Die Frauen, die an der Revolution teilgenommen haben, haben sich verändert. Sie sind stark geworden. Und jetzt, wo das Regime weg ist, sollen sie unter der neuen Regierung zu Hause bleiben und schweigen? Wir haben es mit einer extremen Regierung zu tun, die Frauen und Frauenrechte nicht respektiert. Sie wollen vor der internationalen Gemeinschaft gut dastehen, doch in Syrien haben sehr viele Frauen Angst. Auch ich habe Angst. Eine der Gefahren für Frauen besteht darin, dass sie entführt werden könnten. Viele Frauen aus dem Küstengebiet sind verschwunden. Bei den Gewaltausbrüchen in Suwaida vom vergangenen Sommer wurden Dutzende Frauen und Mädchen entführt. Wir sehen keine ernsthaften Bemühungen der Regierung, die Verbrechen aufzuklären. Die Unterstützer* innen der Regierung leugnen sogar, dass das überhaupt passiert ist.
Der Sturz Assads ist erst ein Jahr her, und jeden Tag wird die syrische Gesellschaft weiter gespalten. Auch die Frauenrechtsaktivist* innen sind gespalten: Manche unterstützen die Regierung oder wollen ihr eine Chance geben. Andere wollen nicht mit ihr reden oder mit ihr zusammenarbeiten. Ich habe Frauen zunächst ermutigt, sich politisch einzubringen, doch inzwischen sehe ich das anders. Ist politische Partizipation gut, wenn das System schlecht ist? Laut Verfassungserklärung ist die Macht beim Interimspräsidenten Ahmed Al-Sharaa konzentriert. Wenn ich Frauen in ein System schicke, in dem sie nichts bewirken können, ist das nur Show.
Der Schwerpunkt der Arbeit unserer Organisation Dawlaty ist es, Frauen in der Zivilgesellschaft zu stärken. Wir bilden sie fort und bringen ihnen bei, wie sie öffentlich sprechen oder politische Arbeit auf lokaler Ebene machen können. Es wäre wichtig, Räte zu etablieren, in die sich Frauen einbringen können und in denen sie Gehör finden. Ich habe kein Vertrauen in die Regierung, aber in die syrische Gesellschaft – auch wenn es viel Hass gibt. Wir müssen miteinander reden und alle zusammenbringen. Darum organisieren wir Workshops mit Frauen von der Küste, aus Idlib, Raqqa, Qamishli und anderen Regionen. Unser Ansatz ist es, lokale Gemeinschaften zu stärken und landesweit zu vernetzen.
Roula Baghdadi (44) arbeitete bis 2017 als Anwältin in Damaskus. Sie unterstützte Frauen bei Fällen von Diskriminierung und häuslicher Gewalt und verteidigte nach dem Beginn der Revolution 2011 politische Gefangene. 2017 flüchtete sie aus Angst vor Verfolgung in den Libanon. Heute ist sie Direktorin der syrischen Organisation Dawlaty, die sich für Menschen- und Frauenrechte engagiert.
Ich bin Anwältin geworden, weil ich Juristinnen schon immer als starke Persönlichkeiten wahrgenommen habe, die Frauen in ihrer Umgebung unterstützen können. Zudem waren viele meiner Rechte als Kurdin in Syrien eingeschränkt.
In den ersten Monaten nach dem Sturz Assads waren wir voller Hoffnung, dass alles besser wird. Die Angst vor den Geheimdiensten war weg. Die Menschen fingen an, wieder offen zu reden. Aber die Gewalt an der Küste und in Suwaida hat viele Ängste zurückgebracht. Die Angst ist gross, dass sich dies in anderen Orten wiederholt, in denen Minderheiten leben, zum Beispiel in den kurdischen Gebieten.
