Nordkorea

Menschen werden hingerichtet, weil sie südkoreanische Fernsehsendungen schauen

Wer in Nordkorea südkoreanische Fernsehsendungen schaut, dem drohen hohe Strafen – bis hin zur Hinrichtung. Dies berichten geflüchtete Nordkoreaner*innen gegenüber Amnesty International. Kinder werden gezwungen, zur Abschreckung öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen. Reiche Nordkoreaner*innen dagegen entgehen den härtesten Strafen oft durch Bestechung korrupter Beamt*innen.

Details

Der Konsum südkoreanischer Fernsehsendungen wird in Nordkorea hart bestraft, denn ausländische Medien sind im Land verboten. Nordkoreaner*innen, die erwischt werden, müssen mit öffentlicher Demütigung, jahrelanger Haft in Arbeitslagern oder sogar mit der Hinrichtung rechnen – wobei die härtesten Strafen diejenigen treffen, die zu arm sind, um Bestechungsgelder zu zahlen. Dies berichten Nordkoreaner*innen, die aus dem Land geflohen sind, gegenüber Amnesty International. Viele der Befragten leben in ständiger Angst vor Hausdurchsuchungen und willkürlichen Verhaftungen.

«Arbeiter*innen schauen es offen, Parteifunktionär*innen schauen es stolz, Sicherheitsbeam*innen schauen es heimlich und Polizist*innen schauen es sicher. Jeder weiss, dass alle es schauen, auch diejenigen, die die Razzien durchführen.» Ein Befragter

«Nordkorea setzt dystopische Gesetze durch, nach denen das Anschauen einer südkoreanischen Fernsehsendung das Leben kosten kann – es sei denn, man kann es sich leisten, dafür zu bezahlen», sagte Sarah Brooks, stellvertretende Regionaldirektorin von Amnesty International. «Die Behörden kriminalisieren den Zugang zu Informationen unter Verletzung des Völkerrechts und erlauben dann Beamt*innen, von Bestechungsgeldern zu profitieren. Das ist Unterdrückung gepaart mit Korruption, und sie trifft diejenigen am härtesten, die weder über Vermögen noch über Beziehungen verfügen.»

Meinungsfreiheit wird bestraft

Amnesty International führte im Jahr 2025 25 Interviews mit geflüchteten Nordkoreaner*innen durch, wobei die letzte Person im Juni 2020 flüchtete. Die meisten von ihnen waren zum Zeitpunkt ihrer Flucht zwischen 15 und 25 Jahre alt. Seit 2020 sind Fluchtversuche aufgrund der Grenzschliessungen wegen Covid-19 äusserst selten geworden.

Nordkorea ist betreffend Meinungsfreiheit eines der restriktivsten Länder der Welt. Der Zugang zu ausländischen Kulturen oder Informationen wurde bereits vor 2020 aktiv bestraft wurde, unter anderem mit der Todesstrafe. Die Einführung des Gesetzes gegen reaktionäres Denken und Kultur von 2020, das südkoreanische Inhalte als «verfaulte Ideologie, die den revolutionären Sinn des Volkes lähmt» definiert, ermöglicht die Fortsetzung dieser strengen Strafen. Das neue Gesetz sieht zwischen fünf und 15 Jahren Zwangsarbeit für das Ansehen oder Besitzen südkoreanischer Dramen, Filme oder Musik vor und schreibt schwere Strafen bis hin zur Todesstrafe für die Verbreitung «grosser Mengen» solcher Inhalte oder für die Organisation von Gruppenvorführungen vor.

Trotz der hohen Risiken beschrieben die Befragten eine Gesellschaft, in der der Konsum südkoreanischer und anderer ausländischer Medien weit verbreitet ist. Dramen und Filme werden häufig auf USB-Sticks aus China eingeschmuggelt, die junge Nordkoreaner auf „Notetels“ – Notebooks mit eingebautem Fernseher – ansehen.

