Stéphane Laederich und Gabriela Mirescu Gruber haben beide Diskriminierungen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft erfahren. © Privat
Stéphane Laederich und Gabriela Mirescu Gruber haben beide Diskriminierungen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft erfahren. © Privat
AMNESTY-Magazin September 2025 – Rassismus in der Schweiz

Die Last der «Unsichtbaren»

Wer sich zu seiner Roma-Herkunft bekennt, setzt sich Diskriminierung und Rassismus aus. Viele haben keine andere Wahl, als diesen Teil ihrer Identität zu verbergen, um sich zu schützen.

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«Meine Eltern haben versucht, mich zu schützen, indem sie mir einen Namen gegeben haben, der mich nicht als Romni identifiziert. Die Natur hat den Rest erledigt, da sie mir eine helle Haut gegeben hat, die diesen Teil meiner Identität verbirgt.» Gabriela Mirescu Gruber, Aktivismus-Koordinatorin beim internationalen Sekretariat von Amnesty in London, wurde in Rumänien als Tochter eines Roma-Vaters und einer Nicht-Roma-Mutter geboren und gehörte lange Zeit zu den «unsichtbaren Roma», die die überwiegende Mehrheit der Roma-Bevölkerung in der Schweiz ausmachen. Die Lebensrealität der Rom*nja in der Schweiz ist eine ganz andere als in den Vorstellungen vieler Schweizer*innen, in welchen Vorurteile und Stereotypen dominieren. Es sind Ärzt*innen, Angestellte, Banker*innen – oder Journalist* innen mit einem Abschluss in Politikwissenschaft und Soziologie, wie in Gabriela Mirescu Grubers Fall.

So wird denn auch nicht zwischen den verschiedenen Ethnien und Gruppen unterschieden, die gemeinhin mit dem rassistischen Z-Wort zusammengefasst werden. «Es gibt so gut wie keine nomadischen Roma-Familien in der Schweiz. Während die überwiegende Mehrheit auch in den europäischen Ländern sesshaft ist, zieht eine Minderheit aufgrund ihrer Berufe umher », erklärt Stéphane Laederich, Geschäftsführer der in Zürich ansässigen Rroma Foundation. In der Schweiz leben mindestens 100 000 Menschen mit Roma-Herkunft, was etwas mehr als einem Prozent der Bevölkerung entspricht. Die überwiegende Mehrheit gibt jedoch ihre Herkunft nicht an. Aus Angst vor dem Anti-Roma-Rassismus, der in Westeuropa und insbesondere in der Schweiz besonders stark ausgeprägt ist.

Gabriela Mirescu Gruber teilt diese Einschätzung. «Ich selbst bin weitgehend verschont geblieben, weil man mich ja nicht unbedingt als Romni identifizieren konnte. Aber sobald Leute von meiner Herkunft erfuhren, wurde ich oft ausgegrenzt. Um wie viel schlimmer muss es für diejenigen sein, deren Herkunft auf den ersten Blick erkennbar ist?»

Laut Stéphane Laederich hat die Bevölkerung hierzulande im Vergleich zum Rest Europas das rassistischste und stereotypste Bild von Rom*nja: arm, analphabetisch, diebisch, nicht integriert, viele Kinder. Das geht so weit, dass der ausgebildete Mathematiker Laederich, der bei Zürcher Banken Karriere gemacht hat, bei einer Konferenz gefragt wurde: «Können Sie lesen und schreiben?», nachdem man ihn als Rom wahrnahm.

Enthemmung rassistischer Äusserungen

Über persönliche Anekdoten hinaus findet sich solch eindeutiger Rassismus regelmässig in der Presse, wo Stereotype über Rom*nja immer wieder publiziert werden. So zitierte die NZZ in einem Artikel die pauschalisierenden Aussagen eines Polizeikommandanten: «Im Unterschied zu den Roma, die sich in ganz Europa bewegen und auf deren Konto die meisten Wohnungseinbrüche gehen, scheinen die Nordafrikaner nicht in eigentlichen Clans organisiert zu sein.»

