Am 24. Februar 2022 wachte Oleksii Polukhin um vier Uhr morgens mit einem mulmigen Gefühl auf. Tagelang hatte sich angekündigt, was die Nachrichten an diesem Morgen um sechs Uhr bestätigten: Russlands Invasion in die Ukraine hatte begonnen. Schon bald befand sich seine Heimatstadt im Belagerungszustand. Explosionen und dröhnende Panzer gehörten in Cherson schon bald zum Alltag.
Zu diesem Zeitpunkt sei ihm bereits klar gewesen, dass sein Leben nicht mehr so sein würde wie vorher, sagt Oleksii Polukhin. Der 22-Jährige engagiert sich als Freiwilliger in der Menschenrechtsorganisation Insha, die sich für die Rechte der LGBTI*-Community einsetzt. Kurz vor dem Einmarsch der russischen Truppen hatte es bereits Gerüchte über eine sogenannte Hinrichtungsliste gegeben, auf der offenbar auch Aktive der LGBTI*- Community standen. Das berichteten damals die «New York Times» und die «Washington Post», gestützt auf einen Brief, den die damalige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen an die Uno- Hochkommissarin für Menschenrechte geschrieben hatte.
Mit dem Einmarsch der russischen Armee im Februar 2022 habe sich alles geändert, sagt auch Mileriia Afanasiievska. Sie verbrachte ihr gesamtes Leben in Oleschky, einer Stadt zwei Kilometer östlich von Cherson. Afanasiievska ist trans und begann damals gerade eine Hormontherapie. Um Aufmerksamkeit zu vermeiden, habe sie ihr wahres Ich verbergen müssen: Ihre Kleider, ihr langes blondes Haar und ihre glänzende Maniküre.
Um zu verhindern, dass die Besatzungsmacht sie als trans Frau identifizierte, bat Afanasiievska ihre Mutter, sie wieder mit dem Namen anzusprechen, den sie vor ihrer Transition verwendet hatte, und auch wieder männliche Pronomen zu verwenden. Aber das half nichts, in Oleschky kannten sie alle. Eines Tages habe das russische Militär ihr Elternhaus gestürmt, sagt sie. Drei Soldaten trafen Afanasiievska und ihre Mutter an. Als sie ihre Stimme hörten, fragten die Soldaten: «Bist du eine Frau oder eine Schwuchtel?» «Sie beschimpften und schlugen mich. Ich habe dabei mehrere Zähne verloren», erzählt Afanasiievska. Ab da habe Todesangst zu ihrem Alltag gehört. Die Hormontherapie musste sie abbrechen.
Auch die Menschenrechtsorganisation Insha, in der sich Oleksii Polukhin engagierte, wurde im Mai 2022 Ziel eines Angriffs. Videoaufnahmen zeigen, wie sich russische Soldaten vermummt und mit Sturmgewehren bewaffnet gewaltsam Zutritt zum Büro der Organisation verschafften und die Räume durchsuchten. Zum Glück hatten Mitglieder der Organisation zuvor zahlreiche Dokumente vernichtet.
Oleksii Polukhin liess sich von diesem Angriff nicht einschüchtern, blieb weiter als Freiwilliger aktiv und bearbeitete jede Nacht Anträge auf humanitäre Hilfe. Wegen der Angst sei an Schlaf sowieso nicht zu denken gewesen. Tagsüber habe er seinen pensionierten Nachbar*innen geholfen, sich zu versorgen. Dabei habe er sich stets bemühen müssen, für die Truppen unsichtbar zu bleiben.
Am 9. Mai 2022, dem russischen Nationalfeiertag, wollte er heimlich eine Parade zum Jahrestag des Siegs über Nazideutschland filmen, um die Präsenz der russischen Armee zu dokumentieren. Er habe sorgfältig sichere Beobachtungspunkte ausgewählt, sagt er. Aber er hatte an jenem Morgen eine interaktive Karte der russischen Kontrollpunkte nicht aktualisiert und so hätten ihn Soldaten an einem Kontrollpunkt aufgehalten. Sofort seien sie auf sein T-Shirt mit der Aufschrift «Rizni Rivni» (auf Deutsch etwa: verschiedene Ebenen) aufmerksam geworden – ein Slogan, der in der Ukraine Unterstützung der LGBTI*-Gemeinschaft signalisiert. «Da wurde mir klar, dass ich womöglich zum letzten Mal angehalten wurde», sagt Polukhin.
