Ein typischer Wintermorgen in Johannesburg. Der Himmel ist wolkenlos, das Thermometer zeigt um die fünf Grad Celsius. Die Frauen, die sich in einem Kreis versammelt haben, trotzen der Kälte mit Mützen oder Wolldecken, die sie um die Hüften drapieren. Sie warten auf die Anordnungen von Mpho Tefo. In ihrem Rücken: der Juskei, ein Fluss, der auf über sieben Kilometern mitten durch die Township Alexandra fliesst und diese in zwei Hälften teilt.
«Guten Morgen, liebe Frauen, lasst uns die Arbeit verteilen», beginnt Mpho Tefo, die das zivilgesellschaftliche Projekt Alexandra Water Warriors vor drei Jahren mitbegründet hat. Mpho Tefo ist Anfang fünfzig, resolut und gleichzeitig immer für einen Scherz zu haben. Sie erklärt den Anwesenden, dass heute nur drei Frauen in den Fluss steigen könnten, da sie lediglich drei wasserfeste Anzüge mit der richtigen Schuhgrösse hätten. Die anderen sollen sich entlang des Ufers verteilen. Priorität habe vor allem die gegenüberliegende Uferseite, wo sich Abfallströme aus den Blechhütten Richtung Fluss ergiessen. Die Frauen nicken, während sie sich auf einer Tabelle eintragen. Jede Teilnehmerin wird registriert, damit die NGO weiss, wer wie oft arbeitet. «Diese Frauen arbeiten gratis, doch sie alle hoffen, eines Tages bezahlt zu werden. Das ist möglich», sagt Mpho Tefo, die selbst als unbezahlte Freiwillige angefangen hat. Wer sich als besonders konsistente Freiwillige herausstelle, habe höhere Chancen, irgendwann eine Entschädigung zu erhalten.
Zu den Frauen, die am härtesten arbeiten, gehört Maria Motloung. Auch sie ist über fünfzig und haust mit ihren sechs Enkelkindern in einer Blechhütte. Vier der Kinder schlafen auf dem Boden, zwei auf dem Bett, das die Hälfte des Raumes einnimmt. Maria lebt bereits seit über dreissig Jahren in Alexandra. Wie die meisten zog auch sie vom Land hierher, in der Hoffnung, in Johannesburg Arbeit zu finden. Doch Arbeit gibt es kaum, Südafrika hat mit über dreissig Prozent eine der höchsten Arbeitslosigkeitsraten der Welt.
2021, kurz nach dem letzten Covid-Lockdown, sah Maria erstmals Frauen, die Abfall aus dem Juskei entfernten. «Wasser ist Leben, der Fluss ist unsere Lebensader, in ihm wohnen unsere Ahnen. Ist der Fluss schmutzig, sind die Ahnen traurig. Und auch wütend. Ihre Wut bekommen wir zu spüren, wenn der Fluss über die Ufer tritt, was immer wieder passiert», sagt Maria. Deshalb sei es für sie keine Frage gewesen, sich den Alexandra Water Warriors anzuschliessen. Seither arbeitet sie wie die meisten zweimal pro Woche von acht bis zwölf Uhr mit.
An diesem kalten Morgen ist niemand darauf erpicht, sich in den wasserdichten Anzug zu zwängen. Doch Maria Motloung gehört zu den ersten, die sich melden. Ihr wettergegerbtes Gesicht ist Beweis dafür, dass sie harte Arbeit im Freien gewohnt ist und diese nicht scheut. Zusammen mit zwei anderen Frauen schnappt sie sich einen Plastiksack und tastet sich vorsichtig die steile Böschung runter. Ziel ist eine schwimmende Sperre, wie sie die NGO an verschiedenen Stellen des Flusses errichtet hat. Sie soll den Abfall zurückhalten. Milchkartons, Flaschen, Kindersitze, Schuhe, Bierdosen – alles, was man sich vorstellen kann – bleiben in einer solchen Sperre hängen. Die drei Frauen im Fluss beginnen mit ihrer Arbeit, währen die anderen das gegenüberliegende Ufer säubern.
«Diese Arbeit hört nie auf. Wenn ich in drei Tagen hierher zurückkehre, wird die Sperre wieder so voll sein wie heute Morgen», seufzt Maria Motloung zwei Stunden später, nachdem sie vier Plastiksäcke voll eingesammeltem Abfall die Böschung hinauf gehievt hat. «Doch wir dürfen nicht aufgeben. Für unsere Ahnen nicht, und auch nicht für unsere Kinder. Ich will, dass sie eines Tages wieder hier herumtollen und schwimmen können.»
