Ihr Buch kletterte schnell in die Bestsellerlisten: Anja Nunyola Glover. © Mirjam Kluka
Ihr Buch kletterte schnell in die Bestsellerlisten: Anja Nunyola Glover. © Mirjam Kluka
AMNESTY-Magazin September 2025 – Rassismus in der Schweiz

Rassismus ist immer – es gibt keine Pausen

Wie ist es, als junge Schwarze Frau in der Schweiz aufzuwachsen? In einem Land zu leben, in dem sich die Vorstellung hartnäckig hält, dass Rassismus bloss ein «Übersee-Problem» sei? Einen Einblick bietet das Porträt von Anja Nunyola Glover, die genau darüber in ihrem Buch schreibt.

Details

Was macht Rassismus mit einer Betroffenen? Dieser Frage geht Anja Nunyola Glover in ihrem autobiografischen, mit gesellschaftskritischen Analysen und wissenschaftlichen Fakten unterlegten Buch «Was ich dir nicht sage» nach. Anders als viele Bücher zum Thema, die vor allem aufzeigen, was Rassismus ist, woher er kommt und wie er bekämpft werden soll, wählte die Autorin, Moderatorin und Antirassismus-Trainerin einen weit persönlicheren Ansatz: Sie stellt ihre eigenen Erfahrungen ins Zentrum.

Der Befreiungsschlag

Obwohl die frischgebackene Mutter wegen des Babys kaum geschlafen hat, wirkt sie im Gespräch sanft und zugewandt. Sie antwortet überlegt, sucht sich die Sätze mit Bedacht aus. «Normalerweise kommuniziere ich freundlich und einfühlsam», sagt sie selbst. «Im Buch mache ich das nicht.» Das Schreiben des Buches sei für sie ein Befreiungsschlag gewesen. Hier habe sie frei sprechen können, die Konfrontation mit dem Gegenüber zugelassen. Viel zu oft habe sie in ihrem bisherigen Leben ihren Ton gemässigt. Sie habe schon als Kind lernen müssen, ihre Wut zurückzuhalten: Um für die weissen Menschen im Luzerner Hinterland akzeptabel zu sein, verbot Anja Nunyola Glover sich, unangenehm aufzufallen. Im Buch spricht die Autorin denn auch direkt und unverblümt – sie verwendet konsequent die Du-Form, wobei das Du einmal eine Freundin sein kann, dann wieder eine Therapeutin oder ein Medienschaffender, dem sie seine Stereotypisierungen aufzeigt. Aus der Ich-Perspektive geschrieben, schafft sie mehr Empathie dafür, was Rassismus in ihr auslöst – und gleichzeitig macht es mich als weisse Leserin unangenehm betroffen: denn manch ein unbewusstes Vorurteil, das weisse Menschen haben, entdeckt man nun auch bei sich selbst.

Anja Nunyola Glover schildert aber nicht einfach ihre persönlichen Erfahrungen. Diese sind vielmehr Teil der kollektiven Lebensrealität vieler People of Color. Denn: Rassismus hat System. Wie sie in ihrem Buch offenlegt, liegt er tief in unseren Denkmustern, Institutionen, Arbeitsplätzen und Strukturen verankert. Und: Niemand ist davor gefeit, sei ein Mensch noch so bemüht, es «richtig» machen zu wollen.

So ist denn auch eine ihrer zentralen Botschaften, dass wir uns von der Vorstellung lösen müssten, rassistisch sei nur, was mit Absicht und aus bösem Willen heraus entstehe. «Natürlich gibt es den frontalen, beabsichtigten und unübersehbaren Rassismus. Aber Rassismus existiert eben auch im Nicht-Offensichtlichen, im Kleinen», sagt Anja Nunyola Glover. Dies illustriert sie in ihrem Buch anhand eigener Erlebnisse: So gab es in ihrer Kindheit keine Schwarze Superheldin, zu der sie aufschauen konnte. Als Teenagerin bändigte sie ihre Afrolocken mit chemischen Mitteln, um sich einem weissen Schönheitsideal anzupassen. Und heute, als Antirassismus- Trainerin, muss sie sich in ihren Workshops oft mehr mit den Befindlichkeiten weisser Workshop-Teilnehmenden befassen, als tatsächlich über die Wirkungsmechanismen von Rassismus sprechen zu können.

