Israel / Besetztes palästinensisches Gebiet

Geiseln dürfen nicht länger als Faustpfand missbraucht werden

Palästinensische bewaffnete Gruppen müssen alle Zivilist*innen, die im besetzten Gazastreifen als Geiseln festgehalten werden, unverzüglich und bedingungslos freilassen. Dies fordert Amnesty International fast zwei Jahre nach deren Entführung während der von der Hamas angeführten Angriffe und verübten Gräueltaten im Süden Israels am 7. Oktober 2023. Die Menschenrechtsorganisation fordert ausserdem einen sofortigen Waffenstillstand und ein Ende des anhaltenden Völkermords an den Palästinenser*innen in Gaza.

Details

Die derzeitige militärische Eskalation Israels im Gazastreifen, insbesondere in Gaza-Stadt, hat nicht nur katastrophale Folgen für die Palästinenser*innen, die um ihr Überleben in einer künstlich herbeigeführten Hungersnot und gegen Vertreibung kämpfen. Sie gefährdet auch das Leben der Israelis und anderer Personen, die von palästinensischen bewaffneten Gruppen als Geiseln gehalten werden. Am 20. September 2025 veröffentlichten die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, ein sogenanntes «Abschiedsbild» mit Fotos von Personen, die noch immer als Geiseln festgehalten werden, und schürte damit die Angst um deren Schicksal.

Von den 47 Personen, die weiterhin rechtswidrig festgehalten werden, sind vermutlich etwa 20, allesamt Männer, noch am Leben. Sie sind in grosser Gefahr, getötet, gefoltert oder anderweitig misshandelt zu werden. Sie sind die letzten Überlebenden von 251 Personen – überwiegend Zivilist*innen – , die während der brutalen Angriffe der Hamas am 7. Oktober 2023 festgenommen und in den meisten Fällen lebend nach Gaza verschleppt wurden. In 36 Fällen soll die Hamas Leichen von Menschen verschleppt haben, die während der Angriffe getötet wurden. Mindestens 48 Geiseln, die lebend gefangen genommen worden waren, sollen in Gaza ums Leben gekommen sein. Andere wurden im Rahmen von Verhandlungen freigelassen oder bei israelischen Militäraktionen befreit, von denen eine zum Tod von Hunderten von Palästinenser*innen führte.

Die Geiselnahme ist ein schwerer Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht und stellt ein Kriegsverbrechen dar.

«Jeder Moment der Untätigkeit kostet weitere Menschenleben und verschlimmert das Leid der Zivilbevölkerung. Ein sofortiger Waffenstillstand ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern eine globale Verantwortung. Israel muss seinen Völkermord an den Palästinenser*innen in Gaza, einschliesslich der Politik der absichtlichen Aushungerung und Massenvertreibung unverzüglich beenden. Die palästinensischen bewaffneten Gruppen müssen alle zivilen Geiseln sofort freilassen», sagte Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International.

«Bis zu ihrer Freilassung muss die Hamas sicherstellen, dass alle Geiseln human behandelt werden, Zugang zu internationalen Beobachtern erhalten und regelmässig in Würde mit ihren Familien und Angehörigen kommunizieren dürfen. Die Hamas und andere palästinensische bewaffnete Gruppen müssen ausserdem unverzüglich und bedingungslos die sterblichen Überreste aller am 7. Oktober 2023 verschleppten Personen überstellen. Alles andere stellt schwere Verbrechen nach internationalem Recht dar und ist eine Qual für Familien, die verzweifelt auf die sichere Rückkehr oder zumindest Nachrichten von ihren Angehörigen warten.»

Die Erklärungen und Handlungen der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad haben deutlich gemacht, dass sie sowohl Zivilpersonen als auch Soldat*innen als Faustpfand einsetzen, um die israelischen Behörden dazu zu zwingen, ihre militärischen Angriffe einzustellen, alle willkürlich inhaftierten palästinensischen Gefangenen freizulassen und die Blockade des Gazastreifens sowie ihre rechtswidrige Besetzung des palästinensischen Gebiets zu beenden. Dieses Verhalten entspricht der Definition von Geiselnahme nach internationalem Recht. Die Geiselnahme ist ein schwerer Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht und stellt ein Kriegsverbrechen dar.

