Alice Schmid: Nein, weit entfernt. Ich entwarf zuerst einen Brief an den Täter. Eine Anwältin empfahl mir, den Brief auf keinen Fall abzuschicken. Der Mann könnte mich vor Gericht ziehen, denn ich hätte ja nach 50 Jahren keine Beweise und würde seine Ehe ruinieren. Heute bin ich froh, dass ich den Brief nicht abgeschickt habe. Ich will Opfern, nicht Tätern, eine Plattform geben.
Ein Gespräch mit meiner Filmeditorin. Ich realisierte, dass ich mit meiner verdrängten Erfahrung etwas bewirken kann. Ich kann anderen Frauen den Anstoss geben zu reden, statt zu schweigen. Es ist sehr befreiend auszusprechen, was mir geschehen ist. Ich wurde vergewaltigt. Ich muss mich nicht schämen.
Ich stand unter Schock. Meine Vagina schmerzte und ich hatte Angst, schwanger zu sein. Ich fühlte mich schmutzig. Damals war ich ein gläubiges Mädchen. Ich wusste, ich muss das beichten. Eine Todsünde. Ein Schandfleck für meine Familie. Unvorstellbar, dass mich jemand in die Arme genommen, getröstet und mir gesagt hätte: Es ist nicht dein Fehler. ER hat es getan, nicht du. Stattdessen hätte ich wohl Sätze wie diese zu hören bekommen: Weshalb hast du dich nicht gewehrt? Weshalb hast du nicht geschrien? Diese Fragen, so wünsche ich mir, stellt nach meinem Film niemand mehr.
Die Vergewaltigung hat mein Alleinsein verstärkt. Ich fand nie nahe Freunde, ich hatte immer Mühe Nähe zu ertragen. Mein Liebesleben ist zerstört.
Das Erzählen meiner eigenen Geschichte war für mich ein Heilungsprozess. Ich konnte das Geschehene endlich loslassen. Aber der Film war eine Zangengeburt. Der Schnitt dauerte mehrere Monate. Zweimal wollte ich aufgeben. Ich dachte immer wieder: Nein, das kann ich nicht sagen, das ist zu schrecklich. Die ganze Scham kam wieder hoch, der physische und der psychische Schmerz. Ich suchte dann eine Psychologin auf. Es war sehr schwierig, die Worte zu finden für diesen Film und für die Tat in einem Zelt.
Die Wertschätzung für Frauen und Mädchen muss weltweit und in der Schweiz steigen. Kinder sollten über Sex und Sexualität aufgeklärt werden. Als ich den Lehrer in sein Zelt begleitete, hatte ich keine Ahnung. Ich war einfach plötzlich nackt. Wusste er, dass ich mit niemandem darüber sprechen würde? Kinder sollten wissen, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Die guten dürfen wir für uns behalten, aber die schlechten müssen wir unbedingt weitererzählen. Missbrauch, Gewalt, Vergewaltigung dürfen keine Tabuthemen sein.
Auch unser Sexualstrafrecht muss sich ändern. Es darf Vergewaltigung unter keinen Umständen akzeptieren oder normalisieren. Täter*innen müssen die Konsequenzen einer Vergewaltigung kennen und fürchten: Strafverfolgung, Prozess und Verurteilung. Als Gesellschaft müssen wir eine Wand gegen Sexismus bauen.
Meine Vergangenheit ist nie abgeschlossen. Wenn ich zurückschaue, kann ich besser in die Zukunft gehen. Ich werde mich auch künftig Missbrauchsthemen widmen. Derzeit schreibe ich an einem Roman über das Weitermachen nach einer Vergewaltigung.