«Ich. Nicht. Sprechen. Afrikanisch. You understand?» Mit überdeutlicher Gestik will Tante Martha die junge Schwarze Frau, die an ihrer Türe klingelt, schnell wieder abwimmeln. Was sie nicht weiss: Ihr gegenüber steht Annekäthi Tobler, Bernerin, Hebamme – und baldige Mitbewohnerin.
Die Szene stammt aus der erfolgreichen Schweizer Sitcom «Fascht e Familie» und wurde vor mehr als 27 Jahren im Fernsehen ausgestrahlt. Auch wenn die klischeehafte Szene heute aus der Zeit gefallen zu sein scheint und rassistisch anmutet, ist sie dennoch historisch bedeutsam. Denn Annekäthi Tobler war die erste Schwarze Protagonistin am Schweizer Fernsehen.
«Anfangs war ich skeptisch, ob ich die Rolle annehmen sollte», sagt Schauspielerin und Regisseurin Sandra Moser heute. Grund dafür war weniger die Angst vor rassistischen Äusserungen als die Angst, als Schauspielerin schubladisiert zu werden. «Ich hatte eigentlich mehr Interesse am Theater als am Mainstream-Fernsehen, welches meist nur wenig Raum für nuancierte Diskussionen und Gesellschaftskritik zulässt», sagt Sandra Moser. Doch letztendlich überzeugte sie die moderne Zeichnung von Annekäthi Tobler: selbstständig, feministisch, ambitioniert. «Ich sah die Rolle zudem als Möglichkeit, meine eigenen Erfahrungen als PoC – als Person of Color – und den Rassismus, mit dem ich täglich konfrontiert war, zur besten Sendezeit zu thematisieren. Und dem doch eher konservativen Publikum von ‹Fascht e Familie› klarzumachen: Ich bin eine von euch.»
Die Besetzung von Sandra Moser für eine Rolle in «Fascht e Familie» weckte grosses Interesse. Der «Blick» warf etwa die Frage auf, ob ihre Hautfarbe zum Thema werden würde. «Nun hatte ich doch etwas Angst vor negativen oder rassistischen Äusserungen», sagt Sandra Moser. Doch sie wurde überrascht: Nach der Ausstrahlung der ersten Folge am 9. Januar 1998, die von 1,5 Millionen Menschen gesehen wurde, war die Resonanz durchgehend positiv. «Ich glaube, gerade weil Annekäthi Tobler so übertrieben schweizerisch war, konnten sich auch weisse Personen mit ihr identifizieren», sagt Sandra Moser. Annekäthi Tobler sieht sie auch heute noch als moderne, progressive Figur. Dennoch: «Die rassistischen Äusserungen der ersten Folge würden in einer zeitgenössischen Produktion so wahrscheinlich nicht mehr ausgestrahlt.»
Während Sandra Mosers Auftritt im Schweizer Fernsehen eine Pioniertat war, war man zur gleichen Zeit in den USA schon deutlich weiter: In Sitcoms wie «Der Prinz von Bel-Air» oder «Alle unter einem Dach» begeisterte ein fast komplett Schwarzes Ensemble die Zuschauer*innen. Besonders die Show «Der Prinz von Bel-Air», welche den Schauspieler Will Smith berühmt gemacht hat, wird noch heute dafür gelobt, wie mit Themen wie Rassismus, Schwarze Identität und Intersektionalität zwischen Hautfarbe und Klasse umgegangen wurde. Wiederholt wurde etwa darüber diskutiert, dass Leistungen von Schwarzen Personen nicht die gleiche Anerkennung erhalten wie gleichwertige Leistungen weisser Personen. Und dass Schwarze Menschen nur dann gefeiert werden, wenn sie die Ersten sind, die etwas erreichen, oder Unvorstellbares leisten.
Eine der grössten Errungenschaften von «Der Prinz von Bel-Air» war es, diese Themen auch einem weissen Publikum näherzubringen. Obwohl die Serie tief in der Schwarzen Kultur verwurzelt war, waren ihre Themen wie Familie, Identität und Selbstfindung universell. Bis heute prägt die Serie die US-amerikanische Kulturlandschaft – und hat dazu beigetragen, den Weg zu ebnen für mehr Diversität im Fernsehen und in der Kulturbranche ganz generell – wenn auch heute noch viel zu tun bleibt.