Reiche entgehen Strafen durch Bestechungsgelder

Die befragten Nordkoreaner*innen berichteten Amnesty International, dass die Menschen häufig südkoreanisches Fernsehen schauten, obwohl sie wussten, dass sie damit extreme Strafen riskierten. Wer jedoch in der Lage war, Bestechungsgelder zu zahlen, konnte den schlimmsten Strafen entgehen.

«Menschen ohne Geld verkaufen ihre Häuser, damit sie aus den Umerziehungslagern entkommen können», sagte Choi Suvin, 39, der Nordkorea 2019 verlassen hat.

Kim Joonsik, 28, wurde dreimal beim Anschauen südkoreanischer Dramen erwischt, bevor er 2019 das Land verliess, entging jedoch einer Strafe, weil seine Familie Verbindungen zu Beamt*innen hatte. «Wenn Schüler erwischt werden und ihre Familie Geld hat, bekommen sie normalerweise nur eine Verwarnung», sagte er. «Ich wurde nicht strafrechtlich verfolgt, weil wir Verbindungen hatten.»

 

«Die Botschaft lautet: Das passiert [wenn man südkoreanische Sendungen schaut]. Ich habe zwei Hinrichtungen gesehen, beide Male in der Mittelschule.» Ein Befragter

 

Er berichtete jedoch, dass drei Freundinnen seiner Schwestern Ende der 2010er Jahre wegen des Anschauens südkoreanischer Fernsehserien zu mehrjährigen Haftstrafen in Arbeitslagern verurteilt wurden. Ihre Familien konnten sich keine Bestechungsgelder leisten. Als Kims eigene Schwester verhaftet wurde, zahlte die Familie 9.000 US-Dollar für ihre Freilassung. Die Bestechungsgelder in der Höhe von 5.000 bis 10.000 US-Dollar entsprechen für die meisten nordkoreanischen Familien dem Einkommen mehrerer Jahre und sind daher für alle ausser den Reichsten unerreichbar.

Auch Beamt*innen konsumieren südkoreanische Medien

Seit Jahrzehnten setzt die nordkoreanische Regierung Berichten zufolge eine spezielle Strafverfolgungseinheit ein, um gegen den Konsum ausländischer Medien vorzugehen. Diese als «Gruppe 109» bekannte Einheit führt ohne Durchsuchungsbefehl Haus- und Strassendurchsuchungen durch und ist in den verschiedensten Regionen des Landes aktiv, was auf einen landesweiten, systematischen Ansatz zur Durchsetzung dieser restriktiven Gesetze hindeutet.

Die Befragten gaben an, dass Sicherheitsbeamt*innen aktiv Bestechungsgelder von Personen, die wegen des Konsums ausländischer Medien verhaftet wurden, und von deren Familien verlangen. Dabei ist klar, dass Beamt*innen selbst auch südkoreanische Medien konsumieren. Ein Befragter beschrieb das offene Geheimnis: „Arbeiter*innen schauen es offen, Parteifunktionär*innen schauen es stolz, Sicherheitsbeam*innen schauen es heimlich und Polizist*innen schauen es sicher. Jeder weiss, dass alle es schauen, auch diejenigen, die die Razzien durchführen.»

Dennoch scheint es, dass regelmässige Razzien den üblichen Betrieb dieses Bestechungssystems vorübergehend gestört haben. Kim Gayoung, 32, der Nordkorea im Juni 2020 verlassen hat, beschrieb, wie der nordkoreanische Führer Kim Jong Un Ende der 2010er Jahre mit «intensiven Razzien» begann. Während dieser Zeit standen die Beamten unter Druck, Ergebnisse vorzuweisen, wodurch Bestechungsgelder selbst für wohlhabende oder gut vernetzte Familien weniger wirksam wurden.

«Mein Cousin arbeitete im Volkskomitee [der lokalen Verwaltungsbehörde]. Er sagte, wenn jemand erwischt wurde, würde ihm niemand helfen. Selbst mit Bestechungsgeldern oder Beziehungen gab es keine Garantie für Hilfe, weil die Razzien so streng geworden waren», sagte sie.

