Endlich wieder vereint: Der ägyptische Aktivist Alaa Abdel Fattah und seine Mutter Laila Soueif nach seiner Freilassung am Abend des 22. September 2025 in Kairo.
Endlich wieder vereint: Der ägyptische Aktivist Alaa Abdel Fattah und seine Mutter Laila Soueif nach seiner Freilassung am Abend des 22. September 2025 in Kairo.
Laila Soueif lässt sich auf das Sofa sinken, aber nur für einen Moment. Dann steht sie wieder auf, misst ihren Blutzucker. Ein Pieks in den Finger – kein Blut. Der nächste Versuch – wieder nichts. Erst beim dritten Mal klappt es: 52 mg/dl. Nicht ideal, aber akzeptabel. Auch ihr Blutdruck ist niedrig, aber «gut genug», sagt sie. Seit Monaten lebt sie im Grenzbereich – für ihren Sohn Alaa Abdel Fattah.
Am 30. September 2024 hatte sie aufgehört zu essen – ausser Wasser, Tee und Salzlösung nahm sie nichts mehr zu sich. Knapp 150 Tage lang hielt sie durch, dann kam der erste Zusammen-bruch. Ihr Blutzuckerwert war lebensgefährlich niedrig, sie musste ins Krankenhaus. Zwei Wochen blieb sie dort, unter ständiger Beobachtung, bis die Ärzt*innen und ihre Familie sie schliesslich dazu drängten, zumindest etwas Nahrung aufzunehmen. Widerwillig gab sie nach, nahm 300 Kalorien am Tag zu sich, aber nur in flüssiger Form. «Was man nicht alles für sein Kind tut», sagt die 69-Jährige und lacht. Doch ihr Kampf ist ernst.
Laila Soueifs Sohn Alaa Abdel Fattah hätte schon längst aus der Haft entlassen werden müssen. Doch Ägyptens Behörden sehen das anders. Alaa Abdel Fattah, der während der Revolution von 2011 eine der lautesten Stimmen war, bleibt im Gefängnis. Der heute 43-Jährige gehöre zu den prägenden Figuren des Aufstands, der Langzeitherrscher Hosni Mubarak stürzte. Auch nach der Revolution blieb der Blogger und Softwareentwickler politisch aktiv – zu aktiv für die neuen Machthaber. 2014 wurde er wegen angeblich illegaler Proteste zu fünf Jahren Haft verurteilt, kam 2019 kurzzeitig frei. Dann wurde er erneut festgenommen und erneut zu fünf Jahren Haft verurteilt, diesmal wegen angeblicher Verbreitung falscher Nachrichten. Ende September 2024 hätte er entlassen werden müssen. Doch die Behörden rechneten die Haftstrafe nicht ab dem Datum der Festnahme, sondern ab der Urteilsbestätigung. Demnach soll Alaa Abdel Fattah bis Anfang 2027 inhaftiert bleiben. Für Amnesty International war dies Anlass, eine weitere Eilaktion für den gewaltlosen politischen Gefangenen zu starten.
«Wenn er jetzt nicht rauskommt, bleibt er für immer dort und stirbt im Gefängnis.» Laila Soueif
Der Sicherheitsapparat, der nach der Revolution vorübergehend geschwächt war, geht wieder mit aller Härte gegen Oppositionelle vor. Wer spricht, riskiert Haft. Wer weiterredet, bleibt in Haft. So wie Alaa Abdel Fattah. Laila Soueif glaubt nicht mehr daran, dass ihr Sohn in zwei Jahren freikommt. «Wenn er jetzt nicht rauskommt, bleibt er für immer dort und stirbt im Gefängnis.»
Sie kennt dieses Muster, hat es jahrzehntelang beobachtet, denn sie zählt zu den Pionier*innen der ägyptischen Menschenrechtsbewegung, hat sich gegen Folter, Polizeigewalt und Justizwillkür eingesetzt und sich nie zum Schweigen bringen lassen. Nicht in den 1980er-Jahren, als ihr Mann, ein bekannter Menschenrechtsanwalt, inhaftiert wurde, nicht nach der Revolution, als zwei ihrer drei Kinder wegen Teilnahme an Protesten im Gefängnis sassen. Also setzte sie alles auf eine Karte. Seit dem 30. September hungerte sie nicht nur, sondern lief auch von Behörde zu Behörde und führte ein Gespräch nach dem anderen. Ob mit Diplomat*innen, Politiker* innen oder Anwält*innen – sie sprach mit allen, die helfen könnten. Doch es brachte nichts.
Also hungerte sie weiter. Ein Hungerstreik, der die Welt wachrütteln sollte. Ihre Ärzt*innen und Kinder drängten sie, wenigstens ein wenig zu essen. Doch sie blieb stur. Sie sah keine andere Möglichkeit, denn sie kämpfte nicht nur für ihren Sohn, sie kämpfte auch für ihre Familie: zum Beispiel für ihren 13-jährigen Enkel Khaled, der seinen Vater fast die gesamte Kindheit über nur im Gefängnis gesehen hat. Deshalb schrieb sie Briefe, hielt Mahnwachen ab, machte Lärm. «Nur deshalb ist Alaa noch nicht verschwunden», ist Laila Soueif überzeugt.