Wenn auch «Fascht e Familie» mit der Gesellschaftskritik nie so weit ging wie die US-amerikanischen Sendungen – die Sitcom verzichtete nach der ersten Folge gänzlich darauf, Annekäthi Toblers Hautfarbe zu thematisieren –, hat die Sitcom dennoch einiges bewegt in der Schweizer Kulturszene, die bis anhin kaum Platz für People of Color liess. «Für viele PoC in der Schweiz war Annekäthi Tobler die erste Figur im Schweizer Fernsehen, die sie repräsentierte», sagt Sandra Moser. Ihr selbst erlaubte die Rolle, dem Thema Rassismus in der Kulturbranche mehr Gehör zu verschaffen.
Viel habe sich geändert seit den Tagen, als ihr bei der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule gesagt worden sei, sie werde trotz ihrer Hautfarbe aufgenommen, müsse aber beweisen, dass sie besser sei als alle anderen. «Das Bewusstsein für Diversität ist gewachsen in den letzten Jahren», sagt Sandra Moser. Leitfäden wie etwa die Diversitäts-Checkliste der Zürcher Filmstiftung sind weit verbreitet. Produzent*innen und Drehbuchautor*innen werden darin aufgefordert, in ihren Stücken auf klischeehafte Rollenbilder zu verzichten und die Gesellschaft in all ihrer Diversität abzubilden. Viele Kulturlokale haben sich zur Diversität verpflichtet. Das Schweizer Theatertreffen sprach sich dieses Jahr explizit für Diversität auf Schweizer Bühnen aus: «Wir sind der Überzeugung, dass Diversität gerade jetzt, wo Firmen ihre Diversitätsprogramme herunterfahren, im Theater erst recht verteidigt und weiter vorangetrieben werden muss. Weil es künstlerisch reicher ist, aber auch, weil es einem diverser werdenden Publikum entspricht und weil es die Realität ehrlicher abbildet», heisst es in einer Stellungnahme.
«Nicht jede Art von Diversität ist förderlich», sagt Sandra Moser. Noch heute müsse sie jede Rolle sehr genau anschauen, bevor sie sie annehme. Noch immer sei die Gefahr von Stereotypisierungen oder verstecktem Rassismus gross. «Ich habe schon mehrfach Rollen abgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, die Quotendiverse zu spielen», sagt sie. Oft seien Rollen, die von einem diversen Cast gespielt würden, noch zu wenig nuanciert, zu wenig komplex. «Für mich ist klar: Wir befinden uns auf einem guten Weg – aber am Ziel sind wir noch nicht angelangt.»
Selbst in Hollywood, das in Sachen Diversität weit voraus ist, gibt es noch viel zu tun. Der «Hollywood Diversity Report 2025», eine Studie der US-Universität UCLA, ergab, dass rassifizierte Personen weiterhin stark unterrepräsentiert sind auf Leinwänden, aber auch hinter den Kameras. Nur gerade jede fünfte Hauptrolle wird von einer PoC besetzt, obwohl diese in den USA mittlerweile 53 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Studie stellt zudem fest, dass rassifizierte Personen weiterhin oft in Filmen und Serien auftreten, die ihre Hautfarbe explizit zum Thema machen. Gleiches zeigt sich auch in der Musikindustrie: Laut der Annenberg Inclusion Initiative sind zwar über 43 Prozent aller etablierten Musiker*innen in den USA Persons of Color, doch die Entscheidungshoheit liegt weiterhin klar in weisser Hand: Gerade mal 8 Prozent aller CEOs der 70 grössten Musikunternehmen in den USA sind Schwarze Personen.
In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild. In den meisten grossen Kulturinstitutionen werden Schlüsselpositionen weiterhin von weissen Menschen besetzt. «Dies hat sicher auch damit zu tun, dass vor zwanzig Jahren an Kunsthochschulen vor allem weisse Personen aufgenommen wurden», sagt Sandra Moser. Trotzdem ist sie der Meinung, dass kaum ein Gesellschaftsbereich in der Schweiz so divers ist wie die Kulturbranche. «Für mich bietet Kultur in all ihren Formen eine der wenigen Möglichkeiten, gesellschaftspolitische Diskussionen so zu führen, dass sie bei einem grossen Publikum etwas auslösen können», so Sandra Moser. Nicht von ungefähr wird daher Rassismus immer wieder zum Thema bei Produktionen, in denen sie mitspielt oder Regie führt. «Leider ist Rassismus noch immer unsere alltägliche Realität», sagt sie. Im Moment arbeitet sie an einem besonderen Projekt: einem Kinderfilm, in dem ein rassifiziertes Kind die Hauptrolle spielt – eine Figur, nach der sie als Kind vergeblich Ausschau gehalten hatte.