Meriam Mastour hat keine Scheu, ihre Meinung zu Politik und Menschenrechten öffentlich kundzutun. Auf ihrem Instagram- Profil zeigt sie sich kämpferisch, sie prangert Polizeigewalt an, wie auch den Genozid in Gaza und den Kapitalismus – aber auch die Einschränkungen, die für das Tragen von Kopftüchern manchenorts gelten. Meriam Mastour ist Juristin, Aktivistin, Beraterin – und Muslima.
Immer wieder setzt sich Meriam Mastour öffentlich für die Rechte von Muslim*innen und anderen marginalisierten Personen in der Schweiz ein, so etwa 2023 in Genf im Rahmen einer Kampagne für inklusives Baden. Sie forderte die Behörden lautstark auf, Badekleidung zu erlauben, die über Badeshorts und Bikini hinausgeht. Jede*r solle frei entscheiden, wie viel Haut gezeigt werde. Doch dieses Engagement wurde nicht nur positiv aufgenommen: Meriam Mastour wurde mit Beleidigungen überschüttet. So erhielt sie etwa diese Nachricht: «Mastour, …, warum nervst du die Genfer, du *** (hier folgt ein vulgärer frauenverächtlicher Ausdruck, Anm. der Red.). Geh in ein muslimisches Land.» Womit der Nachrichtenschreiber nicht gerechnet hatte – Meriam Mastour zeigte ihn an. Mit Erfolg: Der Mann wurde wegen rassistischer Diskriminierung verurteilt. «Als Muslima online und öffentlich aufzutreten, bringt immer ein Risiko mit sich», sagt sie dazu. «Sobald es um Muslim*innen geht, werden diskriminierende Kommentare geschrieben.»
Solche Geschichten sind kein Einzelfall. Im Juli wurde in Eschenbach im Kanton St. Gallen einer jungen Lehrerin der Stellenantritt als Primarlehrerin verweigert, weil sich Eltern wegen ihres Kopftuchs beschwert hatten. Und das, nachdem sich die junge Frau erfolgreich beworben hatte und obwohl die Schulleitung von ihrem Kopftuch wusste. Als die Eltern drohten, rechtliche Schritte einzuleiten, machte die Schule die Anstellung rückgängig – nur ein paar Wochen vor Stellenantritt.
«Frauen, die Kopftuch tragen, müssen sich täglich dafür rechtfertigen. Am Anfang kämpfen viele Frauen dagegen an, aber irgendwann werden sie müde, sich ständig erklären zu müssen», sagt Noemi Trucco, eine der Hauptautorinnen der ersten umfassenden Studie zu antimuslimischem Rassismus, die im Februar 2025 von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung veröffentlicht wurde. Für die Soziologin und Islamwissenschaftlerin ist klar: Antimuslimischer Rassismus in der Schweiz ist systemisch, weit verbreitet – und kommt in allen Lebensbereichen vor. Dies zeigen auch Daten des Bundesamts für Statistik aus einer Befragung von 2019: 35 Prozent der Muslim*innen gaben an, schon rassistische Diskriminierung aufgrund ihrer Nationalität oder Religion erfahren zu haben. «Besonders einschneidend sind die Auswirkungen im Bildungsbereich, bei der Arbeit und im Gesundheitswesen», sagt Noemi Trucco.
Kopftuchtragende Frauen seien überproportional betroffen, weil sie in der Gesellschaft besonders sichtbar seien, so Noemi Trucco. Dies bestätigt auch Meriam Mastour: «Gerade bei der Arbeit, insbesondere bei der Stellensuche, gibt es ein hohes Risiko für Diskriminierungen. Frauen mit Kopftuch haben besonders Mühe, überhaupt eine Stelle zu erhalten. Es kommt auch immer wieder vor, dass Frauen plötzlich entlassen werden, weil sich jemand über ihr Kopftuch beschwert – selbst wenn sie lange an diesem Arbeitsort gearbeitet haben.»
Ausserdem werden Frauen strukturell benachteiligt, beispielsweise durch Gesetze, die es ihnen verbieten, sich im öffentlichen Dienst zu verschleiern, so wie in Genf. Ironischerweise wird die Emanzipation der Frau oft als Argument genutzt, um solche Bestimmungen zu rechtfertigen. Dabei beschneiden sie ja gerade die Freiheit der Frauen, indem diese nicht mehr selbst über ihre Kleidung bestimmen können.