Als kurdische Frau traue ich mich derzeit nicht, nach Damaskus zu fahren. Vielleicht würde nichts passieren. Viele Leute fahren hin und kommen zurück. Aber weil ich Aktivistin bin, habe ich Angst, dass ich Probleme bekomme. An Checkpoints in Damaskus wurde ich erst kürzlich gefragt, ob ich Kurdin oder Araberin bin. Das liegt an meinem Erscheinungsbild. Würde ich ein Kopftuch tragen, wäre ich wohl nicht gefragt worden. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass religiöse und ethnische Gruppen zur Zielscheibe werden. Und das führt dazu, dass diese Angst bekommen und sich zurückziehen.
Wenn wir über Zusammenhalt und Frieden sprechen, spielen Frauen die Hauptrolle. Es gibt viele Initiativen. Ich bin zum Beispiel Mitglied eines Zusammenschlusses von Aktivistinnen aus verschiedenen Teilen Syriens. Es ist nicht wichtig, dass wir unterschiedliche Hintergründe haben. Als Frauen arbeiten wir an einer gemeinsamen Sache.
Sawsan Reshid (37) ist Anwältin, kommt aus Afrin und wohnt seit 2018 in Qamishli im Nordosten Syriens. Zuletzt arbeitete sie an einem Bericht über die spezifischen Auswirkungen der Vertreibung auf Frauen, die in Flüchtlingslagern oft zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sind.
14 Jahre lang haben Frauen in Syrien gegen Assad gekämpft, und sie haben viel erreicht. Derzeit ist es für Frauen herausfordernd, ihren Platz in den sich verändernden politischen Verhältnissen zu finden. Sie sollten nicht nur für das Image da sein, sondern in Entscheidungspositionen sitzen. Teilweise gibt es schon Verbesserungen. Wir haben eine Ministerin. Die Regierung hat Frauen in Komitees berufen, zum Beispiel für Übergangsjustiz oder für die Verschwundenen. Doch sind dies noch zu wenige. Es sieht ganz so aus, als müssten wir in der Opposition bleiben.
Der politische Islam wird von vielen dämonisiert. Für mich stand der Islam hingegen schon immer für die Unterstützung der Frau. Der Islam war nie gegen Frauenrechte, auch wenn er leider von manchen so ausgelegt wird. Ich komme aus einer konservativen Gesellschaft, doch in Idlib wohne ich allein, habe eine Führungsposition in meiner Organisation und kann mich frei ausdrücken. Dabei spielt die Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle. Wenn sie Frauen unterstützt, kann sich die Regierung dem nicht entgegenstellen. Leider ist das in vielen Regionen derzeit nicht der Fall. Das liegt auch daran, dass im Krieg alles zerstört wurde, teilweise auch die Wertvorstellungen. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist es nun, das Bewusstsein für Frauenrechte zu stärken. Ich habe die Chemiewaffenmassaker 2013 und 2018 sowie Luftangriffe und Vertreibung überlebt.
Ich habe Familienmitglieder verloren. In einem Syrien ohne Assad zu sein, bedeutet mir alles. Wir haben einen hohen Preis für diese Freiheit gezahlt und müssen sie mit aller Kraft verteidigen. Wenn es um Frauenrechte geht, dürfen wir nicht aufhören, bis Frauen in Entscheidungspositionen ankommen und die Rechte aller geachtet werden. Aufbau ist so viel schwieriger als Zerstörung. Wir werden viel Energie brauchen. Aber niemand sonst wird den Aufbau unseres Landes für uns übernehmen. Ich denke da oft an die deutschen Trümmerfrauen. Sie sind ein Vorbild für mich.
Huda Khaity (46) gründete mehrerer Frauenzentren zunächst in Ost-Ghouta, dann nach ihrer Vertreibung 2013 in Idlib. Dort leitet sie das Women Support & Empowerment Center, das Frauen juristisch, politisch und psychologisch unterstützt und ihnen eine Berufsausbildung ermöglicht. Seit dem Sturz Assads pendelt Khaity zwischen Idlib und Ost-Ghouta, wo sie versucht, zerstörte Frauenzentren wieder aufzubauen.