AMNESTY-Magazin Dezember 2025 – Kultur

Noch immer auf der Erde

In ihrem neusten Film «Promis le ciel» erzählt die Regisseurin Erige Sehiri die Geschichte von drei afrikanischen Migrant*innen, denen in Tunesien das Leben zur Hölle gemacht wird. Es ist eine Geschichte, wie sie Zehntausende Migrant*innen in Tunesien täglich erleben.

Details

«Man hat mir den Himmel versprochen, aber ich bin noch immer auf der Erde», tönt es am Ende des Filmes «Promis le ciel» der französisch-tunesischen Regisseurin Erige Sehiri aus Lautsprechern. Die Kamera schwenkt über das abendliche Tunis. Dann wird der Bildschirm dunkel. Und lässt uns mit dem unguten Gefühl zurück, dass wir doch zu einem Teil mitschuldig sind am Leid, dass jenseits unserer Grenzen geschieht.

Der Film «Promis le ciel» erzählt die Geschichte von drei afrikanischen Migrant*innen, die in einem Land ihr Glück suchen, in dem sie eigentlich nicht willkommen sind. Marie, eine ivorische Pastorin und ehemalige Journalistin, lebt seit zehn Jahren in Tunis. Trotzdem werden ihr die Privilegien verwehrt, die denen vorbehalten sind, die als «einheimisch » angesehen werden. Maries Heim bietet Zuflucht für die Studentin Jolie, auf der die Hoffnungen der im Heimatland zurückgebliebenen Familie ruhen. Auch Naney kommt bei ihr unter – eine junge Mutter, die ihr Kind in der Elfenbeinküste zurücklassen musste und sich nun in Tunesien mit illegalen Aktivitäten über Wasser hält. Als die drei Frauen die vierjährige Kenza aufnehmen, die einen Schiffbruch überlebt und scheinbar ihre Eltern verloren hat, wird das Leben der drei Frauen auf eine harte Probe gestellt – denn die tunesischen Behörden haben die drei Frauen auf dem Schirm.

Der Himmel scheint weit weg

«Das Leben von Migrant*innen ist in Tunesien zurzeit sehr schwierig», sagt die Regisseurin Erige Sehiri. «Wir diskutieren international viel über die jungen afrikanischen Männer, die auf gefährlichen Routen nach Europa oder in den Westen fliehen. Über Frauen auf der Flucht und über die Migration, die innerhalb von Afrika stattfindet, wird jedoch kaum gesprochen. » Dabei bleiben laut Uno mehr als 80 Prozent der Afrikaner*innen auf der Flucht auf ihrem Kontinent.

Erige Sehiri drehte ihren Film in einer Zeit, in der in Tunesien die Repression gegen Migrant*innen und Personen und Organisationen, die Menschen auf der Flucht unterstützen, stark zugenommen hat. «Während der Dreharbeiten wurden Leute verhaftet. Kirchen, die vielen Migrant*innen als Zufluchtsort dienen, wurden geschlossen – teils unter dem Vorwand, die Kirchenvorsteher*innen würden Leute ins Land schmuggeln oder gar Menschenhandel betreiben», sagt sie. Sie selbst habe sich während der Dreharbeiten immer wieder unwohl gefühlt. In den sozialen Medien sei sie mehrfach als Verräterin beschimpft worden.

Tatsächlich leben in Tunesien Zehntausende Menschen, die aus Subsahara- Afrika eingewandert sind. Viele von ihnen leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Seit 2021 verfolgt der tunesische Präsident Kais Saïed eine repressive Anti-Migrations-Politik, die von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geprägt ist. Seiner Meinung nach werden Menschen aus den südlicheren Regionen des afrikanischen Kontinents gezielt nach Tunesien geschleust, um das Land zu destabilisieren.

