© Christian Beutler / Keystone
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AMNESTY-Magazin September 2025 – Rassismus in der Schweiz

«Mit Antisemitismus wird heute zu sehr Politik gemacht»

Im aktuellen Spannungsfeld zwischen Antisemitismus und Israelkritik verschwimmen Fakten, Vorurteile und Interessen. Ein Gespräch mit dem jüdischen Journalisten und Publizisten Yves Kugelmann.

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AMNESTY SCHWEIZ: Ende Juli kam es in Luzern und Davos zu antisemitischen Vorfällen: Jüdische Menschen wurden bespuckt und sogar körperlich angegangen. Wie erleben Sie die Diskussion um den verstärkten Antisemitismus in der Schweiz?

Yves Kugelmann: Es gibt solche Übergriffe schon seit Jahrzehnten, doch inzwischen fast monatlich. Neu ist, dass Antisemitismus auch bei kleineren Ereignissen öffentlich thematisiert wird. Seit dem 7. Oktober 2023 ist er sichtbarer und virulenter, er wird aber auch deshalb stärker wahrgenommen, weil man zuvor weniger hingeschaut hat. Vorfälle wie jene vom Juli hätten vor dem 7. Oktober 2023 kaum interessiert.

Allerdings wird die Debatte befeuert durch die Empörungsberichterstattung auf Onlineplattformen; dazu kommen unheilige Allianzen von Interessengruppen und Aktivist* innen auf allen politischen Seiten, was eine sorgfältige Einordnung und seriöse Recherche der Vorfälle nicht einfacher macht. Mit Antisemitismus, ebenso wie mit anderen «Kampfbegriffen», wird heute zu sehr Politik gemacht. Dies überlagert die wichtige fachgerechte Diskussion darüber.

Solche Übergriffe sollten analysiert und in einen Kontext gestellt werden, wie etwa zu Übergriffen auf andere erkennbare Minderheiten. Sie alleine vor dem Hintergrund von Antisemitismus zu betrachten, ist nicht immer sinnvoll.

Dass Antisemitismus heute mehr Aufmerksamkeit erhält, ist doch begrüssenswert?

Das gesteigerte öffentliche Interesse hat nicht nur mit der Zunahme von sichtbarem Antisemitismus zu tun, sondern eben auch mit der Ideologisierung im Umgang damit. Die Erweiterung der Antisemitismus-Definition durch die International Holocaust Remembrance Alliance, wonach praktisch jegliche Israelkritik mit Antisemitismus begründet werden kann, hat dabei nicht zu mehr Klarheit, sondern oft zum Gegenteil geführt.

Dass Jüdinnen und Juden von überall auf der Welt mit Israel in einen Topf geworfen und für die israelische Politik verantwortlich gemacht werden, ist falsch. Allerdings wurde die Gleichsetzung von jüdischen Menschen mit Israel nicht nur von Antisemit*innen betrieben, sondern ebenso von israelischen Regierungen und auch von jüdischen Menschen selbst. Diese Gleichsetzung führt dazu, dass innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Menschen, die die Politik von Israels Regierungen kritisieren, «jüdischer Selbsthass» oder Terrorverharmlosung vorgeworfen wird.

Wie steht es mit dem Antisemitismus muslimischer Migrant*innen – ein Vorwurf, der bei Übergriffen oft auftaucht, noch bevor der Hintergrund der Täterschaft bekannt ist.

Wenn Menschen in ihrer Heimat tagtäglich mit antiisraelischer, antijüdischer und anderer giftiger Propaganda berieselt wurden, dann macht das in der Regel etwas mit ihnen. In der aufgeladenen Asyldebatte wird auf diesen bestehenden, teils virulenten Judenhass einzelner Migrant*innen von rechtspopulistischer Seite nur zu gerne hingewiesen. Hier kommt es zu einer generellen Stigmatisierung von muslimischen Gemeinschaften statt zur berechtigten Kritik an Antisemit*innen oder antisemitischen Agitationen.

Diese Form des «migrantischen Antisemitismus» ist historisch betrachtet aber ein jüngeres Phänomen als der seit Jahrhunderten gewachsene Antisemitismus in unseren Ländern, der eigentlich nichts anderes ist als ein weitgehend christlich konnotierter Judenhass.

