AMNESTY-Magazin September 2025 – Japan

«Hier können wir frei unsere Meinung sagen»

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Ein autoritärer Xi Jinping und zwei wütende Pandas gegen eine rote Chilischote, bewaffnet mit einer einfachen Feder. Um den Tisch der unscheinbaren Buchhandlung L’Étranger im Tokioter Stadtteil Jimbōchō wird ein Manga mit ungewöhnlichem Cover herumgereicht. «Die Chilischote steht für die Wirkung, die meine Karikaturen auf die chinesische Regierung haben», sagt der Autor Rebel Pepper. Der kräftig gebaute Zeichner nimmt Platz unter den etwa zehn Neugierigen, die gekommen sind, um sein Buch kennen zu lernen. Die meisten sind Chines*innen, die wie er vor der Unterdrückung, der Zensur und der Propaganda geflohen sind. Die anderen sind japanische Unterstützer*innen.

«Xi Jinping, der Lügner» steht auf dem Buch – ein Titel, der in China undenkbar ware. «Darin erzähle ich, warum ich nach Japan gekommen bin und warum ich nicht zurückkehren kann», sagt Rebel Pepper. 2014 prangerte der Karikaturist in den sozialen Netzwerken die Untätigkeit der Behörden angesichts der Überschwemmungen an, die ein Taifun in Yuyao im Osten Chinas verursacht hatte. Er wurde verhaftet und 24 Stunden lang festgehalten. Nach seiner Freilassung reiste er mit seiner Partnerin nach Japan. «Wir hatten vor, zurückzukehren », erinnert sich der Fünfzigjahrige. «Doch dann bezeichnete mich eine offizielle Parteizeitung als Verräter.» Aus Sicherheitsgründen beschloss das Paar, in Japan zu bleiben.

Verbotene Bücher

2024 lebten laut den japanischen Einwanderungsbehörden 844'000 Chines*innen in Japan – einem wegen der geografischen und kulturellen Nähe und der in der japanischen Verfassung garantierten Meinungsfreiheit gerade für Intellektuelle attraktiven Zufluchtsort. In der Hauptstadt Tokio entstanden Buchhandlungen und Verlage fur die chinesische Diaspora, insbesondere im Literaturviertel Jimbōchō. Hier konnen sich Kritiker*innen begegnen und politisch äussern, es finden Debatten und Konferenzen statt.

«Solche Aktivitäten sind in China unmöglich», bestatigt Zhao Guo Jun, chinesischer Besitzer der Buchhandlung L’Étranger und grosser Liebhaber des französischen Autors Albert Camus. «Vor allem, wenn es um Menschenrechte geht.» Neben den Mangas von Rebel Pepper verteilte er an alle Teilnehmer*innen ein Flugblatt, auf dem zu einer «Protestkundgebung zum 36. Jahrestag des Massakers auf dem Tian’anmen-Platz» aufgerufen wird – den blutig niedergeschlagenen Studentenproteste von 1989, die in China bis heute ein Tabuthema sind. Zhao Guo Jun hat Erfahrung mit Protesten. Aus einem Regal nimmt der Buchhandler ein Foto von Liu Xiaobo, dem Friedensnobelpreistrager, der 2017 in Haft starb. «Ich habe mit ihm eine Konferenz in Bejing organisiert», sagt er nicht ohne Stolz. Eine vergangene Zeit. 

Zhao Guo Jun stammt aus dem Nordosten Chinas und verkehrte lange Zeit in den literarischen Kreisen der Hauptstadt Beijing. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erlebte die Zivilgesellschaft dort einen zaghaften Aufschwung. Doch dann verscharfte Xi Jinping nach seiner Machtübernahme 2013 die Repressionen. Sechs Jahre später erfuhr Zhao Guo Jun, dass es ihm aufgrund seiner Unterstützung für den chinesischen Juristen und Oppositionellen Xu Zhangrun verboten sei, das Land zu verlassen. Er wurde der «Gefährdung der nationalen Sicherheit» beschuldigt. Es folgten Jahre der Überwachung und des erzwungenen Schweigens.

