Josephine Kulea entging selbst nur knapp einer Kinderehe und der Genitalverstümmelung, die hier weiterhin verbreitet ist. Sie wuchs in einer Gesellschaft auf, in der Mädchen durch das traditionelle «Beading» als heiratsfähig markiert werden: Mädchen werden mit Perlen (Beads) geschmückt, danach werden sie einem entfernten Verwandten in eine sexuelle Beziehung übergeben. Kinder, die aus dieser erzwungenen Beziehung entstehen, werden meist getötet. Josephine Kulea wollte nicht mehr tatenlos zusehen. «Ich konnte einfach nicht still bleiben, wenn Mädchen missbraucht und zum Schweigen gebracht werden», sagt die gelernte Krankenschwester. Nachdem ihre 10-jährige Cousine mit einem Mann verheiratet werden sollte, der fast so alt war wie ihr Vater, schaltete Josephine Kulea die Polizei ein. Die Gemeinschaft wandte sich gegen sie, sie wurde von den Ältesten gar verflucht.
Doch Josephine Kulea machte weiter: Sie öffnete ihr Haus, um weitere Mädchen vor diesem schrecklichen Schicksal zu retten, immer mehr fanden bei ihr Zuflucht. Bald wurde klar, dass sie das nicht mehr allein stemmen konnte. Sie wandte sich an ihre Freund*innen, die Kirche und andere Gemeindemitglieder, die sie meist heimlich unterstützten. 2011 gründete sie die Samburu Girls Foundation.
Die Probleme, gegen die Josephine Kulea und ihre Stiftung kämpfen, sind erschütternd: Nach Angaben von Unicef und kenianischen Behörden sind landesweit 23 Prozent der Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. Rund 15 Prozent der kenianischen Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren erlitten Genitalverstümmelung, in ländlichen Gebieten liegt der Anteil fast doppelt so hoch.
Mit ihrer Stiftung gründete Josephine Kulea ein Zentrum, in dem derzeit mehr als 300 Mädchen leben: Sie gehen zur Schule, treiben Sport, geniessen kostenlose Bildung und entwickeln Selbstvertrauen. Um Mädchen vor einer Zwangsheirat zu schützen oder sie aus einer erzwungenen Ehe zu holen, arbeitet die Organisation auf der Grundlage von Gesprächen und Verhandlungen mit Dorfgemeinschaften, Stammesältesten und religiösen Autoritäten zusammen, aber notfalls auch mit Polizei und Justiz – Zwangsverheiratungen sind in Kenia verboten, deswegen unterstützen manche Behörden Josephine Kulea.
Sandra, heute 23 Jahre alt, erzählt davon, wie ihr Vater sie bereits als Sechsjährige einem 30-jährigen Mann versprach – im Tausch gegen sechs Kühe. «Ich kannte ihn nicht, und plötzlich lebte ich bei seiner Mutter. Alle Kinder im Dorf sagten: ‹Du bist verheiratet.› Ich wurde daran gehindert, mein eigenes Leben zu führen.» Sandra konnte fliehen, kam zuerst in ein Waisenhaus und wuchs später bei einem Pflegevater auf. Josephine Kuleas Stiftung gab es damals noch nicht. Sandra besuchte eine Schule, studierte Sozialarbeit und arbeitet nun als Sozialarbeiterin in der Samburu Girls Foundation. Sie blickt ohne Bitterkeit zurück: «Meine Mutter wurde ebenfalls als Mädchen verheiratet. Ich kann sie nicht verurteilen.» Sie habe Geduld und Stärke gelernt und wolle jetzt grundlegende Dinge verändern: «Die Hauptursachen sind die Macht der Männer und die Armut. Aber wenn Eltern verstehen, wie wichtig Bildung ist, geben sie ihre Kinder nicht weg.»
Eunice heisst die heute 22-jährige Mutter der kleinen Isla. «Mit neun Jahren verheiratete mich mein Vater mit einem 53-Jährigen. Ich war seine dritte Frau. Zwei Wochen lang lebte ich in seinem Dorf, hütete Kühe, holte Wasser, trug Feuerholz – es war die Hölle.» Sie wurde von der Polizei und der Samburu Girls Foundation aus dieser Lage herausgeholt. Heute studiert sie Tourismusmanagement. Und sie träumt davon, Fotojournalistin zu werden: «Am liebsten würde ich dann die Samburu-Geschichte erzählen – Kinderehen, Beading, all das.» Islas Vater sei nicht bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen. «Also bin ich zurück ins Zentrum gegangen. Ich will mein Studium beenden, arbeiten und eines Tages selbst genug verdienen, um eines der Mädchen hier zu unterstützen.»
«Als ich sieben war, bekam ich Perlenketten – das Zeichen dafür, dass ich verheiratet werden sollte. Mit zehn wollten meine Eltern mich an einen 50-jährigen Mann geben. Aber Josephine Kulea erfuhr davon, machte Druck, nahm mich mit und brachte mich in ihr Zentrum. An diesem Tag änderte sich mein ganzes Leben.» Wenn betroffene Mädchen, wie Angela, Glück haben, meldet eine Verwandte, Bekannte oder auch eine fremde Person der Stiftung die bevorstehende Zwangsheirat. Angela hat inzwischen ihre Schulausbildung abgeschlossen, hilft heute freiwillig in der Organisation und träumt davon zu studieren. «Viele Männer glauben, sie seien Mädchen und Frauen überlegen. Aber jetzt sehen und respektieren sie mich, weil ich weitergekommen bin als viele von ihnen.» Auch ihre Familie habe sich verändert: «Am Anfang fühlte ich Schmerz, weil meine Eltern mich verheiraten wollten. Heute sehen sie, wie sehr mich Bildung verändert hat. Jetzt schicken sie auch meine Schwestern in die Schule.»