Wilton Tusa, ein knapp 60-jähriger Mann mit einer Reibeisenstimme, beobachtet mit einem Kollegen die arbeitenden Frauen. Er gehört zu den wenigen Unterstützer*innen der Alexandra Water Warriors, die regelmässig bezahlt werden. Wilton Tusa ist einer von sieben Sicherheitsbeamten – ein grosses Wort, denn keiner der Männer trägt eine Waffe oder hat auch nur einen Kurs in Selbstverteidigung absolviert. Doch er nimmt seine Aufgabe ernst und ist per Funkgerät mit weiteren Männern verbunden, die die Frauengruppen an anderen Abschnitten des Juskei schützen. Auch Wilton arbeitete zuerst unbezahlt für das Projekt. Nun verdient er rund 150 Franken im Monat.
«Alexandra ist ein gefährlicher Ort, vor allem für Frauen. Es herrscht hier viel Gewalt, täglich werden Frauen vergewaltigt. Darum gibt es uns. Allein mit unserer Anwesenheit demonstrieren wir, dass diese Frauen unter unserem Schutz stehen», sagt Wilton. Fünf Tage die Woche bewachen er und seine Kollegen nicht nur die Frauen, sondern auch den Fluss. «Wir versuchen zu verhindern, dass die Leute alles, was sie grad loswerden wollen, in den Fluss werfen», sagt er. Das sei nicht einfach, gibt er zu, es brauche viel Überzeugungsarbeit. Das Bewusstsein für den Schutz der natürlichen Ressourcen sei immer noch zu klein. Doch er gebe nicht auf. Der Fluss sei zu wichtig für die Township und deren Bewohner*innen.
Aufgeben ist trotz der Sisyphusarbeit für die Wasserkrieger* innen von Alexandra keine Option. Das bestätigt Mitbegründer und treibende Kraft Paul Maluleke. Zum Interview taucht er mit einer Mappe voller Dokumente auf; er ist es gewohnt, dass Journalist*innen sich nach seiner beruflichen Qualifikation erkundigen. Dass er aber vielmehr nach seiner persönlichen Geschichte und zu seiner Beziehung zu seinem Fluss gefragt wird, wirft ihn zunächst aus dem Konzept. Seine Geschichte zeigt, wie tief er in Alexandra verwurzelt ist: Sein Grossvater war bereits während der Apartheid ein angesehener Geschäftsmann in der Township, seine Grossmutter eine verehrte traditionelle Heilerin, die am Ufer des Juskei einen Kräutergarten hatte. «Ich bin privilegiert aufgewachsen, ich konnte eine gute Schule besuchen, auch wenn ich in einer Township aufgewachsen bin», sagt er. Er hat auf verschiedensten Gebieten gearbeitet, ist zertifizierter Tourist*innen-Führer, machte Kurse in Umweltwissenschaft und arbeitete für das Justizministerium, wo er jugendliche Straftäter betreute, die auf Bewährung freigelassen worden waren.
Zum Wasser, sagt Paul Maluleke, führte ihn ein Traum seiner Grossmutter. Ihr sei eine Ahnin erschienen, die ihr befohlen habe, den Fluss zu reinigen. Er selbst hatte als Kind viele Tage am Fluss verbracht. «Die Weissen besitzen in ihren gepflegten Anwesen ihre eigenen Schwimmbäder, wir haben unseren Fluss. Gerade während der Apartheid, als Schwarze Südafrikaner*innen kaum Aufstiegsmöglichkeiten hatten und wie Tiere in Townships gepfercht wurden, war der Juskei unser ganzer Stolz. Mittlerweile habe ich begriffen, dass Wasser, vor allem sauberes Wasser, kein Privileg der Wohlhabenden ist, sondern ein Menschenrecht.»
Allerdings hätten in den 1970er-Jahren erst einige Hunderttausend Menschen in Alexandra, der einzigen Township mitten in Johannesburg, gelebt, nicht wie heute rund zwei Millionen. Der Bevölkerungsdruck sei enorm und werde immer grösser. Afrika, betont er, gehöre zu den Kontinenten mit der am schnellsten wachsenden Bevölkerung. Das zeige sich hier, in Alexandra, ganz konkret. Die Abfallberge hätten sich vervielfacht, überall hätten die Menschen illegale Hütten gebaut.