Amnesty International bekräftigt zudem ihre Forderungen nach einem sofortigen Waffenstillstand und nach einem Ende des anhaltenden Völkermords Israels an den Palästinenser*innen in Gaza. Im Laufe des vergangenen Monats hat Israel seine Vernichtungskampagne gegen die Palästinenser*innen verstärkt, wodurch Hunderte weitere Zivilpersonen starben, zivile Infrastruktur gezielt zerstört und Hunderttausende Palästinenser*innen gewaltsam vertrieben wurden. Palästinenser*innen, die unrechtmässig inhaftiert wurden, müssen unverzüglich freigelassen werden. Die sterblichen Überreste von mindestens 730 Palästinenser*innen (Angaben der Jerusalem Legal Aid and Human Rights Centers JLAC), die von Israel zurückgehalten werden, müssen freigegeben werden.

«Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Menschen als Geiseln zu nehmen oder Personen ohne Anklage oder Gerichtsverfahren willkürlich über einen längeren Zeitraum hinweg festzuhalten. Die Welt darf sich nicht von der Menschlichkeit abwenden», sagte Agnès Callamard.

Körperliche, sexuelle und psychische Misshandlung von Geiseln

Israelis und andere Staatsangehörige, die als Geiseln genommen wurden, haben seit dem 7. Oktober 2023 eine qualvolle Tortur durchlebt. Alle Geiseln wurden ohne Kontakt zur Aussenwelt festgehalten, sodass ihnen bis zu ihrer Freilassung jeglicher Kontakt zu ihren Familien und jeglicher Zugang zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) verwehrt blieb. Viele Familien erhielten monatelang oder sogar noch länger keinerlei Lebenszeichen, die ihnen Aufschluss darüber gegeben hätten, ob ihre Angehörigen noch lebten oder bereits tot waren.

In Aussagen, die sie gegenüber Amnesty International, den Medien oder medizinischem Fachpersonal gemacht haben, gaben freigelassene Geiseln an, während ihrer Gefangenschaft misshandelt worden zu sein. Eine freigelassene Geisel berichtete Amnesty International, dass er und vier weitere Männer nach ihrer Gefangennahme mehrere Tage lang geschlagen worden seien und dass sie in einem Tunnel festgehalten wurden ohne ausreichend Nahrung und Wasser zu erhalten. Mindestens fünf weitere Männer und eine Frau haben öffentlich berichtet, dass sie geschlagen und körperlich misshandelt wurden. Vier Frauen, zwei Mädchen und zwei Männer haben öffentlich berichtet, dass sie sexuellen Übergriffen, erzwungener Nacktheit oder der Androhung einer Zwangsheirat ausgesetzt waren. Dies sind Formen körperlicher und sexualisierter Gewalt, die nach internationalem Recht Folter oder anderer Misshandlung gleichkommen.

Ein medizinischer Fachmann, der an der Behandlung der im November 2023 freigelassenen Geiseln beteiligt war, berichtete Amnesty International, dass einige Geiseln angaben, geschlagen worden zu sein. Zudem wurden sie gezwungen, Gewalttaten mitanzusehen oder sich daran zu beteiligen. Sie wurden isoliert und in völliger Dunkelheit festgehalten und ihrer Grundbedürfnisse beraubt, was zu schwerwiegenden und langfristigen psychischen und physischen Gesundheitsproblemen geführt habe.

Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschliesslich Ostjerusalem und Israel (Uno-Untersuchungskommission), erklärte im September 2024, dass sie «glaubwürdige Informationen darüber erhalten habe, dass einige Geiseln während ihrer Gefangenschaft sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt waren». Das Büro des Sonderbeauftragten des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für sexualisierte Gewalt in Konflikten und die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs berichteten ebenfalls, dass sie Beweise für sexualisierte Gewalt gegen Geiseln gefunden hätten, Vergewaltigungen eingeschlosseen. Die Vor-Verfahrenskammer des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) stellte bei der Genehmigung des Antrags einer Klägerin auf einen Haftbefehl gegen Mohammed Diab Ibrahim Al-Masri (bekannt als Mohammed Deif), den Kommandeur des militärischen Flügels der Hamas, fest, dass «einige Geiseln, vor allem Frauen, während ihrer Gefangenschaft in Gaza sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt waren, darunter erzwungene Penetration, erzwungene Nacktheit und erniedrigende und entwürdigende Behandlung».

Palästinensische bewaffnete Gruppen trennten die als Geiseln gehaltenen Familienmitglieder absichtlich voneinander und hielten einige Kinder völlig allein gefangen, wie aus Aussagen hervorgeht, die freigelassene Geiseln gegenüber medizinischem Fachpersonal gemacht haben. Erez Calderon, der zum Zeitpunkt seiner Entführung aus Nir Oz elf Jahre alt war und dessen Gefangennahme auf einem von Amnesty International verifizierten Video festgehalten wurde, berichtete israelischen Medien, dass er getrennt von seinem Vater und seiner Schwester festgehalten wurde. Dies wurde von Erez' Familienangehörigen in separaten Medienberichten bestätigt.

