AMNESTY-MAGAZIN DEZEMBER 2023 – Kultur

Schluss mit den Stereotypen

In seinem Buch «Afrika ist kein Land» dekonstruiert der Journalist Dipo Faloyin althergebrachte Ansichten über Afrika und zeichnet ein neues Bild des Kontinents. Eines Kontinents, der nicht in ein Wort gefasst werden kann.

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Es ist unmöglich, zu viele Cousins und Cousinen zu haben. Und es ist die Aufgabe der Aunties (eine liebevolle Bezeichnung für erwachsene Frauen im näheren Umfeld), sich in alle Angelegenheiten einzumischen. Das sind zwei Wahrheiten, mit denen Dipo Faloyin in Nigeria aufwuchs. Er schreibt über ein Land, in dem die Kirche eine zentrale Rolle spielt, Frust und Freuden offen geteilt werden und Pünktlichkeit eine Pflicht ist. Auf wenigen Seiten gelingt es Faloyin, ein persönliches Bild seiner Heimat Nigeria zu zeichnen und so zu zeigen, dass die vielen Länder und Regionen Afrikas sehr unterschiedliche Eigenheiten haben, die ihnen durch die Kolonialisierung lange abgesprochen wurden.

In seinem Buch «Afrika ist kein Land» zeigt der Journalist eindrücklich, welche Auswirkungen die herabsetzende Behandlung einer ganzen ethnischen Gruppe haben kann und welche Gefahren darin liegen, wenn ein toxisches Narrativ sich durchsetzt und so Fiktion zu Fakt wird – zumindest in den Köpfen des Westens. Der Kontinent Afrika besteht aus 54 Ländern, mehr als zweitausend Sprachen und 1,4 Milliarden Menschen. Doch die Vielfalt wird immer wieder ignoriert. Stattdessen wird Afrika behandelt, als wäre es ein einziges Land – mit gefährlichen Folgen.

Den afrikanischen Ländern wird das Recht auf Selbstbestimmung bis heute immer wieder aberkannt. Noch immer ist Afrika durchzogen von künstlichen Grenzen, die ein paar Kolonialherren an der Berliner Konferenz von 1884 auf einer grotesk ungenauen Karte gezogen haben. Gemeinschaften, ja sogar Familien wurden getrennt, die Menschen wurden gegen ihren Willen in Nationalstaaten zusammengepfercht, die grösstenteils bis heute weiterbestehen – genauso wie die Konflikte, die durch die Grenzziehungen geschaffen wurden.

Dipo Faloyin räumt in seinem Buch auf mit den Stereotypen und den gängigen Bildern von Afrika, die meist vom Kolonialismus geprägt sind. Ihm gelingt es, durch positive, chaotische und komplizierte Geschichten die Vielfalt Afrikas aufzuzeigen. Wie das Problem einer richtigeren Darstellung des Kontinents gelöst werden kann, das in einem jahrhundertealten Machtungleichgewicht wurzelt – dafür hat der Autor auch keine griffige Lösung. Doch einen Punkt macht Dipo Faloyin eindringlich klar: dass es Zeit ist, unsere (weissen) Vorstellungen von Afrika endlich zu ändern.