Der gebrochene Ast

Auslösend für das Buch war eine Rückenverletzung, die Anja Nunyola Glover zwang, sich aus zahlreichen Projekten zurückzuziehen. In der Auseinandersetzung mit ihren Rückenschmerzen, deren Ursachen und Therapiemöglichkeiten begann sie, dieses Buch zu schreiben, angelegt wie ein Logbuch und ihren Genesungsprozess begleitend. «Ich merkte, da ist enorm viel, was ich zu sagen habe», erklärt sie.

Anja beschreibt im Buch, wie ihr Rücken sinnbildlich für den Rassismus steht, den sie erfährt: Sie zieht einen Vergleich mit einem Ast, auf den immer mehr kleine Schneeflocken fallen, bis ihm die Last irgendwann zu viel wird und er bricht. Die Schneeflocken stehen dabei für Mikroaggressionen, also kleine Handlungen, Aussagen und Fragen, die immer wieder ihr «Anderssein» als nichtweisse Person markieren, ihr immer wieder das Gefühl vermitteln, nicht zur Mehrheitsgesellschaft dazuzugehören. «Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie und wer ich wäre, wenn ich nicht Rassismus erfahren hätte», sagt sie. Gerade deshalb gelinge es ihr auch nicht, sich von ihrer Arbeit zu distanzieren. Sie sei ihre Arbeit. Die Verletzungen, die Trauer, die Einsamkeit, all das sei für sie sehr schwierig gewesen. «Rassismus ist immer, es gibt keine Pausen.»

Das bekam Anja Nunyola Glover auch nach Fertigstellung des Buches zu spüren. Denn niemand wollte das Buch publizieren. «Einen Verlag zu finden, ist generell immer schwierig, der Zugang zum Verlagswesen ist beschränkt.» Aber bei der Absage zu hören, dass man schon ein Buch in «diese Richtung» herausgebracht habe oder gerade eines von einer «anderen Schwarzen Frau» veröffentlich worden sei, sei extrem ernüchternd gewesen.

Doppelt diskriminiert

Anja Nunyola Glover sieht hier die Überschneidung zwischen dem Rassismus, den sie als Person of Color erfährt, und dem Sexismus, der ihr aufgrund ihres Geschlechts entgegenschlägt. Ein Phänomen, welches die Bezeichnung Misogynoir trägt. «Ich bin nie einfach Schwarz, nie ausschliesslich Frau – beides geschieht gleichzeitig», sagt sie. Diese doppelte Diskriminierung sorge dafür, dass Schwarzen Frauen weiterhin Türen verschlossen blieben, die für weisse Personen oder Männer einen Spalt weiter offen stünden. «Ich erlebe nun dasselbe wieder bei der Suche nach einem Verlag, der mein Buch übersetzen könnte.»

Diese Erfahrungen mit der Verlagswelt bestärkten in Anja Nunyola Glover das Gefühl, dass sie als Schwarze Frau stellvertretend für alle Schwarze Frauen dasteht, nicht als Individuum. Wenn sie beispielsweise einen öffentlichen Auftritt oder Anlass habe, werde sie als positive Ausnahme gelobt, wenn dieser erfolgreich sei. Misslinge er aber, werde ihr Scheitern allen Schwarze Frauen vorgeworfen. «Individualität ist ein Privileg, welches nur weissen (Norm-)Menschen zusteht», sagt sie.

Trotz all der Absagen konnte das Buch letztendlich herausgegeben werden – im Selbstverlag, finanziert durch Crowdfunding und dank grosser Unterstützung aus der Familie und dem Freundeskreis. Nicht nur ist der von ihr erwartete Shitstorm nach der Veröffentlichung ausgeblieben, das Buch kletterte rasch in die Bestsellerlisten.

Die neuen Erfahrungen als Mutter haben ihren Sinn nun auch für weitere zahlreiche Ungerechtigkeiten geschärft: Care-Arbeit, Mental Load, kollektive Kinderbetreuung, Teilzeitarbeit. Es sind weitere verschlossene Türen, die es zu öffnen gilt – nicht nur für sich selbst. Sie kämpft für alle People of Color und wünscht sich mehr Diversität und Förderung, damit rassifizierte Menschen Entscheidungspositionen tragen, mitbestimmen und unsere Zukunft zunehmend mitgestalten können. Weisse Mitstreiter*innen fordert sie auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und die Türen gemeinsam zu öffnen. «Es macht doch einfach mehr Spass, sich in Räume zu begeben, in welchen vielfältige Menschen und Perspektiven aufeinandertreffen.»