Die Anklage lautet auf «Gründung einer Organisation zur Unterstützung der illegalen Einreise und Unterbringung von Migrant*innen» – ein Vorwurf, der mit bis zu 13 Jahren Haft geahndet werden kann. Dabei hatte die Organisation CTR in Partnerschaft mit dem Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR gearbeitet und wurde von mehreren europäischen Staaten unterstützt, mit dem Auftrag Asylsuchende zu registrieren und humanitär zu versorgen, da Tunesien kein funktionierendes Asylsystem hat.
Der 81-jährige Schweiz-Tunesier Mustapha Djemali hat sich ein Leben lang für die Rechte von Migrant*innen eingesetzt, so auch in seiner langjährigen Arbeit für das UNHCR, wo er mehrere Führungspositionen innehatte, und später als Direktor des CTR.
Amnesty Schweiz verurteilt diesen Angriff auf die Zivilgesellschaft aufs Schärfste. Es ist der erste grosse Gerichtsfall in Tunesien, der sich gegen eine NGO richtet. Der Fall steht exemplarisch für die zunehmende Repression gegen Menschenrechtsverteidiger*innen und humanitäre Helfer*innen in Tunesien seit 2021. Besonders alarmierend ist die Kriminalisierung der Arbeit von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Migrant*innen und Asylsuchende einsetzen und von den Behörden wegen Menschenschmuggel diffamiert und verfolgt werden. Seit Juni 2024 ist das Asylrecht in Tunesien ausgesetzt, mit gravierenden Folgen für Geflüchtete.
Nach Unterzeichnung eines Migrationsabkommens mit der EU 2023 gelangen bedeutend weniger Menschen aus Tunesien nach Europa. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Berichte über Menschenrechtsverletzungen gegen Migrant*innen und Geflüchtete in Tunesien. Trotzdem halten die EU und die Schweiz an ihrer migrationspolitischen Zusammenarbeit mit Tunesien fest.
Bislang haben weder europäische noch schweizerische Behörden öffentlich Stellung zu diesem Fall bezogen.
Medienmitteilung 15. Oktober 2025, Bern/Tunis – Medienkontakt