Öffentliche Hinrichtungen sind weit verbreitet

Die Befragten beschrieben, wie Nordkorea öffentliche Hinrichtungen einsetzt, um ganze Gemeinden zu terrorisieren und zur Gehorsamkeit zu zwingen. Choi Suvin wurde «2017 oder 2018» in Sinuiju in der Provinz Nord-Pyongan Zeugin einer öffentlichen Hinrichtung einer Person, die beschuldigt wurde, ausländische Medien verbreitet zu haben. Zehntausende Menschen wohnten der Hinrichtung bei. «Die Behörden forderten alle auf, hinzugehen» sagte sie. «Sie richten Menschen hin, um uns einer Gehirnwäsche zu unterziehen.»

Einige Befragte berichteten, dass Schulen Schüler*innen systematisch dazu zwangen, im Rahmen der «ideologischen Erziehung» öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen. Die Hinrichtungen wurden durch Erschiessungskommandos vollstreckt – in einem Fall feuerte ein Kommando aus zehn Personen etwa 30 Schüsse auf den Verurteilten ab. In einigen Fällen legten die Behörden den Opfern eine Substanz in den Mund, um sie daran zu hindern, vor der Hinrichtung zu sprechen. 

Ein Befragter, der 2017 floh, beschrieb, wie Mittel- und Oberschulen in Chongjin in der Provinz Nord-Hamgyong angewiesen wurden, Hinrichtungen zuzusehen. «Die Botschaft lautet: Das passiert [wenn man südkoreanische Sendungen schaut]. Ich habe zwei Hinrichtungen gesehen, beide Male in der Mittelschule.»

Schulen dienen auch als Orte der öffentlichen Demütigung. Kim Yerim, 26, die 2019 floh, wurde Zeugin, wie zehn Oberstufenschüler stundenlangen «öffentlichen Kritikrunden» ausgesetzt wurden, weil sie ausländisches Fernsehen gesehen hatten. «Die Behörden versammelten Grund-, Mittel- und Oberschüler, um ihnen zu zeigen, was passiert, wenn man etwas Falsches tut», sagte sie. «Mehrere Stunden lang kritisierten Funktionäre der Jugendliga und anderer Parteiorganisationen die Beschuldigten und sagten: ‚Euer Geist ist verdorben‘, ‚Euch fehlt es an ideologischer Vorbereitung‘.»

Die Schulen führen regelmässig ideologische Schulungen über die Gefahren ausländischer Medien durch oder besuchen mit den Schüler*innen Gerichtsverhandlungen zur Abschreckung.

Ende der Hinrichtungen gefordert

Amnesty International fordert die nordkoreanische Regierung auf, die Meinungsfreiheit, einschliesslich des Rechts auf Zugang zu Informationen, zu achten und zu schützen und alle Gesetze, die den Zugang zu Informationen ungerechtfertigt unter Strafe stellen, einschliesslich des Gesetzes gegen reaktionäres Denken und Kultur von 2020, dringend aufzuheben. Die nordkoreanische Regierung muss die Todesstrafe für alle Straftaten abschaffen und als ersten Schritt dringend ein offizielles Moratorium für alle Hinrichtungen, einschliesslich öffentlicher Hinrichtungen, verhängen. Insbesondere Kinder müssen vor der grausamen Konfrontation mit öffentlichen Hinrichtungen geschützt werden.

Die Regierung muss auch die willkürliche Inhaftierung beenden und die diskriminierende Behandlung aufgrund von Vermögen oder sozialem Status einstellen. Die Behörden müssen die gleiche Anwendung des Gesetzes sicherstellen und allen Personen, die einer Straftat beschuldigt werden, ein faires Verfahren gemäss internationalen Standards garantieren.

«Die Angst dieser Regierung vor Informationen hat die gesamte Bevölkerung effektiv in einen ideologischen Käfig gesperrt und ihnen den Zugang zu den Ansichten und Gedanken anderer Menschen genommen. Menschen, die mehr über die Welt ausserhalb Nordkoreas erfahren oder einfache Unterhaltung aus dem Ausland suchen wollen, müssen mit härtesten Strafen rechnen», sagte Sarah Brooks. «Dieses völlig willkürliche System, das auf Angst und Korruption basiert, verstösst gegen grundlegende Prinzipien der Gerechtigkeit. Es muss abgeschafft werden, damit die Nordkoreaner *innen endlich die Freiheiten geniessen können, auf die sie Anspruch haben.»