Zu einem Ausbruch von Gewalt kam es Mitte 2023: Migrant*innen wurden verhaftet, gefoltert oder gar ohne Verpflegung in der Wüste ausgesetzt. Europa zeigt sich gerne pikiert über diesen unmenschlichen Umgang Tunesiens mit Migrant*innen – obwohl das Migrationsabkommen, dass die EU vor zwei Jahren mit Tunesien geschlossen hat, dieses Vorgehen mitverursachte. Denn der Deal war klar: Im Austausch für finanzielle Unterstützung hält Tunesien Menschen von der Überfahrt nach Europa ab – entsprechend wächst die Zahl der im Land bleibenden Geflüchteten. Für die EU ist die Rechnung aufgegangen: Laut EUKommission gelangten 2024 rund 80 Prozent weniger Menschen aus Tunesien in die EU als im Jahr zuvor.

Die Opfer dieser Politik sind Frauen wie Marie, Jolie und Naney: Menschen, die an den Rand der Gesellschaft getrieben werden, deren Rechte wiederholt missachtet und deren Stimmen kein Gehör geschenkt wird.

Die eigenen Werte leben

Die tunesischen Behörden gehen nicht nur rigoros gegen Geflüchtete vor, sondern auch gegen diejenigen, die Menschen auf der Flucht unterstützen. Einer dieser Helfer – der schweizerisch-tunesische Doppelbürger Mustapha Djemali – sitzt seit über einem Jahr in Haft. Dem ehemaligen Kadermitarbeiter der Uno- Flüchtlingshilfe (UNHCR) und Gründer der Organisation Conseil Tunisien pour les Réfugiés (CTR) wird vorgeworfen, die Ansiedlung von «illegalen Migrant*innen » zu fördern.

Die Auswirkungen der Kriminalisierung von Personen oder Organisationen, die Geflüchtete unterstützen, zeigen sich auch im Film «Promis le ciel»: Taxifahrer weigern sich, die Frauen mitzunehmen. Maries Vermieter verlangt immer mehr Geld, bietet ihr aber im Gegenzug keine angemessenen Wohnbedingungen. Und Naney hat zwar eine Affäre mit einem tunesischen Mann – doch einer wirklichen Partnerschaft scheinen zu viele Hindernisse im Weg zu stehen.

Erige Sehiri gelingt es in ihrem Film eindrücklich, die Realitäten der Migration in ihrer ganzen Komplexität darzustellen. Sie beleuchtet die alltäglichen Erfahrungen der Protagonist*innen mit Rassismus, Spannungen mit Einheimischen und Polizeigewalt, ohne sie aber auf diese Erfahrungen zu reduzieren. Sehiris Protagonist* innen mussten zwar viel Gewalt erdulden, sie sind aber dennoch starke Frauen geblieben, die ihren Platz in der Welt suchen, in den Ausgang gehen, Freundschaften schliessen, sich verlieben, auf einem elektrischen Trottinett durch die leeren Strassen von Tunis fahren…

Der Film «Promis le ciel» stellt nicht nur die gegenwärtige Asyl- und Migrationspolitik in Tunesien und Europa infrage, er wirf auch eine zutiefst menschliche Frage auf: Wo ist unser Platz auf der Welt? Und wer bestimmt, wo wir zu Hause sein dürfen? Für Marie ist klar: Sie will in Tunesien bleiben. Jolie will ihr Studium in Tunesien nutzen, um später eine erfolgreiche Karriere beginnen zu können. Naney ist unschlüssig, ob sie nach Tunesien gehört – oder doch in die Elfenbeinküste zurückkehren soll. Und das kleine Mädchen, Kenza? Sie wird erst einmal leben und hoffen, dass jemand sich um sie sorgt.

Auch Erige Sehiri hat eine Antwort auf die Frage, wie wir mit Migrant*innen umgehen sollten: «Wir sollten uns alle an die Werte halten, die wir predigen. Im Koran selbst heisst es: Schützt die Reisenden und helft ihnen. Es ist an der Zeit, dass wir das tun und all jene mit Würde behandeln, die in und durch unser Land reisen – auch diejenigen, die sich entscheiden zu bleiben.»