Weil sie in Ägypten auf taube Ohren stiess, suchte sie Hilfe in Grossbritannien. Die Familie von Laila Soueif hat neben der ägyptischen auch die britische Staatsbürgerschaft, auch Alaa Abdel Fattah. Doch Ägypten erkennt seinen Pass nicht an, verweigert ihm den Schutz durch das Konsulat. «Es ist absurd», sagt Laila Soueif. Als ihre Tochter inhaftiert war, durfte sie im Gefängnis einen britischen Diplomaten empfangen, bei ihrem Sohn ging das bisher nicht.
Sie setzte sie sich vor das britische Aussenministerium und wartete.
Im November 2024 zog Laila Soueif nach London, gab den Zeitungen «The Guardian» und «The Times» sowie der BBC Interviews, sprach mit Ärzt*innen, Abgeordneten, Menschenrechtsaktivist* innen. Doch nichts bewegte sich. Deshalb setzte sie sich vor das britische Aussenministerium und wartete. Ein Sitzstreik, der Bewegung bringen sollte. Noch im selben Monat traf sie sich mit Aussenminister David Lammy. Dieser versprach Unterstützung und brachte den Fall im Januar 2025 bei einem Staatsbesuch in Kairo zur Sprache. Doch nichts änderte sich. Also setzte Laila Soueif sich mit einem alten Klappstuhl und einem Foto ihres Sohns vor die Downing Street 10, den Sitz des Premiers. Jeden Tag eine Stunde lang. Manche Passant*innen blieben stehen, manche brachten ihr Tee, andere setzten sich zu ihr. Ihre stille Präsenz wurde zum Protest. Es dauerte Wochen, Monate. Dann endlich: Premierminister Keir Starmer empfing sie und versprach, sich direkt bei Präsident Al-Sisi einzusetzen. Wann – das sagte er nicht.
Trotzdem beendete sie ihren Sitzstreik. Essen wollte sie jedoch immer noch nicht. Derweil schloss sich ihr Sohn ihrem Protest an: Seit März hungert auch er. Er wollte schon viel früher damit anfangen, hatte sich von seinen Geschwistern jedoch immer wieder umstimmen lassen.
Inzwischen hatte Laila Soueif mehr als 40 Kilo verloren. Ihre Gesundheit hatte ge-litten: Sie stürzte, wurde ohnmächtig und kam mehrfach ins Krankenhaus – jedes Mal schwächer, jedes Mal entschlossener. «Erst wenn Alaa freikommt, esse ich», sagte sie. Im Mai 2025 flog Laila Soueif nach Kairo – gegen den Rat der Ärzt*innen. Zweimal durfte sie ihren Sohn sehen, ihn umarmen. Vielleicht zum letzten Mal. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Aber sie kehrte zurück nach London, sass wieder vor der Downing Street, Tag für Tag. Keine Kalorien, keine Kompromisse.
«Entweder er kommt frei, oder ich sterbe », sagte sie. Anfang Juli kam sie wieder ins Krankenhaus, weil ihr Zustand ernst war. Ihren Kindern gelang es schliesslich, sie zum Essen zu bewegen. Sie habe genug getan, sagten sie ihr. Dass es jetzt nicht mehr um Alaa gehe, sondern um sie. Dass es auch für ihn keine Hoffnung mehr gebe, wenn sie sterben würde. Mit 600 Kalorien versuchten die Ärzt*innen, sie zu stabilisieren, jede Erhöhung musste überwacht werden. Trotzdem verschlechterte sich ihr Zustand. Nach fast 300 Tagen gab sie auf: Am 13. Juli nahm Laila Soueif widerwillig zwei Zuckerwürfel in den Mund und kaute sie langsam, als seien sie Gift. Es war ihre Kapitulation, aber auch ihre Rettung.
Jetzt sitzt sie nicht mehr vor der Downing Street 10, sondern in ihrem Wohnzimmer in London, eingehüllt in Decken. Die Ärzt*innen wollten sie eigentlich im Krankenhaus behalten, denn ihr Körper und ihr Kopf sind erschöpft, doch Laila Soueif hatte genug von den weissen Wänden, vom Tropf, vom Liegen.
Aus Ägypten gibt es immer noch keine Antwort. Alaa Abdel Fattah sitzt weiter in seiner Zelle. Kein offizieller Besuch, keine Begnadigung, kein grünes Licht aus dem Präsidentenpalast. Nur ein kleiner Hoffnungsschimmer: Ein Gericht in Kairo ent-schied kürzlich, seinen Namen von der Terrorliste zu streichen. Ein kleiner Schritt, der an seiner Haft allerdings nichts ändert. Laila Soueif weiss, dass der Kampf um ihren Sohn noch lange nicht vorbei ist. Aber für den Moment lebt sie weiter. Sie hat ihren Hungerstreik beendet, aber nicht ihren Protest. Ihre stille Präsenz bleibt. Und die Hoffnung, dass ihr Sohn doch noch freikommt. Der nimmt inzwischen wieder 600 Kalorien am Tag zu sich. Es geht ums Durchhalten.
*Bei Maleka Taher handelt es sich zum Schutz der Autorin um ein Pseudonym.