Er habe schon vor dem Traum seiner Grossmutter bemerkt, wie schmutzig das Wasser geworden sei. «Der Juskei wurde als Abfalldeponie betrachtet, man warf alles hinein. An heissen Tagen war der Gestank kaum auszuhalten», sagt Paul Maluleke und rollt dabei seine Augen. Der Traum der Grossmutter sowie Gespräche mit Gleichgesinnten hätten zur Gründung der Wasserkrieger*innen geführt. Er zeigt Richtung Fluss, der in diesem Abschnitt sauber ist und zwischen begrünten Ufern und jungen Bäumen dahinfliesst. «Wir befinden uns im Flussabschnitt, den wir als Showroom bezeichnen. » Er lacht verschmitzt. «Hier erleben wir, wie ein sauberer Fluss aussieht und wie sich das auf die Flora und Fauna auswirken kann. Es gibt sogar wieder Frösche und Fische!» Paul Maluleke erzählt, dass vor vier Jahren genau hier, mitten im Fluss, ein Sofa stand. «Es wurde von einem Mann am Ufer bewacht. Als wir mit dem Säubern begannen und uns daran machten, das Sofa aus dem Fluss zu hieven, kam er mit einem Messer angerannt. Er stiess uns zur Seite, schlitzte das Sofa auf, entnahm dem Inneren ein Gewehr und einen Plastiksack voller Geld. Dann ist er weggerannt. Wir haben uns verblüfft angeguckt. Immerhin war jetzt klar, warum er das Sofa beschützte.»
Dass mittlerweile mehr als 3000 Personen bei den Alexandra Water Warriors mitmachen, ist das Resultat harter Arbeit. Es galt, die Menschen in der Township von der Wichtigkeit des Umweltschutzes zu überzeugen. Paul Maluleke musste Sponsor*innen davon überzeugen, dass es durchaus möglich ist, sich in Alexandra zu engagieren, ohne auf offener Strasse erschossen zu werden und ohne dass das Geld für andere Zwecke missbraucht werde. «Das schlechte Image von Alexandra war anfangs unser grösstes Problem. Die Township galt als besonders gefährlich, wurde von Banden kontrolliert. Im Gewirr der engen Strassen und Gassen kann man sich schnell verlieren. Für viele ist Alexandra in jeder Hinsicht ein Albtraum.» Dass in dieser Township, die sich mitten im wohlhabenden Johannesburg ausbreitet, einst für kurze Zeit Nelson Mandela wohnte, sorge aber auch für Faszination und Interesse bei abenteuerlustigen Tourist*innen. «Die einen sehen in Alexandra ein Geschwür, andere ein Gebiet, das zwar aus allen Nähten platzt, doch vor Lebenslust strotzt.» Über einen Mangel an Sponsor*innen kann sich Paul Maluleke mittlerweile nicht mehr beklagen. Auch Tourist*innen interessieren sich für die Alexandra Water Warriors und wagen sich dafür in die Township für eine Besichtigung. Jede Tour beginnt im Showroom, wo es auch einen Spielplatz und ein Restaurant gibt, von dem man das Chaos des Townships vorerst «aus sicherer Entfernung » betrachten kann. Am Ufer bezeugen Baumstrünke, die aus dem Fluss gehoben wurden, dass sie das Potenzial für Kunstwerke haben. Neben dem Spielplatz steht eine von insgesamt drei Recyclingsammelstellen: Glas, PET, Bierdosen und weiterer Abfall wird getrennt gesammelt und dann abgeholt. Paul Maluleke will das Recyclingsystem für die ganze Township weiterentwickeln. Dank des Recyclingguts erhalten Hunderte informelle Abfallsammler*innen ein kleines Einkommen.
Dass sich unter den Freiwilligen kaum Männer befinden, stört Paul Maluleke. Er selbst war sich nie zu gut dafür, kostenlos zu arbeiten. Doch bedeute Freiwilligenarbeit für die meisten Männer, das Gesicht zu verlieren. «Wir leben leider immer noch in einer Macho-Gesellschaft. Arbeitslose Männer hängen lieber auf der Strasse rum und halten das für cool, statt die Zeit zu nutzen, um etwas Sinnvolles zu machen», sagt er. «Ein freiwilliges Engagement würde sich jedoch gut in einem Lebenslauf machen.»
Genau dies war der Fall bei der Mitgründerin Mpho Tefo, die heute eine feste Anstellung bei den Alexandra Water Warriors hat, wobei das Arbeitsverhältnis jeweils nur für ein Jahr gesichert ist. Auch die junge Frau, die neben Paul sitzt, gehört wie Mpho zu den ersten Wasser-Kriegerinnen. Hazel Baloyi ist erst 32 Jahre alt. Dank ihres guten Schulabschlusses erhielt sie ein Stipendium, um Buchhaltung zu studieren. Darum, aber auch wegen ihres unermüdlichen Einsatzes erhielt sie eine Festanstellung in der Administration der Alexandra Water Warriors. «Ich weiss, dass ich zu den Glücklichen gehöre, doch ich habe auch hart dafür gearbeitet», sagt Hazel. Ihr Blick folgt einem Graureiher, der über den Fluss schwebt und schliesslich auf einem Stein landet. «Ich bin überzeugt, dass der Glaube nicht nur Berge verschieben, sondern auch einen Fluss zum Leben zurückbringen und somit uns allen helfen kann. Egal, wie viele Schwierigkeiten noch auf uns zukommen werden.»