AMNESTY-Magazin September 2025 – Kultur

Fragmente von Mut und Grausamkeit

Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina dokumentierte Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine und wie sich Menschen dagegenstemmen. Ihr Reisebuch erscheint postum, denn die Autorin starb bei einem russischen Bombenangriff.

Details

Was tun, wenn man im Urlaub ist und zu Hause ein Krieg beginnt? Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina war am 24. Februar 2022 mit ihrem Sohn in Ägypten, als sie die Nachrichten las: «Explosionen in Kiew». Russlands Krieg gegen die Ukraine hatte in vollem Umfang begonnen. Für Amelina war klar: Sie musste so schnell wie möglich zurück.

Die Ukrainerin war damals bereits eine bekannte Schriftstellerin. Sie schrieb Romane, die sich mit der Aufarbeitung der Sowjetzeit befassten, ausserdem Lyrik und Kinderbücher. Ihr wurde klar, dass sie auf das Geschehen nicht nur als Künstlerin reagieren wollte. Deshalb schloss sie sich als Freiwillige der Organisation Truth Hounds an, die russische Kriegsverbrechen in der Ukraine dokumentiert. Sie reiste an die Front und besuchte ehemals besetzte Orte.

Was sie dabei erlebte, schrieb sie reisebuchartig nieder. Ihre Aufzeichnungen sind nun auch auf Deutsch erschienen. Postum, denn Amelina wurde selbst Opfer eines Kriegsverbrechens. Sie sass am 27. Juni 2023 in einer Pizzeria in Kramatorsk, als diese von einer russischen Rakete getroffen wurde. Am 1. Juli erlag sie in einer Klinik ihren Verletzungen.

Das Buch zeigt eindrucksvoll, was Menschenrechtsarbeit in einem vom Krieg geschundenen Land bedeutet. Amelina beschreibt, wie sie sich in die Genfer Konventionen und das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs einlas, während draussen die Sirenen heulten. Im Mittelpunkt des Buchs stehen mutige ukrainische Frauen. «Casanova» etwa, eine Ermittlerin von Truth Hounds, die nicht mit echtem Namen genannt werden kann. Oder die Anwältin Kateryna Raschewska, die Fälle entführter ukrainischer Kinder dokumentiert. Die Bibliothekarin Julija Kakulja- Danyljuk gelangte an ein Video, das die Verschleppung und Ermordung des Schriftstellers Wolodymyr Wakulenko im Jahr 2022 belegte. Amelina fand dessen Kriegstagebuch im Garten sei nes Vaters und veröffentlichte es 2023.

Sie schildert auch Verbrechen, auf deren Spuren sie gestossen ist: Verschwindenlassen, Folter, wahllose Erschiessungen – ein Abgrund menschlicher Grausamkeiten. Amelinas Schreibweise zeichnet sich durch einen menschlichen, zuweilen lakonischen Tonfall aus, der ihre Erzählungen authentisch macht.

Das Buch hat fragmentarischen Charakter, denn die Autorin konnte ihre Arbeit nicht zu Ende führen. Die Struktur hatte sie festgelegt, einige Kapitel bereits geschrieben. Die Herausgeber*innen des Bandes haben auch unbearbeitete Notizen und Dokumente verwendet, die Amelina dem Manuskript beigefügt hatte.

Victoria Amelina leistete einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung russischer Kriegsverbrechen in der Ukraine – und war selbst eine der mutigen Frauen, die sie in ihrem Buch beschrieben hat.