Die Soldaten prüften seine Tätowierungen, unter denen auch ein ukrainisches Wappen ist. Dann durchsuchten sie sein Mobiltelefon und stiessen dabei auf mehrere LGBTI*-Chats und Beiträge, in denen er online seine Beobachtungen russischer Truppen mitgeteilt hatte. «Der ranghöchste Beamte am Kontrollpunkt rief: ‹Erschiessen wir ihn doch einfach› », erinnert sich Polukhin. «Gerettet hat mich, dass meine Festnahme mitten im Stadtzentrum stattfand und viele Menschen in der Nähe waren», glaubt er. Er wurde in ein Untersuchungsgefängnis gebracht, das später als eine der «Folterzellen von Cherson» Berühmtheit erlangen sollte.
Oleksii erinnert sich, einen Kalender an die Wand gemalt zu haben, um die Tage zu zählen. Manchmal habe er gebetet, um nicht den Verstand zu verlieren.
Polukhin wurde zunächst in Isolationshaft gehalten. Niemand wusste, wo er sich befand. Ein Kontakt zu Rechtsbeiständen wurde ihm verweigert. Alle seine persönlichen Gegenstände seien beschlagnahmt worden, sogar seine Schnürsenkel, erzählt er. Essen habe er nur zweimal am Tag bekommen – meist Brei. Es habe weder eine Dusche noch medizinische Versorgung gegeben. Er erinnert sich, einen Kalender an die Wand gemalt zu haben, um die Tage zu zählen. Manchmal habe er gebetet, um nicht den Verstand zu verlieren.
Er wurde gezwungen, ein Frauenkleid zu tragen. Am Tag der Festnahme sei er zum ersten Mal verhört worden. «Es war absurd», sagt Polukhin. Er sei in dem Kleid vor einem russischen Geheimdienstoffizier. gestanden, der ihn zu tanzen zwang. Und er wurde zu entwürdigenden Handlungen gezwungen. Auch mussten er und andere Inhaftierte eine ukrainische Flagge in Stücke schneiden und mit Wasser hinunterschlucken.
Seine Befreiung zwei Monate später kam völlig unerwartet. Der Gefängnisdirektor bot Oleksii Polukhin einen «Deal» an: Wenn er das gesamte Gelände reinige, werde er freigelassen. Er habe daraufhin die Flure, Verhörräume, Zellen und sogar die Turnhalle des Untersuchungsgefängnisses geschrubbt – und kam tatsächlich frei. Er erhielt sogar seine persönlichen Gegenstände zurück. Mehr als 60 Tage waren seit seiner Inhaftierung vergangen.
Das LGBTI*-Menschenrechtszentrum Nash Svit Center mit Sitz in Kyjiw veröffentlichte im Jahr 2024 einen Bericht, der die Grausamkeiten der russischen Besatzer benennt. Seit 2017 dokumentierte Nash Svit 63 Fälle von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität, die von russischen Militärangehörigen und Besatzungsbehörden in den russisch besetzten Gebieten verübt wurden.
«Wenn die Geschlechtsidentität oder die sexuelle Orientierung von Personen bekannt wird, kommt es immer zu Problemen», sagt Andrii Kravchuk von Nash Svit. Die schwersten Verbrechen ereigneten sich in den seit 2022 besetzten Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson. Russische Soldaten drohten einem Einwohner eines Dorfes in der Region Cherson im September 2023 mit Folter und Vergewaltigung: «Sie sagten, es gebe viele Schwuchteln in der Ukraine und ich gehöre dazu, weil ich keine Frau habe», gab der Betroffene bei Nash Svit zu Protokoll. Nach Angaben von Nash Svit sind Demütigungen und Misshandlungen an russischen Checkpoints gang und gäbe. Die Soldaten setzen erzwungene Entkleidung und sexualisierte Gewalt als «erzieherisches» Mittel gegen queere Menschen ein.
Viele haben die besetzten Gebiete deshalb verlassen. So auch Afanasiievska. Nachdem die russischen Truppen am 6. Juni 2023 den Damm des Wasserkraftwerks Kachowka gesprengt hatten, wurde auch Oleschky überflutet. Als russische Rettungskräfte begannen, die betroffenen Menschen zu evakuieren, hatte Mileriia Afanasiievska furchtbare Angst. Unterwegs habe sie Männerkleidung angezogen, ihre langen Fingernägel gekürzt und sich Bartstoppeln wachsen lassen. Nach kurzer Verschnaufpause beschloss sie, nach Deutschland zu fliehen. Heute lebt sie in Berlin. Oleksii Polukhin setzte sich kurz nach seiner Freilassung in die Westukraine ab, denn als Mann darf er das Land nicht verlassen.