Zu den Hintergründen

Die Grenzschliessungen aufgrund von Covid-19 zwischen 2020 und 2023 haben die Ausreise von Nordkorean*innen weitgehend zum Erliegen gebracht, sodass die Zahl der Ankünfte in Südkorea von 1.047 im Jahr 2019 auf 224 im Jahr 2025 zurückgegangen ist. Die Flucht selbst dauert in der Regel Monate bis Jahre, in denen die Betroffenen dem Risiko von Menschenrechtsverletzungen und Misshandlungen ausgesetzt sind. Aufgrund dieser traumatischen Reise brauchen Geflüchtete oft Zeit, bevor sie aussagen können. Nach ihrer Ankunft in Südkorea müssen sie sich einer Befragung durch die südkoreanischen Behörden unterziehen und an Umsiedlungsprogrammen teilnehmen.

Amnesty International berichtet zwar regelmässig über öffentliche Hinrichtungen in Nordkorea und andere alarmierende Praktiken, doch aufgrund der strengen Beschränkungen des Zugangs zu Informationen ist es der Organisation nicht möglich, die weit verbreitete Anwendung der Todesstrafe in Nordkorea unabhängig zu überprüfen. Die Verabschiedung des Gesetzes über reaktionäres Denken und Kultur im Jahr 2020 bedeutete eine Kodifizierung einiger dieser harten Strafen.

Die Erfahrungen, von denen Geflüchtete aus Nordkorea berichten, scheinen mit den Praktiken übereinzustimmen, die nach den nordkoreanischen Gesetzen und Richtlinien der letzten Jahre zulässig sind. Sie zeigen auch eine interne Konsistenz über verschiedene Zeiträume und Regionen hinweg und stimmen mit den Erkenntnissen von Uno-Organisationen, insbesondere dem Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, überein.

Von Amnesty International im Jahr 2025 gesammelte Zeug*innenaussagen deuten darauf hin, dass der Konsum ausländischer Medien bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes von 2020 unter Strafe gestellt, strafrechtlich verfolgt und mit Todesstrafe geahndet wurde. Zeug*innenaussagen aus separaten Untersuchungen und Medienberichten deuten ebenfalls darauf hin, dass außergerichtliche Hinrichtungen ohne Ermittlungen, Gerichtsverfahren oder Urteile durchgeführt wurden.

Amnesty International konnte jedoch nicht feststellen, ob in diesen Fällen andere Gesetze zur Verurteilung von Personen herangezogen wurden und wenn ja, welche, oder ob die von den Befragten beobachteten Hinrichtungen aussergerichtlich vollstreckt wurden. Amnesty International lehnt die Todesstrafe bedingungslos ab, in allen Fällen und unter allen Umständen.

Die Gesetze und Praktiken Nordkoreas verstossen gegen internationale Menschenrechtsnormen, darunter den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, den das Land 1981 ratifiziert hat. Die systematische Zwangsvorführung öffentlicher Hinrichtungen vor Kindern stellt eine Vielzahl schwerwiegender Verstösse dar und verletzt auch die Rechte von Kindern gemäss der Konvention über die Rechte des Kindes, die Nordkorea 1990 ratifiziert hat.

Seit dem Waffenstillstand von 1953, der den Koreakrieg zwar unterbrach, aber nicht offiziell beendete, befinden sich Nord- und Südkorea technisch gesehen weiterhin im Kriegszustand, wobei die beiden Länder nach wie vor tief gespalten sind.

Amnesty International hat sich schriftlich an die Regierung der Demokratischen Volksrepublik Korea gewandt, um ihr diese Forschungsergebnisse mitzuteilen und um eine Stellungnahme zu den dokumentierten Vorwürfen zu bitten. Bislang ist noch keine Antwort eingegangen.

*Alle Namen sind Pseudonyme, um die Befragten zu schützen.

Medienmitteilung 4. Februar 2026, London/Bern – Medienkontakt