Am 15. April 2026 jährt sich der Krieg im Sudan zum dritten Mal. Es ist einer der brutalsten Konflikte unserer Zeit. Jede Verschiebung der Frontlinien hat eine Spur von Tod und Zerstörung hinterlassen, die durch direkte und wahllose Angriffe auf Zivilist*innen, Plünderungen und die Zerstörung ziviler Infrastruktur, weit verbreitete sexualisierte Gewalt, die Einschränkung der humanitären Hilfe und Vergeltungsangriffe gekennzeichnet ist.
«Immer wieder haben die Konfliktparteien gezielt und wahllos Zivilpersonen ins Visier genommen, insbesondere während und nach der Einnahme von Städten und Ortschaften im ganzen Land. Sie verhindern weiterhin, dass humanitäre Hilfe diejenigen erreicht, die sie dringend benötigen», sagte Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International. «Die minimalen, halbherzigen und lustlosen Reaktionen der Afrikanischen Union, des Uno-Sicherheitsrats und anderer internationaler und regionaler Akteur*innen haben die Täter*innen nur ermutigt, diese Angriffe fortzusetzen. Die Welt muss nun dringend dem Schutz der Zivilbevölkerung im Sudan Priorität einräumen.»
Amnesty International fordert die internationale Gemeinschaft, darunter die Afrikanische Union, die Europäische Union, die Vereinten Nationen, aber auch die Schweiz zudem auf, der Rechenschaftspflicht für laufende Verbrechen nach dem Völkerrecht sowie andere schwere Menschenrechtsverletzungen und -verstösse im Sudan Vorrang einzuräumen. Der Uno-Sicherheitsrat muss die Verweisung des Darfur-Konflikts an den Internationalen Strafgerichtshof IStGH ausweiten, um auch die Ermittlung und strafrechtliche Verfolgung von Verbrechen einzubeziehen, die im übrigen Sudan begangen wurden.
Die internationale Gemeinschaft muss zudem für eine Aufstockung der Finanzmittel sorgen und Druck auf die Konfliktparteien ausüben, um einen ungehinderten humanitären Zugang zu gewährleisten, damit lebensrettende medizinische Versorgung für Zivilist*innen, einschliesslich Überlebender sexualisierter Gewalt, bereitgestellt werden kann.
«Der Konflikt im Sudan ist nicht vergessen; er wird bewusst ignoriert und vernachlässigt. Die Welt darf nicht länger wegschauen, während unzählige Menschen unsägliches Leid erdulden müssen», sagte Agnès Callamard.
Ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung
Seit Ausbruch des bewaffneten Konflikts hat Amnesty International systematische Angriffe auf Zivilisten sowohl durch die RSF als auch durch die SAF dokumentiert.
Zu den Verstössen gegen die Zivilbevölkerung zählen vorsätzliche und rechtswidrige Tötungen, Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, sexuelle Sklaverei und andere Formen sexualisierter Gewalt, Folter, Verschleppungen und weit verbreitete Plünderungen, die alle Kriegsverbrechen darstellen und von denen einige auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen können.
Während und nach einem gross angelegten Angriff auf Zamzam im April 2025, dem grössten Lager für Binnenvertriebene in Nord-Darfur im Sudan, töteten die RSF und ihre verbündeten Kräfte gezielt Zivilist*innen, plünderten und zerstörten zivile Objekte und nahmen Geiseln. Kämpfer*innen der RSF steckten zudem gezielt Wohnhäuser und Geschäfte in Brand, beschädigten wichtige zivile Infrastruktur und vertrieben dabei über 400‘000 Menschen.
Amnesty International hat zudem weitreichende Gräueltaten dokumentiert, welche die RSF seit der Übernahme der Stadt El Fasher begangen haben.
Die SAF hat Luftangriffe auf zivile Gebiete geflogen, darunter auf einen belebten Markt in der Stadt Kabkabiya in Nord-Darfur, wobei Dutzende Zivilpersonen getötet wurden. Die SAF und ihre Verbündeten haben zudem Vergeltungsangriffe gegen Zivilist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen durchgeführt, die als Kollaborateur*innen der RSF abgestempelt wurden. Mitglieder des sudanesischen Basisnetzwerks «Emergency Response Rooms», Aktivist*innen, Journalist*innen, medizinisches Fachpersonal, humanitäre Helfer*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen, und viele andere waren Angriffen, Schikanen, willkürlichen Inhaftierungen und Tötungen ausgesetzt.
Die anhaltenden Kämpfe in der Region Kordofan zwischen den SAF und der RSF fordern zudem einen hohen Tribut unter der Zivilbevölkerung. El Obeid in Nord-Kordofan wird derzeit von der RSF belagert. Der Konflikt droht zudem auf andere Gebiete überzugreifen, darunter den Bundesstaat Weißer Nil.
«Das Zeitfenster, um Gräueltaten in El Obeid und anderen Teilen der Region Kordofan zu verhindern, schliesst sich rasch. Wenn nicht schnell und koordiniert diplomatischer Druck auf beide Parteien ausgeübt wird, ist eine Wiederholung der in El Fasher begangenen Grausamkeiten unvermeidlich», sagte Agnès Callamard.
Ein Waffenembargo ist unerlässlich
Amnesty International hat bereits zuvor dokumentiert, wie kürzlich hergestellte Waffen in den Sudan und in dessen Umgebung geliefert wurden – unter eklatanter Missachtung des bestehenden Waffenembargos für die Region Darfur. Amnesty International hat mehrere Beweise gesammelt, die eine umfangreiche militärische Unterstützung der RSF durch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) belegen, was einen Verstoss gegen das Völkerrecht darstellt. Auch in Frankreich hergestellte Waffensysteme wurden auf den Schlachtfeldern im Sudan eingesetzt, ebenso wie Waffen aus China, Russland und der Türkei. Die Vereinigten Arabischen Emirate und alle anderen Länder müssen ihre Waffenlieferungen in den Sudan unverzüglich einstellen. Solange die Vereinigten Arabischen Emirate die RSF weiter mit Waffen beliefern, müssen alle internationalen Waffenlieferungen an die Vereinigten Arabischen Emirate eingestellt werden.
Amnesty International fordert den Uno-Sicherheitsrat nachdrücklich auf, das bestehende Waffenembargo für Darfur auf den gesamten Sudan auszuweiten.
«Solange der Zustrom und die Lieferung von Waffen in den Sudan nicht unterbunden werden, wird die Zivilbevölkerung weiterhin unter täglichen Angriffen leiden. Es ist an der Zeit, dass der Uno-Sicherheitsrat das Waffenembargo für Darfur auf den gesamten Sudan ausweitet und alle Länder und Organisationen zur Rechenschaft zieht, die dagegen verstossen haben», sagte Agnès Callamard.