«Dies wird mein letztes Video sein, weil sie wohl heute Nacht eingreifen werden. Wenn ihr von uns nichts mehr hört, dann, weil die Kommunikation gestört wurde.» Mit diesen Worten wandte sich am 8. Juni 2025 die Europaabgeordnete Rima Hassan zum letzten Mal von Bord des Segelboots Madleen an die rund 1,1 Millionen Menschen, die ihr auf Instagram folgen. Die Madleen war unterwegs, um die israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Die Aktivist*innen, die aufgrund der fehlenden Begleitung durch die internationalen Medien praktisch pausenlos selbst auf den Sozialen Medien Bericht erstatteten, erreichten ein riesiges Publikum. In der folgenden Nacht wurde das Boot von der israelischen Armee in internationalen Gewässern abgefangen. Die zwölf Personen an Bord wurden festgenommen.
Eine weitere Flotte mit 44 Booten unter dem Namen Global Sumud Flotilla stach dann Anfang September von Spanien, Italien, Tunesien und Griechenland aus in See und wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober abgefangen. Für den 37-jährigen Aktivisten Romain Mouron bot dies eine einzigartige Gelegenheit, seinen Nachrichtenkanal ragekit zu pushen, den er im Februar 2025 mitbegründet hatte und der auf Instagram, TikTok und Youtube zu finden ist. «Wie ich haben die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, über Instagram von der Flottille erfahren – sei es über den offiziellen Account, über den Account der Organisation Waves of Freedom, die die Schweizer Delegation vertrat, oder über eine Vielzahl von Accounts Dritter, die diese Informationen weiterverbreiten», sagt Romain Mouron.
Es waren der «moralische Schock» und die «grosse Empörung» aufgrund der katastrophalen humanitären Lage in Gaza und der Untätigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, die die Voraussetzung dafür schufen, dass es zu einer so massenhaften Mobilisierung von Aktivist*innen, die mit Booten nach Gaza fahren wollten, kam, wie Mounia Bennani- Chraïbi, Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Lausanne, erklärt.
Allein auf Instagram hat die Freedom Flotilla Coalition, zu der das Schiff Madleen gehörte, ganze 2,1 Millionen Follower*innen erreicht. Die folgende Global Sumud Flotilla kam im September auf rund 3 Millionen. Und dabei sind die vielen Accounts, die die Inhalte weiterverbreiten, noch nicht einmal mitgezählt. «Für die Global Sumud Flotilla erhielten die Organisator*innen 38 000 Bewerbungen für die Teilnahme an der Reise. Dabei konnten wir nur 500 Leute zur Ausbildung zulassen, die Vorausssetzung war, um mitfahren zu können», sagt Romain Mouron.
«Personen engagieren sich meist dann, wenn sie bereits starke soziale Netze haben. Die Social Media erweitern zwar die Möglichkeiten der Mobilisierung, können die menschlichen sozialen Netzwerke aber nicht ersetzen.» Mounia Bennani-Chraïbi, Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Lausanne
Die Koalitionen hinter den Flotillen nutzten die sozialen Medien gekonnt, um auf ihre Projekte hinzuweisen und zu mobilisieren. Soziale Medien dienen aber nicht nur als Multiplikator, sie können auch zum Auslöser einer Bewegung werden, wie dies etwa in Marokko der Fall war. Ende September gingen Tausende Menschen auf die Strasse, um für ihr Recht auf ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und gegen verfehlte politische Prioritäten zu protestieren. Die Mehrheit der Demonstrant*innen waren Teenager oder junge Menschen in ihren Zwanzigern. «In Marokko ging die Bewegung GenZ 212, von einem Discord-Server aus, der von zwei Jugendlichen erstellt worden war [eine Online Gruppe, in der sich Teilnehmer*innen zu einem bestimmten Thema austauschen können. Anm. der Red.]. Innerhalb weniger Wochen schlossen sich 220 000 Menschen der Gruppe an», sagt Mounia Bennani- Chraïbi. Die Bewegung GenZ 212 war also zunächst nur auf dem Internet aktiv und verfügt weder über traditionelle Organisationsstrukturen noch über bekannte Anführer*innen. Trotzdem gelang es ihr, die grössten Proteste gegen die marokkanische Regierung seit langem auf die Beine zu stellen. Zentral ist für diesen Erfolg laut Mounia Bennani-Chraïbi, dass es bereits einen fruchtbaren Boden gab, auf dem diese Bewegungen an Dynamik gewinnen konnte. In Marokko war dies die Tatsache, dass trotz Inflation und Kürzungen im Bildungsund Gesundheitswesen gigantische Geldsummen in Bauprojekte für die Fussball-Weltmeisterschaft 2030 gesteckt wurden. In Gaza war es die humanitäre Katastrophe, die Menschen zum Handeln zwang.