Aber auch in der Politik finden sich herablassende Verallgemeinerungen und Falschinformationen, wie die Äusserungen des Mitglieds des Berner Grosssrats Pierre Alain Schnegg zeigen, der im vergangenen Herbst im «Tages Anzeiger» erklärte, «Roma-Clans» würden das Schweizer Asylsystem missbrauchen. Die Behauptung, Rom*nja würden mit gekauften ukrainischen Papieren in die Schweiz einreisen, sich so den Schutzstatus S erschleichen und diesen ausnutzen, wurde denn auch in den Medien breit aufgenommen. Dabei sind diese Behauptungen nicht belegt, wie die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) schreibt: «Vermeintliche Beweise dafür, wie mangelnde Kenntnisse der ukrainischen Sprache und der Landeskunde, fehlende oder erst kürzlich ausgestellte ukrainische Pässe, lassen sich mit der Lebensrealität der Romn*ja in der Ukraine erklären.» Die Rroma Foundation reichte Klage gegen Pierre Alain Schnegg ein, doch die Immunität des Grossrats wurde nicht aufgehoben. Nun geht der Fall vor Bundesgericht. Gewisse Parteien nehmen diese Behauptung des Missbrauchs des Asylstatus im Übrigen nur zu gerne auf, um seither die Abschaffung des Schutzstatus S zu fordern.

Vergangenen März erklärte Nationalrat Philippe Nantermod in der Zeitung «24 heures», er wolle «Fahrenden die Einreise in die Schweiz verbieten», notfalls auch mit Bulldozern, um ihre Wohnwagen zu entfernen. Anstössig an der ganzen Sache: Nantermod ist Präsident der Walliser Sektion der Licra, der internationalen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus.

Solche Haltungen gegenüber Rom*nja sind zwar nicht neu, nehmen aber mit dem wachsenden Einfluss populistischer Parteien zu, beobachtet Stéphane Laederich. Sie richten sich in erster Linie gegen die wenigen Gemeinschaften, die eine halbnomadische Lebensweise beibehalten haben. «Da sie gut sichtbar sind, sind sie diesem Rassismus besonders ausgesetzt», sagt Laederich. Und durch Verallgemeinerungen wird dann die gesamte ethnische Gruppe zum Opfer.

Aufklären und begleiten

Die Reaktion der Behörden, die im Wesentlichen aus Prävention und Information besteht, ist laut Stéphane Laederich völlig unzureichend. Die EKR sei mit ihren fünfzehn Mitgliedern für die ganze Schweiz sowohl personell als auch finanziell total unterdotiert. Vor allem aber lege sie den Fokus auf die Opfer. Die Bemühungen zur Bekämpfung von Rassismus sollten sich jedoch auf diejenigen konzentrieren, die solche Taten begingen, argumentiert der Direktor der Rroma Foundation. Dies durch Aufklärung und Abbau von Vorurteilen, die Ressentiments schürten, aber auch durch den Einsatz des Rechts. «Es ist normal, Fehler zu machen, solange man sie zugibt», erklärt Gabriela Mirescu Gruber. «Nicht normal ist es jedoch, Diskussionen zu blockieren, weil sie unangenehm werden.»

So musste die Stiftung mehrfach selbst den Schweizer Presserat einschalten und hat auch manchmal Recht erhalten, so auch bei grossen Zeitungen wie der «Neuen Zürcher Zeitung». Aber auch vor Gericht musste die Stiftung immer wieder ziehen. Hier sei der Erfolg seltener, da die Gesetze gegen Rassismus in der Schweiz extrem schwach seien. «Wir haben gegen einen Politiker aus dem Thurgau verloren, der tatsächlich erklärt hatte, er erkenne Z (hier folgt das rassistische Z-Wort, Anm. der Red.) am Geruch.» Nicht alle rechtlichen Schritte sind jedoch vergeblich: Im Dezember 2019 bestätigte beispielsweise das Obergericht des Kantons Bern die Verurteilung der beiden Co-Präsidenten der Jungen SVP wegen Rassendiskriminierung. Die Jungpartei hatte mit einem Facebook-Post gegen Plätze für migrierende Roma insinuiert, dass dies mit Kriminalität, fehlender Hygiene, fehlendem Umweltbewusstsein und mit dem Stören der öffentlichen Ordnung verbunden ist.

«Ich erwarte, dass die EKR und die Politik klare Positionen beziehen», sagt Stéphane Laederich. Gabriela Mirescu Gruber pflichtet ihm bei: «Wenn die Schweiz Rassismus wirksam bekämpfen will, muss sie die zuständigen Stellen unbedingt mit Mitteln ausstatten, um ihn zu ahnden.» Ein schwieriger Weg, denn er setzt eine Selbstreflexion der Schweizer*innen über ihre eigenen rassistischen Vorurteile voraus.