Es ist ja nicht so, dass extremer Antisemitismus in Europa durch Aufklärung, Bildung, Dialog verschwunden wäre – ganz im Gegenteil. Schweizer Studien zeigen über Jahrzehnte einen «Bodensatz» von rund 20 bis 30 Prozent an Menschen, die für antisemitische Haltungen empfänglich sind – 8 Prozent sind extrem oder sogar gewaltbereit. Diese Zah len lassen sich auch entlang anderer Studien zu Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus lesen und einordnen.

Von jüdischen Menschen hört man zurzeit, dass sie froh sind, dass es den Staat Israel gibt, in den man zur Not auswandern kann. Ist es nicht nachvollziehbar, dass deshalb Kritik an Israel abgelehnt wird?

Es ist mehr als verständlich, dass jüdische Menschen mit der generationenübergreifenden Trauma-Erfahrung nicht nur aus der Shoah Angst haben, wenn sie sich fragen müssen, ob sie ihre Kinder ohne Gefahr in die Schule schicken können oder ob sie sich in orthodoxer Kleidung sicher auf der Strasse bewegen können. Viele jüdische Menschen in Europa haben Vertrauen verloren, fühlen sich alleingelassen und sind durch die antiisraelischen Proteste verunsichert.

Allerdings sind viele ebenso enttäuscht von der Entwicklung, die Israel unter der amtierenden rechtsextremen Regierung durchmacht – ein Wandel, den viele so nicht für möglich gehalten hätten.

Es gibt eine reflexartige Verteidigung Israels in Teilen der jüdischen Gemeinschaft, die verständlich, manchmal richtig und oft ebenso falsch ist. Dann nämlich, wenn man politische Massnahmen des israelischen Staates verteidigt, gegen die man hierzulande auf die Barrikaden ginge: den Angriff auf die Zivilgesellschaft, die Aufweichung der Gerichtsbarkeit oder die Gewaltentrennung. Die massiven Übergriffe des israelischen Militärs und von Siedler*innen im Westjordanland werden stillschweigend hingenommen von Menschen, die in der Schweiz zum Schutz von Minderheiten aufrufen und vom Staat fordern, dass die jüdische Gemeinschaft geschützt und Antisemitismus geahndet wird. Da ist das Argument, Israel sei von Feinden umgeben und die einzige Demokratie in Nahost, nicht hilfreich. An Letzterem wird das Land gemessen.

Wie können wir denn über Antisemitismus sprechen, ohne in gegenseitigen Schuldzuweisungen zu landen?

Die Tatsache, dass man über die Politik der israelischen Regierung nicht mehr sprechen kann, ohne dass man sich quasi in eine Kampfarena begibt, zeigt, wie ungesund, ja toxisch die Diskussion ist.

Wir befinden uns heute in einer Situation, in welcher in solchen Debatten nicht das Argument, sondern zuerst die Identität der Absenderschaft oder deren politische Haltung verhandelt wird. Das ist ein Paradoxon in einer Gesellschaft, die eigentlich divers sein will, und hat mit Gleichberechtigung nichts zu tun. Der sogenannte postkoloniale Diskurs und die politischen Verwerfungen in den USA überlagern die Diskussion, da prallen Makro- und Mikrokosmen mit verheerender Geschwindigkeit aufeinander – mit unabsehbaren Konsequenzen.

Wie kann in dieser Gemengelage Antisemitismus bekämpft werden?

Ich kann diese Debatte nicht loslösen vom Diskurs über andere Formen der Diskriminierung – was nicht heisst, dass Antijudaismus damit gleichgesetzt werden soll. Menschen sind in der Regel nicht per se rassistisch oder antisemitisch. Sozialisation, soziale Klassen und die jeweilige Gesellschaftskultur prägen Menschen. Die Formen des Zusammenlebens müssen immer wieder neu verhandelt werden – ohne dass Interessenverbände diese kapern oder dominieren.

Dieser Herausforderung muss sich die offene Gesellschaft stellen, statt zu polemisieren und sich in Partikularinteressen zu verlieren. Dass man sich nicht abkapselt, sondern aufeinander zugeht, ist doch das Fundament einer modernen Gesellschaft. Diese Bereitschaft zum Dialog und Verständnis gilt es heute zu verteidigen.