Viele Menschen aus der LGBTI*-Community haben Angst, sich an die ukrainischen Behörden zu wenden, denn sie müssen befürchten, diskriminiert zu werden. In der Ukraine sehen nicht alle das Engagement für LGBTI*-Rechte positiv: Zu Beginn des Krieges zerstörten Rechtsextreme das Büro von Nash Svit in Kyjiw. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen dokumentieren solche Fälle und versuchen, zwischen Betroffenen und Behörden zu vermitteln. Zu diesen NGOs zählt Projector, eine Organisation mit Sitz in Odessa. Sie steht von queerfeindlicher Gewalt Betroffenen rechtlich und psychologisch bei, sammelt Beweise und bietet Schutz. «Wir haben mit der Generalstaatsanwaltschaft eine Vereinbarung getroffen: Wenn eine Person aussagen will, soll sie zuerst uns kontaktieren», sagt der Rechtsanwalt Vitalii Matvieiev, der Vorstandsvorsitzende von Projector. Für den Zeitraum März bis September 2023 hat die Organisation einen detaillierten Bericht über zahlreiche Übergriffe auf LGBTI*-Personen in der Region Cherson vorgelegt.
Vertreter*innen der ukrainischen Strafverfolgungsbehörden, darunter Oleksii Butenko von der Staatsanwaltschaft in Cherson und Oleksandr Kleshchenko von der Generalstaatsanwaltschaft in Kyjiw, befassen sich mit Straftaten der Besatzer im Zusammenhang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Beide weisen darauf hin, dass es sehr schwierig sei, homo- oder transfeindliche Motive gerichtsfest nachzuweisen. Butenko ist kein Fall bekannt, bei dem die Verfolgung ausschliesslich auf die sexuelle Orientierung der Betroffenen zurückzuführen war. Eine Voruntersuchung habe ergeben, dass Festnahmen häufig aufgrund proukrainischer Haltungen erfolgt seien. «Wir haben bisher keine eindeutigen Belege dafür, dass die russischen Truppen einen Befehl haben, gezielt nach LGBTI*- Personen zu suchen«, sagt Oleksandr Kleshchenko, der die Ermittlungsgruppe für Sexualstraftaten während des russischen Angriffskrieges leitet.
«Die zahlreichen Übergriffe auf queere Menschen in den besetzten Gebieten müssen als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden.» Vitalii Matieiev von Projector
Nicht alle Opfer sexualisierter Gewalt seien bereit, Anzeige zu erstatten, das gelte insbesondere für LGBTI*-Personen. «Solche Verbrechen sind für die Betroffenen sehr traumatisch», sagt Kleshchenko. Dass die Zahl der Fälle, die den Staatsanwaltschaften vorliegen, weit niedriger ist als die Angaben der NGOs, liege auch daran, dass die Betroffenen kein Vertrauen in die Behörden hätten. «Daran müssen wir arbeiten«, sagt er.
«Die zahlreichen Übergriffe auf queere Menschen in den besetzten Gebieten müssen als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden», sagt Vitalii Matieiev von Projector. Bisher hat noch kein internationales Gericht über Verfolgung von queeren Menschen durch die russischen Besatzer geurteilt, ein entsprechendes Urteil wäre historisch. Nach Aussage der Organisation Projector wird der Fall von Polukhin gerade von einem ukrainischen Gericht untersucht. Projector unterstützt die Generalstaatsanwaltschaft dabei, festzustellen, welche Militäreinheiten während der Besetzung in Cherson präsent waren und welche von ihnen an Verbrechen gegen LGBTI*-Personen beteiligt waren. Sie hoffen, den Fall dann später auch an den Internationalen Gerichtshof weitergeben zu können.
Einer ukrainischen Gegenoffensive gelang es im Spätherbst 2022, Teile der Stadt und der Region Cherson zurückzuerobern. Doch das befreite Cherson wird weiter angegriffen. Menschen wie Oleksii Polukhin, Mileriia Afanasiievska und andere aus der LGBTI*-Gemeinschaft gelang die Flucht, nachdem ihre Heimat für sie schon lange kein Zuhause mehr war. Sie liessen alles zurück. Die russische Besatzung hat an ihnen ein Exempel statuiert und gezeigt, was Menschen droht, wenn sie sich nicht anpassen.