Die Studie stellt auch fest, dass die Zahlen offiziell gemeldeter Fälle das Ausmass des antimuslimischen Rassismus nicht erfassen. Die Dunkelziffer ist hoch. Meriam Mastour, die eine Beobachtungsstelle gegen antimuslimischen Rassismus in der Schweiz gegründet hat, erklärt: «Die Betroffenen haben kein Vertrauen in das System und die Institutionen. Sie fühlen sich nicht sicher genug, um dort von ihren Erfahrungen zu berichten».
Dies verwundert kaum, wird doch der antimuslimische Diskurs in der Schweiz seit Jahrzehnten mit voller Härte geführt und von einer Partei durch politische Vorstösse auch immer wieder angeheizt. So etwa durch die sogenannte Minarettinitiative: 2009 stimmte die Schweizer Bevölkerung dafür, ein Bauverbot für neue Minarette zu erlassen. Die Initiant*innen argumentierten, die Ausbreitung des Islams verhindern zu wollen. Mit einer weiteren Initiative wurde erfolgreich ein «Burkaverbot» durchgesetzt: Seit Anfang 2025 gilt gesamtschweizerisch ein Verhüllungsverbot, das es untersagt, das Gesicht an öffentlichen Orten zu bedecken.
Und es gibt weitere Beispiele. «Antimuslimischer Rassismus beginnt schon im Krankenhaus und endet nicht einmal beim Tod», sagt Meriam. Sie spielt damit auf eine aktuelle Debatte im Kanton Thurgau an: Hier formierte sich Widerstand gegen die Einrichtung von muslimischen Grabfeldern auf Friedhöfen, wie beispielsweise in Weinfelden, wo ein Referendum gegen die geplante Einrichtung eines muslimischen Grabfeldes auf dem Friedhof ergriffen wurde. Bei einer Volksabstimmung wurde die Änderung des Friedhofreglements abgelehnt, womit nun keine separaten Grabfelder für Muslim*innen eingerichtet werden können. Die Gegner*innen hatten argumentiert, dass die Religionen ansonsten ungleich behandelt werden würden.
Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik 2021 gaben 34 Prozent der Schweizer Bevölkerung an, zu sehr negativen Stereotypen gegenüber Muslim*innen zu tendieren. «Es wird ein simples Bild von Muslim*innen kultiviert: Muslimische Männer werden in der Regel als gewalttätig dargestellt, die Frauen als unterwürfig und ohne eigene Meinung», sagt Meriam Mastour. Dieses Bild werde dann allen Individuen zugeschrieben, die als muslimisch wahrgenommen würden – selbst Leuten, die es gar nicht seien. Platz für Differenzierungen gebe es nicht. «Sobald gewisse Vorurteile einmal bestehen, wird man sie kaum wieder los», sagt Noemi Trucco. «Seit dem 11. September 2001 wird ‹der Islam› oft mit Terrorismus und Islamismus verknüpft. Muslim*innen werden für islamistische Handlungen verantwortlich gemacht und müssen sich rechtfertigen, obwohl es gerade sie sind, die weltweit am häufigsten Opfer der Handlungen von Islamist*innen werden. Dabei sind die meisten Attentate in Europa rechtsextrem motiviert.»
«Wir müssen nicht mehr darüber diskutieren, ob es antimuslimischen Rassismus wirklich gibt, denn endlich bestätigt es auch eine Studie offiziell», sagt Meriam Mastour. Was aber braucht es, um erfolgreich dagegen vorzugehen? Mehr Sensibilisierung, mehr Monitoring, mehr Ressourcen für Beratungsstellen, mehr Schulungen, sagt Noemi Trucco. «Jede*r Einzelne ist in der Verantwortung, sich für eine tolerante, diverse und inklusive Gesellschaft einzusetzen.» Sie appelliert vor allem an die Solidarität und an die Zivilcourage: «Wir müssen handeln, wenn wir Diskriminierung mitbekommen, und unsere Unterstützung für Betroffene sichtbar machen. Wenn wir nichts tun, ist es, als würden wir zustimmen.