Die Situation kennen alle, die schon mal einen Countrysong gehört haben: Jemand sitzt im Auto, der Motor läuft, im Haus wartet die Liebste, auf der Strasse lockt das grosse Abenteuer, dazwischen dräut eine existenzielle Entscheidung. «Sugar in the Tank» heisst der Song, die Gitarren sind akustisch, im Hintergrund weint die Steelguitar, und der Refrain hebt sanft euphorisch ab – wie ein Chevrolet auf dem sonnendurchfluteten Highway Richtung Horizont. Was dieser Song beschreibt, ist so alt wie die Countrymusik. Nur: Hier ist es eine Frau, die am Steuer sitzt. Es sind Frauen, die zerrissen sind zwischen Freiheit und der Liebe zu einer anderen Frau. Und Frauen, die in einem anderen Song den «Bottom of a Bottle» ergründen oder in «Downhill Both Ways» über «Tod, Steuern und Benzin» lamentieren.
Julien Baker und Torres sind diese beiden Frauen, die die Countrywelt auf den Kopf stellen. Baker und Mackenzie Ruth Scott, wie Torres eigentlich heisst, stammen beide aus dem US-amerikanischen Süden, wo Nashville niemals weit ist. Bislang waren sie als Singer-Songwriterinnen in der Indieszene erfolgreich, Torres als Solistin und Baker als Teil des Trios Boygenius.
Beider Musik spielte stets mit Elementen des Americana-Genres, das traditionelle Musikstile wie Country, Folk und Blues umfasst, aber die Homosexualität der beiden war bislang kein grosses Thema. Nun, da ihr erstes gemeinsames Werk «Send a Prayer My Way» ein nahezu klassisches Countryalbum geworden ist, ein grossartiges zudem mit steinerweichenden Melodien und sirenenhaften Harmoniegesängen, fordert ihre sexuelle Identität Erwartungshaltungen und Rollenklischees heraus, die im Countrygeschäft immer noch verbreitet sind.
In den vergangenen Jahren hat sich im Country einiges getan. Mit Taylor Swift hat das einstige Genre der Traditionshüter* innen aus Nashville der Welt ihren grössten lebenden Popstar geschenkt, und auch die Countrycharts werden nicht mehr nur von bärtigen Brummbären in Blue Jeans dominiert. Fünf Jahre nach dem Tod von Charley Pride, einem der wenigen Schwarzen Stars, die Nashville je hervorgebracht hat, sind die Charts so divers wie nie zuvor.
Den Anfang machte der Schwarze Rapper Lil Nas X, der aus seinem Schwulsein kein Geheimnis machte, als er mit dem Countrysänger Billy Ray Cyrus eine Version von «Old Town Road» aufnahm, für die ihm ein Coutry-Music-Award verliehen wurde. Ein ähnliches musikalisches Rezept verfolgte Shaboozey mit seinem Hit «A Bar Song (Tipsy)», und auch der Rapper Post Malone machte auf seinem neuen Album «F-1 Trillion» einen Ausflug in den Country. Höhepunkt dieses Trends ist unbestritten «Cowboy Carter» von Beyoncé: Die Pop-Ikone stürmte 2024 mit ihrem Konzeptalbum, das die verschüttete Geschichte der Schwarzen Beiträge zur Countrykultur offenlegen will, an die Spitze der Pop- wie auch der Countrycharts. Plötzlich war Country ganz selbstverständlich Schwarz, schwul und sehr weiblich. Mit «Send a Prayer My Way» von Julien Baker & Torres wird Country auch noch lesbisch.