Bernhard Pörksen: Das Internet war im US-Wahlkampf ein entscheidender Faktor, ohne Frage. Viele der online kursierenden Fake News – man denke nur an Pizzagate und die Behauptung, Hillary Clinton sei Mitglied in einem Pädophilenring – wurden offensichtlich geglaubt. Das Team um den heutigen Präsidenten hat zudem sehr intensives Targeting betrieben, das heisst: Man hat mit Hilfe von Facebook spezielle Zielgruppen definiert und dann ganz gezielt agitiert. Und Trump hat darüber hinaus über Twitter und andere soziale Medien eine Art Direktkanal zu seinen Anhängern aufgebaut, ein eigenes Selbstbestätigungsmilieu kreiert. Aber es wäre falsch, nur das Netz schuldig zu sprechen.
Donald Trump ist der Profiteur einer veränderten Medienwelt. Es gab ein fatales Zusammenspiel: Das grassierende Misstrauen gegenüber den klassischen Medien, das Spektakelinteresse des Fernsehens – wenn Trump auf Sendung ging, stiegen die Einschaltquoten um bis 160 Prozent –, die Möglichkeit, barrierefrei Propaganda zu verbreiten, die Neigung der journalistischen Elite, den Mann zuerst überhaupt nicht ernst zu nehmen, also seine Betrügereien zunächst allenfalls nachlässig zu recherchieren, all das hat ihm, so muss man sagen, genützt.
So viel wissen wir: Es gab Versuche von russischer Seite, die öffentliche Meinung mit Propagandapostings auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken zugunsten von Donald Trump zu beeinflussen; das ist Fakt. Aber wir wissen vieles noch nicht genau genug. Man denke nur an die geleakten E-Mails der Clinton-Mitarbeiter, die Wikileaks in einem entscheidenden Wahlkampfmoment bekannt gemacht hat. Ich hoffe hier auf weitere Aufklärung, die sich um die Frage dreht: Wie ist es gelungen, einen Netzaktivisten wie Julian Assange in eine Art Wahlkampfhelfer für Trump zu verwandeln?
Unbedingt. Dies schon allein deshalb, weil Demokratien, aller konkreten Kritik zum Trotz, vom grundsätzlichen Vertrauen in ihre Informationsmedien leben. Desinformation verunsichert. Und sie erzeugt eine Stimmung der gefühlten Manipulation. Man weiss irgendwann nicht mehr, was stimmt. Das ist ein elementarer, zutiefst schädlicher Effekt des verdeckten Informationskrieges.
So scharf würde ich es nicht formulieren, aber man kann zeigen: Autorität ist heute umstrittener und angreifbarer denn je. Und es können sich eben auch diejenigen verbünden und vernetzen, die klassische Autoritären ablehnen. Das ist prinzipiell eine gute Nachricht, aber sie setzt konkret ein Höchstmass an Mündigkeit und Verantwortungsbewusstsein voraus.
Die aktuelle Gesetzgebung in Deutschland zielt im Kern nicht gegen Fake News, das wäre schrecklich, falsch und einer Demokratie unwürdig: eine Art Wahrheitsinstanz in Gestalt der Regierung, die festlegt, was man glauben darf und was nicht. Es geht eher um die Frage, wie man strafbare Inhalte löscht, die Plattformbetreiber aus ihrer Haltung der Gleichgültigkeit und der organisierten Unverantwortlichkeit heraus zwingt. Ich bin kein grosser Freund des jetzigen Gesetzesentwurfs – und doch: Strafbare Hasskommunikation muss verschwinden. Das ist keineswegs Zensur.
Es begünstigt eine Gefühlslage der grossen Gereiztheit, weil sich alle zuschalten können, Konflikte nicht mehr eingrenzbar sind, immer wieder angeheizt werden können. Wir sehen alles sofort: das Banale, das Bestialische, die rührende Geschichte und die relevante Information.
Algorithmen sind so etwas wie die Geheimrezepte der Wirklichkeitskonstruktion im digitalen Zeitalter. Das Problem ist, dass wir schlicht nicht genau wissen, wer uns auf welche Weise die Realität zurechtschneidet. Hier braucht es mehr Transparenz – auf dem Weg zu einer grösseren Filtersouveränität des Einzelnen. Man müsste, schon durch Voreinstellungen und in Kenntnis der Wahlmöglichkeiten, mitentscheiden können, was einem gezeigt werden soll. Primär klassische Nachrichten? Die Postings von Freunden? Das Video, das gerade aktuell viral geht?
Meine im Letzten optimistische Antwort lautet: durch Bildung. Wir brauchen eine Erziehung zur Medienmündigkeit.
Gar nicht, weil der verzweifelte Versuch, dem Innovationstempo gerecht zu werden, den Charakter von Erziehung zum Negativen verändern würde. Schulen müssen ein geschützter Raum bleiben, ein Labor mit der richtigen Mischung aus Realitätsnähe und Realitätsdistanz. Medienerziehung ist so verstanden immer auch Werteerziehung. Was mir vorschwebt, ist die Utopie einer redaktionellen Gesellschaft: Weil jeder zum Sender geworden ist, sollte jeder heute auch als sein eigener Redaktor handeln, Quellen einschätzen lernen. Es geht darum, dass die Grundfragen des guten Journalismus – was ist glaubwürdige, relevante, veröffentlichungsreife Information? – zu einem Element der Allgemeinbildung werden. Sie gehen heute alle an.