@ James Eades / unsplash
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AMNESTY-Magazin September 2025 – Rassismus in der Schweiz

Rassismus in der Schweiz ist ein Faktum

Idil Abdulle und Inès El Shikh erleben seit der Kindheit täglich Rassismus. Inzwischen ist die Bekämpfung des Rassismus zu ihrem Beruf geworden.

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Wie oft am Tag denken Sie über Rassismus nach? Diese Frage stellen wir jeweils in unseren Workshops zum Thema Diversität und Inklusion für Firmen und Organisationen. Wir sind jedes Mal überrascht von den Reaktionen, die die Frage auslöst. Denn in jedem Publikum gibt es eine rassi­fizierte Person, für die diese Frage eine Offenbarung ist: die Erkenntnis und die Erleichterung, dass sie nicht die einzige Person ist, die täglich Rassismus erleben muss.

Es ist weder übertriebene Empfi­ndlichkeit noch eine bewusst gepflegte Obsession, dass das Thema Rassismus einen so grossen Platz in unserem Leben als People of Color einnimmt. Rassismus ist ein Phänomen, das die gesamten Lebenserfahrungen eines bedeutenden Teils der Bevölkerung prägt. Er drängt sich in unsere Schulzeit, unseren beruflichen Werdegang. Er schleicht sich in die Zwischenräume unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Er prägt weitgehend die Institutionen, mit denen wir zu tun haben. Er manifestiert sich in einer Vielzahl von Erfahrungen, Mikroaggressionen, Ungleichheiten, Blicken, Schweigen, Kommentaren, ja sogar Gewalttaten. Dazu kommen unsichtbare Barrieren, die letztendlich unseren gesamten Lebensweg prägen.

Als rassi­zifierte Frauen der Millennial-Generation erkennen wir die Allgegenwart von Rassismus in jeder einzelnen Lebensphase. Schon als Kinder erlebten wir immer wieder – noch ohne es zu verstehen –, wie unser Anderssein regelmässig zu Bemerkungen führte: über unsere Haare, unsere Hautfarbe … Aber auch unser prekärer Aufenthaltsstatus unterschied uns von den anderen Kindern. Wir haben daraus gelernt, in der Schule doppelt so hart zu arbeiten, um zu beweisen, dass wir den Erfolg auch wirklich verdient haben, und um die Klischees Lügen zu strafen. Aber selbst wenn wir auch noch an der Uni erfolgreich waren, so war dieser Einsatz spätestens beim Eintritt in den Arbeitsmarkt für die Füchse. Denn nun begann ein neuer Abschnitt der Desillusionierung: neue Diskriminierungen, neue Ausgrenzungen, Mikroaggressionen und sogar Belästigungen. Spätestens jetzt, im Erwachsenenalter, können wir diese Erfahrungen als rassi­fizierte Menschen nicht mehr ignorieren, vor allem auch, nachdem wir feststellen, dass andere, die wie wir sind, dasselbe erleben.

Herausforderungen allenthalben

Kein Wunder also, kam bei uns beiden eine Zeit der Analyse, des Hinterfragens, des Lesens und Verstehens. Irgendwann fanden wir dann auch die Worte, um auszudrücken, was wir schliesslich begriffen hatten: Wir haben es mit einem System zu tun. Einem System, dessen Mechanismen gut geölt sind, mit unzähligen Verästelungen in jeden Lebensbereich. Diese Erkenntnis half uns, Strategien zu überlegen, wie wir damit umgehen wollen. Wie wir uns engagieren können. Und wie andere mobilisiert werden können. Der Entschluss, gegen Rassismus anzugehen, ist damit gefallen.

Wobei sich in der Schweiz wie anderswo das antirassistische Engagement in den letzten Jahrzehnten ständig verändernden Voraussetzungen gegenübersah. Nicht nur der 11. September 2001 oder der darauf folgende Krieg gegen den Terror schufen einen völlig neuen globalen Kontext der Rassismusthematik. Auch die Migrationsdebatte, die Abschottung und faktische Schliessung der Grenzen in Europa und das Überwachungssystem Frontex führten zu neuen Herausforderungen. In der Schweiz belasteten insbesondere die rassistischen Initiativen wie diejenige zum Minarettverbot und die sich ständig verschärfenden Massnahmen gegen «kriminelle Ausländer*innen» das Zusammenleben der vielfältigen Menschen, die hier leben.