Die Hamas und palästinensische bewaffnete Gruppen haben zudem Fotos und Videos von Geiseln veröffentlicht, die oft verletzt, unter Schmerzen, in Angst um ihr Leben oder ihre Freilassung flehend zu sehen sind. Sie haben Geiseln während ihrer Entführung und bei demütigenden «Freilassungszeremonien» auch öffentlich vorgeführt. Geiseln einer solchen demütigenden und erniedrigenden Behandlung auszusetzen, ist eine Form der Verletzung der persönlichen Würde, die nach dem humanitären Völkerrecht verboten ist und ein Kriegsverbrechen darstellt.

Die Geiselnahme und die Ausstrahlung von Videos, die das Leiden der Geiseln zeigen, sind nicht nur ein Verbrechen gegen die unmittelbaren Opfer, sondern auch eine Form der Folter oder anderer Misshandlungen der Angehörigen.

Ende Juli und Anfang August 2025 veröffentlichten palästinensische bewaffnete Gruppen Online-Videos von zwei Geiseln, die darauf hindeuteten, dass sie schwer misshandelt wurden. Einer der Geiseln, Rom Braslavski, ist in einem Video mit dem Logo der Al-Quds-Brigaden, dem militärischen Flügel des Palästinensischen Islamischen Dschihad, zu sehen, wie er abgemagert und weinend auf dem Boden eines Tunnels liegt. Er sagt, er sei zu schwach, um zu stehen, und stehe kurz vor dem Tod. Das Leid der Familie wurde noch dadurch verstärkt, dass der Palästinensische Islamische Dschihad behauptete, seit der Aufnahme des Videos den Kontakt zu Roms Entführern verloren zu haben. Ein am 2. August 2025 von den Al-Qassam-Brigaden veröffentlichtes Video von Evyatar David zeigt, wie er abgemagert in einem Tunnel liegt und gezwungen wird, ein Grab zu schaufeln, von dem er sagt, es sei sein eigenes. Er beschreibt detailliert und mit Verweis auf einen kommentierten Kalender, dass er mehrere Tage hintereinander keine Nahrung erhalten hat. Unter diesen Umständen gezwungen zu werden, sein eigenes Grab zu schaufeln, kommt ebenso Folter gleich wie die absichtliche Verweigerung von Nahrung über längere Zeiträume in Gefangenschaft und psychische Misshandlung.

Die Geiselnahme und die Ausstrahlung von Videos, die das Leiden der Geiseln zeigen, sind nicht nur ein Verbrechen gegen die unmittelbaren Opfer, sondern auch eine Form der Folter oder anderer Misshandlungen der Angehörigen.

Geiselnahme und Entführung von Personen

Auf der Grundlage von Videoaufnahmen und Zeug*innenaussagen hat Amnesty International Fälle dokumentiert, in denen Einzelpersonen, Paare und Familien am 7. Oktober 2023 in mehreren zivilen Gemeinden aus ihren Häusern vertrieben und nach Gaza gebracht wurden, unter anderem von Mitgliedern der Al-Qassam-Brigaden. Ebenso hat die Organisation die Entführung junger Menschen vom Gelände des Nova-Musikfestivals und aus der Umgebung dokumentiert.

Shoshan Haran, Gründerin und Präsidentin von Fair Planet, einer israelischen Entwicklungs-NGO, und Mitglied von Women Wage Peace, einer Basis-Friedensbewegung, wurde zusammen mit sechs weiteren Familienmitgliedern, darunter drei Kinder, entführt und von der Hamas als Geisel festgehalten. Shoshan, die in Be'eri, einem Kibbuz etwa 4 km vom Grenzzaun um Gaza entfernt, lebte und zum Zeitpunkt der Entführung 67 Jahre alt war, berichtete Amnesty International, dass sie und ihre Familie sich nach Erhalt einer Warnung über WhatsApp in ihrem Schutzraum versteckt hatten. Shoshan berichtete Amnesty International, dass bewaffnete Männer sie aus dem Schutzraum gezwungen hätten. Einer von ihnen habe sie auf Englisch angeschrien: «Frauen, Kinder, mitnehmen. Männer, boom-boom.» Anschliessend wurden sie nach Gaza gebracht. Als sie und fünf Mitglieder ihrer Familie aus ihrer, wie sie es beschrieb, «schrecklichen 50-tägigen Gefangenschaft» befreit wurden, erfuhr sie, dass ihr Ehemann, Avshalom Haran, getötet worden war, nachdem die Familie aus ihrem Schutzraum gezwungen worden war. Ihr Schwiegersohn, Tal Shoham, der zusammen mit ihr entführt worden war, verbrachte über 500 Tage in Gefangenschaft, bevor er freigelassen wurde.