Als er 2022 endlich ein Ausreisevisum erhielt, ging er nach Japan. Dort eröffnete er seine Buchhandlung. In den Regalen stehen Pamphlete, Porträts von Dissidenten und in Bejing verbotene Bucher. Zhao Guo Jun begrüsst die lebhafte lokale Diaspora, die keine Gelegenheit auslässt, sich bei ihm zu treffen: «Hier konnen Künstler*innen und Intellektuelle endlich ihre Meinung sagen. Das ist befreiend.»

Um den Tisch herum bedrängen die Gäste Rebel Pepper mit Fragen. Die Grunde für seinen Umzug in die USA im Jahr 2017 und seine Rückkehr nach Tokio vor knapp zwei Wochen erwecken Neugier. «Ich hatte für Radio Free Asia in Washington gearbeitet», sagt Rebel Pepper. «Aber ich habe meinen Job verloren, als die U.S. Agency for Global Media, die US-Regierungsbehörde, die zahlreiche internationale Medien betreibt und deren Auflösung Donald Trump im März beschlossen hat, die Finanzierung einstellte.» Der Zeichner macht keine grosse Sache daraus, obwohl er sich der Arbeit des Senders weiterhin verbunden fühlt – dem einzigen, der über Themen berichtet, die von den offiziellen Zeitungen, insbesondere in China, zensiert werden.

Rebel Freeman – so nennt er sich heute – ist inzwischen amerikanischer Staatsbürger. Seine chinesische Staatsbürgerpass hat er ohne Bedauern aufgegeben, er hat seinen Pass sogar in einem Live-Video zerrissen. Neben den USA nennt er auch Japan sein Zuhause. «Es ist das Land, in dem ich mich in Asien am sichersten fühle», sagt er.

Drohungen gegen die Familie

Durch seine dünne Brille beobachtet Jia Jia schweigend den Austausch. Der chinesische Journalist, der heute als Forscher an der Universität Tokio arbeitet, hat die Repression der chinesischen Regierung am eigenen Leib erfahren. «2016 wurde ich für 19 Tage ins Gefängnis gesteckt, weil ich einen Artikel geteilt hatte, in dem der Rücktritt von Xi Jinping gefordert wurde», sagt er. Nach seiner Freilassung war er in den Redaktionen Persona non grata, ohne Arbeit und ohne Perspektive.

Sein Ausweg war ebenfalls Japan. Im Jahr 2019 lockerte das Land die Regeln für die Erteilung von Arbeitsvisa. Eine Chance, die sich der Journalist nicht entgehen liess. Aber die chinesischen Behörden liessen ihn nicht in Ruhe. Sie drohten sogar seinen Eltern. «Sie sagten ihnen, ich musse aufhören zu schreiben», erzahlt Jia Jia. Hat er das getan? «Niemals!», sagt er, als ware das selbstverständlich. Heute schreibt Jia Jia für Medien der Diaspora in Taiwan und Hongkong.

Die Dissident*innen in Tokio wissen: Ihre Worte gelangen nur selten durch die digitalen Mauern Chinas. Jia Jia ist klar: «Ich glaube nicht, dass unsere Aktionen dort viel ändern können. Wir sind zu klein gegenüber dem chinesischen Riesen.» Auch Rebel Pepper zeigt sich kritisch: «Selbst hier vertrauen viele Chines*innen noch den Parolen der Staatspartei. Die Gehirnwäsche geht zu tief, die staatliche Propaganda ist zu mächtig.»

Aber für Zhao Guo Jun darf das kein Hindernis sein. Er will an den Nutzen seiner Arbeit glauben. «Wichtig ist, diesen Raum für freie Meinungsäusserung zu nutzen, den wir der Zensur abgerungen haben. Ich glaube, dass die liberalen Intellektuellen in China unsere Aktionen durchaus mitkriegen», sagt er zuversichtlich. «Und das ist ein guter Anfang.»

 

* Elyan Belhac und Joëlle Regard sind zwei Journalist*innen, die zu ihrem Schutz unter Pseudonymen schreiben müssen.