Am 14. Februar 2026 gaben Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Schweden und Grossbritannien bekannt, dass eine gemeinsame Untersuchung Spuren des hochtoxischen Stoffes Epibatidin in vor der Bestattung entnommenen Proben gefunden habe. Nur der russische Staat habe «Mittel, Motiv und Gelegenheit» für den Einsatz eines solchen Giftes gehabt. Grossbritannien kündigte an, den Fall der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu melden – ein Hinweis darauf, dass möglicherweise gegen internationales Chemiewaffenrecht verstossen wurde.
Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International, erklärte:
«Vor zwei Jahren ist Alexei Nawalny, ein gewaltloser politischer Gefangener und einer der furchtlosesten Kritiker von Korruption und staatlicher Unterdrückung in Russland, in einer abgelegenen Strafkolonie gestorben. Dass die russischen Behörden die Umstände seines Todes immer noch vertuschen, während neue Beweise auf den Einsatz eines Nervengifts hindeuten, ist erschütternd. Die Versuche, die Wahrheit zu verbergen, sind gescheitert.»
Sie würdigte zugleich den aussergewöhnlichen Mut der Freund*innen und Unterstütz*innen Nawalnys, die trotz enormer Risiken Beweise sicherten und so die Untersuchungen erst ermöglichten.
«Die Verantwortung für den Tod von Alexei Nawalny in Gewahrsam liegt beim russischen Staat.» Agnés Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International
Die russischen Behörden hatten Nawalny bereits vor seinem Tod systematisch schikaniert – durch wiederholte Inhaftierungen, Folter, lange Isolationshaft und eine staatlich orchestrierte Diffamierungskampagne. Sein schneller gesundheitlicher Verfall in Haft und die fehlende Bereitschaft, die Todesumstände transparent zu untersuchen, lassen schwere staatliche Verantwortung vermuten.
«Die Verantwortung für den Tod von Alexei Nawalny in Gewahrsam liegt beim russischen Staat», so Callamard. «Die Welt darf sich nicht mit einer staatlich verordneten Lüge zufriedengeben. Es braucht eine unabhängige internationale Untersuchung, um die Wahrheit aufzudecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.»
Parallel zu den ungeklärten Todesumständen geht der russische Staat mit wachsender Härte gegen Nawalnys Umfeld vor. Die von ihm gegründete Antikorruptionsstiftung FBK wurde zuerst als «extremistisch» und kürzlich sogar als «terroristisch» eingestuft – ein Schritt, der Unterstützer*innen lebenslange Haftstrafen einbringen kann.
Im vergangenen Jahr bestätigten russische Gerichte lange Haftstrafen gegen Nawalnys Anwälte Alexei Liptser, Wadim Kobzew und Igor Sergunin. Ebenfalls verurteilt wurden die Medienschaffenden Antonina Favorskaya, Sergei Karelin, Konstantin Gabov und Artyom Kriger, die über Nawalnys Arbeit berichtet hatten. Sie alle sitzen im Gefängnis, einzig weil sie ihre beruflichen und menschenrechtlichen Pflichten wahrgenommen haben.
Die Repression ist umfassend: Allein 2025 wurden mindestens 79 Strafverfahren wegen angeblicher Spenden an die FBK eingeleitet – ein markanter Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. 2022 waren es zwei Fälle, 2023 vier Fälle und 2024 27 Fälle gewesen. Mindestens 96 Personen wurden 2025 strafrechtlich verfolgt, oft wegen Spenden von wenigen Franken. Gerichte verhängten Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und zwölf Jahren. Die tatsächliche Zahl der Fälle dürfte deutlich höher liegen, da offizielle Statistiken fehlen.
Die umfassende und systematische Verfolgung von Sympathisant*innen Nawalnys nimmt jedes Jahr an Ausmass und Schärfe zu.
Amnesty International betont, dass die internationale Gemeinschaft angesichts dieser Entwicklungen nicht schweigen darf. Die Menschenrechtsorganisation fordert eine unabhängige internationale Untersuchung der Todesumstände von Alexei Nawalny und verlangt, dass alle Personen, die allein wegen ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Verbindung zu Nawalny oder seiner Arbeit verfolgt werden, unverzüglich und bedingungslos freigelassen und ihre ungerechtfertigten Verurteilungen aufgehoben werden.
Amnesty International fordert die Staatengemeinschaft und internationale Organisationen auf, die Verfahren gegen einzelne Personen öffentlich zu machen, internationale Überwachungs- und Rechenschaftsbemühungen zu unterstützen und den Anhänger*innen von Nawalny, die in Russland von einer politisch motivierten strafrechtlichen Verfolgung bedroht sind, internationalen Schutz, einschliesslich Asyl, zu gewähren.