Shoshans Schwester Lilach Kipnis, deren Ehemann Eviatar Kipnis, und Paul Castelvi, ein philippinischer Staatsbürger, der als Pflegekraft bei der Familie arbeitete, gehörten ebenfalls zu den Opfern des Angriffs auf den Kibbuz.

Tötung von Geiseln

Die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, und die Al-Quds-Brigaden, der militärische Flügel des Palästinensischen Islamischen Dschihad, haben in öffentlichen Erklärungen damit gedroht, die von ihnen festgehaltenen israelischen Geiseln als Vergeltung für israelische Aktionen zu töten oder Rettungsaktionen des israelischen Militärs zu verhindern.

Am 1. September 2024 gab das israelische Militär bekannt, dass es am Vortag die Leichen von sechs israelischen Geiseln aus einem unterirdischen Tunnel in Rafah geborgen hatte, und zwar in der Nähe der Stelle, an der die israelischen Streitkräfte im August 2024 eine andere Geisel, den 52-jährigen Qaid Farhan Alkadi, allein, aber lebendig, in einem Tunnel gefunden hatten.

Der Sprecher der Al-Qassam-Brigaden, Abu Obaida, veröffentlichte am 2. September 2024 in den sozialen Medien drei Erklärungen, die offenbar eine Reaktion auf die Ankündigung des israelischen Militärs darstellen und darauf hindeuten, dass die sechs getötet wurden, um ihre Rettung zu verhindern.

Im Jahr 2025 verstärkten die Al-Qassam-Brigaden ihre Drohungen, die verbleibenden israelischen Geiseln zu töten. Wie in einem von Amnesty International analysierten Video zu sehen ist, zwangen sie am 15. Februar 2025 eine der drei israelischen Geiseln, die im Rahmen eines ausgehandelten Geiselaustauschs freigelassen werden sollten, dazu, eine Sanduhr über ein Foto von Matan Zangauker, einer der noch in Gaza festgehaltenen Geiseln, zu halten, um damit zu drohen, dass die Zeit für die verbleibenden Geiseln ablaufe. Am 24. März 2025 veröffentlichten die Al-Qassam-Brigaden ein weiteres Video, auf dem zwei Geiseln zu sehen sind, die für einen Austausch von Geiseln und Gefangenen plädieren, da dies ihre einzige Überlebenschance sei.

Die Leichen von drei der bekanntesten am 7. Oktober 2023 entführten Geiseln, der argentinisch-israelischen Shiri Bibas und ihrer beiden Söhne – des neun Monate alten Kfir Bibas und des vierjährigen Ariel Bibas – wurden am 21. Februar 2025 im Rahmen eines ausgehandelten Geiselaustauschs an ihre Familie zurückgegeben. Drei Wochen zuvor hatten die Al-Qassam-Brigaden Yarden Bibas, den Ehemann von Shiri und Vater der Kinder, freigelassen, der getrennt von seiner Frau und seinen Kindern festgehalten worden war.

Shiri und ihre beiden Söhne lebten und waren unverletzt, nachdem sie am 7. Oktober 2023 aus Nir Oz entführt wurden. In einem Video, das auf den 20. Dezember 2024 datiert ist, erklärte ein Sprecher der Mudschaheddin-Brigaden, des militärischen Flügels der palästinensischen Mudschaheddin-Bewegung, dass sie zusammen mit ihren Entführern bei einem israelischen Luftangriff getötet worden seien. Die Al-Qassam-Brigaden gaben eine Erklärung in diesem Sinne ab. Weder die Mudschaheddin-Brigaden noch die Al-Qassam-Brigaden legten Beweise vor, um ihre Behauptungen zu belegen. Die israelischen Behörden gaben an, die Opfer seien von ihren Entführern getötet worden, legten aber ebenfalls keine Beweise vor.

Einige Geiseln wurden durch das israelische Militär getötet. Der bekannteste Fall ist der von Yotam Haim, 28 Jahre, Samer Talalka, 22 Jahre, und Alon Shamriz, 26 Jahre, die am 15. Dezember 2023 im Stadtteil Shuja'iya in Gaza-Stadt erschossen wurden, wo die israelischen Streitkräfte auf erheblichen Widerstand der örtlichen bewaffneten palästinensischen Gruppen stiessen. Das israelische Militär übernahm umgehend die Verantwortung für diese Tötungen, während es im Fall der drei anderen Geiseln – Nik Beizer, Ron Sherman und Elia Toledano – zehn Monate dauerte, bis die Armee bekannt gab, dass sie bei einem Luftangriff im November 2023 getötet worden waren.