Und im Privaten? Unsere Wege verliefen alles andere als geradlinig. In gewisser Weise könnte man sogar sagen, sie verliefen in Kreisen. Heute sind wir beide Mütter und stehen vor derselben Herausforderung wie unsere Eltern damals: Kinder mit einer anderen Hautfarbe in einer rassistischen Welt grosszuziehen. Es ist der Versuch, ein Gleichgewicht zu ­finden zwischen der Unschuld, in der man die Kinder möglichst lange belassen will. Und der Aufgabe, sie mit allem auszustatten, was sie benötigen, um mit den Schwierigkeiten umzugehen. Der nächsten Generation das notwendige Wissen über Rassismus und Antirassismus weiterzugeben, ist eine unangenehme, aber unerlässliche Aufgabe. Selbst wenn wir heute weitaus mehr Möglichkeiten, Freiheiten und Ressourcen haben als unsere Vorfahr*innen, so ist das Gewicht dessen, was wir unseren Kindern aufzeigen und worauf wir sie vorbereiten müssen, nach wie vor immens. Dass dem so ist, verstärkt die Belastung, die wir täglich tragen müssen.

Rassistische Belastung

Die französische Forscherin Maboula Soumahoro defi­niert rassistische Belastung als «die anstrengende Aufgabe, gewalttätige, diskriminierende oder rassistische Situationen zu erklären, zu übersetzen und verständlich zu machen». Dazu zählt sie auch die Energie, die aufgewendet werden muss, um rassistische Ereignisse als solche zu erkennen. Und die Kraft, die es braucht, um mit ihren Folgen umzugehen. Es ist eine unsichtbare Last, die auf den Schultern all derer lastet, die von der gesellschaftlichen Mehrheit in eine Schublade gesteckt werden. Eine Schubladisierung gemäss rassistischer Kategorien.

Auch wenn dieses System künstlich und sozial konstruiert ist: Es hat reale und greifbare Auswirkungen. Die rassistische Belastung, wie der Begriff in Analogie zum Konzept der mentalen Belastung von Frauen im Patriarchat bezeichnet wird, beschreibt implizit auch die mentalen Kosten des Rassismus für die Betroffenen. Eine Belastung, die oft mit physischer Gewalt, Gerichtsverfahren, Orientierungslosigkeit oder schwierigen Entscheidungen einhergeht.

In der Schweiz wird Rassismus nach wie vor verharmlost. Die Gründe für diese Verleugnung sind vielfältig: Nicht nur gibt es hier so etwas wie eine «koloniale Amnesie» – ein komplexes politisches System, das die Illusion erschuf, eine globale Ausnahme zu sein, was Kolonialen Rassismus betrifft. Nicht selten hört man aber auch als Argument, dass Rassismus ein Problem von Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Frankreich sei, während die Schweiz mit ihren vier Landessprachen, Kulturen und dem multikonfessionellen Modell doch ein Vorbild für friedliches Zusammenleben sei. Daraus wird dann geschlossen, wir alle wüssten, wie friedliches Zusammenleben geht.

Angesichts dieser Verleugnung der reellen Rassismen ist es dringend notwendig, aufzuklären: Auch in der Schweiz ist Rassismus existent. Auch in der Schweiz fordern Diskriminierung und rassistisch motivierte Gewalt Opfer. Wir müssen klare Worte sprechen, wir dürfen unser Unbehagen nicht verschweigen, auch wenn in der Schweiz eine Kultur der Diskretion herrscht, was Kritik am Land betrifft.

Auch wenn die Antwort auf die Frage «Wie oft denken Sie pro Tag an Rassismus?» immer noch «viel zu oft» lautet: Gemeinsam tragen wir dazu bei, eine lebendige, liebevolle und fruchtbare Kultur des Antirassismus aufzubauen.