Dennoch sind es laut Mounia Bennani-Chraïbi letztendlich persönliche Faktoren, die eine Person dazu bewegen, sich aktiv zu engagieren. «Personen engagieren sich meist dann, wenn sie bereits starke soziale Netze haben. Die Social Media erweitern zwar die Möglichkeiten der Mobilisierung, können die menschlichen sozialen Netzwerke aber nicht ersetzen.»
Das erklärte Ziel der Global Sumud Flottille war es, lebensnotwendige Güter nach Gaza zu liefern, aber auch, die Aufmerksamkeit auf die Lage der Bewohner*innen von Gaza zu lenken. Auf jedem der 44 Boote gab es daher mindestens eine Person, die dafür zuständig war, online über das Leben an Bord zu berichten, sei es durch Kontakte zu den Medien oder durch Posts in den sozialen Netzwerken. «Schon immer wurden Wege gefunden, um die Lücken in der offiziellen Medienberichterstattung zu füllen, aber die Social-Media-Kanäle machen dies viel einfacher», sagt Mounia Bennani-Chraïbi. «Indem Infor- mationen live publizieren werden können, wird ausserdem eine direktere Verbindung zum Publikum möglich.»
Aber es gibt auch eine Kehrseite, sagt die Politikwissenschaftlerin: «Informationen, die ausserhalb der offiziellen Kanäle verbreitet werden, bieten insbesondere autoritären Regierungen einen Weg, eine Form der Gegenmacht zu etablieren: Indem man live von Ereignissen berichtet, über die die traditionellen Medien nicht sprechen, wird eine neue, alternative öffentliche Sphäre geschaffen.» Dadurch bestehe die Gefahr, dass «alternative Wahrheiten» oder «Fake News» verbreitet werden. Ein Trend, der während der Covid-19-Pandemie besonders ausgeprägt war, als Menschen «die Wahrheit » ausserhalb der offiziellen Diskurse suchten.
Live-Übertragungen sind für die Verbreitung falscher Informationen besonders anfällig.
Live-Übertragungen sind für die Verbreitung falscher Informationen besonders anfällig. Romain Mouron erinnert sich an das Chaos, das während der Drohnenangriffe auf die Flotte vor Kreta in der Nacht vom 23. auf den 24. September ausbrach. «Es kursierten widersprüchliche Informationen, weil die Leute live sendeten. Einige sprachen von ‹Granaten›, andere von ‹U-Booten›.» Am nächsten Tag habe die Flottillenleitung die Teilnehmer*innen zurechtgewiesen, erinnert sich der Aktivist. Es hiess, von nun an würden Waffenexpert*innen die vor Ort aufgenommenen Bilder analysieren, das verwendete Material und dessen Herkunft identifizieren und auf der Grundlage ihrer Beobachtungen eine gemeinsame Darstellung erstellen.
Romain Mouron ging es um mehr: «Mit ragekit wollten wir die Aktionen der Flottilla dokumentieren und bekannt machen, um Menschen zu finden, die sich dann auch an Land für dieselbe Sache einsetzen. Ich wollte nicht meine persönlichen Erfahrungen, sondern die Nachrichten der letzten zwei Jahre im Zusammenhang mit der Blockade thematisieren. Die Flottilla wurde zum Kontext meiner Videos.»
Auch die Global Sumud Flotilla erreichte Gaza nicht. Aber die Bilder, die sie verbreitete, gingen um die Welt. Dies zeigt: Im Zeitalter der digitalen Mobilisierung wird der Kampf um die öffentliche Meinung ebenso auf See wie auf unseren Bildschirmen ausgetragen.