer Menschen dokumentiert, denen wegen ähnlicher politisch motivierter Anschuldigungen die Hinrichtung droht. Unter ihnen befinden sich der schwedisch-iranische Wissenschaftler Ahmadreza Djalali und die Menschenrechtlerin Sharifeh Mohammadi, deren Schuldspruch und Todesurteil im August 2025 von der Abteilung 39 des Obersten Gerichtshofs bestätigt wurde.
Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe, da sie das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschriebene Recht auf Leben verletzt und die grausamste, unmenschlichste und erniedrigendste aller Strafen darstellt.