Hintergrund

Bei den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 im Süden Israels wurden rund 1200 Menschen getötet. Mehr als 800 von ihnen waren Zivilpersonen, darunter mindestens 36 Kinder. Bei den Opfern handelte es sich in erster Linie um jüdische Israel*innen, aber auch um beduinische Bürger*innen Israels sowie um zahlreiche ausländische Arbeitsmigrant*innen, Student*innen und Asylsuchende. Mehr als 4000 Menschen wurden verletzt, und Hunderte von Häusern und zivilen Einrichtungen wurden zerstört oder unbewohnbar gemacht. Amnesty International ist zu dem Schluss gekommen, dass die bewaffneten palästinensischen Gruppen während der Angriffe Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht und Kriegsverbrechen begangen haben und weiterhin Verbrechen nach dem Völkerrecht begehen, indem sie Geiseln festhalten und misshandeln und die beschlagnahmten Leichen zurückhalten.

Im Mai 2024 beantragte die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs Haftbefehle gegen die Hamas-Führer Ismail Haniyeh, Mohammed Deif und Yahya Sinwar wegen ihrer mutmasslichen Verantwortung für Kriegsverbrechen und/oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ab dem 7. Oktober 2023 begangen wurden. Im November 2024 erliess die Vorverfahrenskammer des Gerichtshofs einen Haftbefehl gegen Mohammed Deif. Die Kammer stellte das Verfahren gegen die drei Palästinenser*innen jedoch ein, nachdem bestätigt worden war, dass sie bei israelischen Militäroperationen getötet worden waren.

Die Militäroffensive, die Israel nach den Angriffen vom 7. Oktober 2023 startete, hat nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums im Gazastreifen mehr als 65‘000 Menschen getötet, darunter über 18‘000 Kinder, und mehr als 200‘000 verletzt. Zehntausende Palästinenser*innen im Gazastreifen sind nach wie vor unauffindbar; man vermutet ihre Leichen unter den Trümmern zerstörter Gebäude oder in Gebieten, die aufgrund israelischer Militäroperationen unzugänglich sind. Nach Angaben des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) wurden 78 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen durch die israelischen Militäroperationen zerstört oder beschädigt.

Im November 2024 erliess die Vorverfahrenskammer des Internationalen Strafgerichtshofs Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und den israelischen Verteidigungsminister Yoav Gallant wegen des Kriegsverbrechens des Aushungerns von Zivilpersonen und der vorsätzlichen Leitung eines Angriffs gegen die Zivilbevölkerung sowie wegen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit des Mordes, der Verfolgung und anderer unmenschlicher Handlungen.

Im Dezember 2024 kam Amnesty International zu dem Schluss, dass Israel einen Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen begeht, indem es sie tötet, ihnen schwere körperliche oder seelische Schäden zufügt und ihnen vorsätzlich Lebensbedingungen auferlegt, die auf ihre physische Zerstörung abzielen. Tausende Palästinenser*innen aus Gaza wurden während der israelischen Militäroperationen festgenommen, viele von ihnen wurden öffentlich zur Nacktheit gezwungen und gefoltert, bevor sie in Gefangenenlager und Gefängnisse innerhalb Israels gebracht wurden.

Während ihrer Inhaftierung haben die israelischen Behörden sie systematisch gefoltert oder anderweitig misshandelt, u. a. durch Aushungern, körperliche und sexualisierte Gewalt, und ihnen den Zugang zu unabhängigen Beobachtern*innen und humanitären Organisationen verwehrt. Seit dem 7. Oktober 2023 sind nach Angaben der palästinensischen Gefangenenkommission mindestens 76 Palästinenser*innen in israelischem Gewahrsam gestorben. Man geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der palästinensischen Todesopfer in Gewahrsam höher ist.

Die Anschläge vom 7. Oktober 2023 fanden vor dem Hintergrund der anhaltenden israelischen Besatzung der besetzten Gebiete und der weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen statt, die von den israelischen Streitkräften gegen die Palästinenser*innen begangen werden, einschliesslich der Auferlegung eines Apartheidsystems gegen die Palästinenser*innen und der seit 2007 bestehenden illegalen Blockade des Gazastreifens.

Medienmitteilung 30. September 2025, London/Bern – Medienkontakt