In der Bar Bardak erinnern viele Gegenstände an Arzach. © Yohan Châble
In der Bar Bardak erinnern viele Gegenstände an Arzach. © Yohan Châble
AMNESTY-Magazin Dezember 2025 - Armenien/Bergkarabach

Zwischen Heimweh und Sorge

Zwei Jahre nach dem Fall der Enklave Bergkarabach versuchen Tausende von Geflüchteten ein neues Leben in Armenien aufzubauen. Im Exil plagen sie das Heimweh und die Sorge um die Zukunft.

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Auf dem Platz vor dem Rathaus von Goris weht die Flagge von Bergkarabach, ein Relikt der verschwundenen Republik. Soldat*innen in Tarnanzügen patrouillieren zwischen spazierenden Familien, Kinder rennen hinter einem Ball her. Hier, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Aserbaidschan entfernt, ist in der kleinen Stadt im Südosten Armeniens die Erinnerung an die Kapitulation der armenischen Separatisten in Bergkarabach vor der aserbaidschanischen Armee noch allgegenwärtig. Mehr als 100 000 Menschen flüchteten damals in die kleine Stadt Goris, die davor lediglich 23 000 Einwohner*innen hatte.

Hinter einem abgenutzten Holztor öffnet sich ein kleiner Hof. Das Haus von Nariné Petrosyan und ihrem Mann Sasun Hambardzumyan riecht nach Bauernhof. Das Paar hat sich hier mit seinen fünf Kindern und 500 Hühnern niedergelassen. Sie flohen aus Askeran, einem Dorf im benachbarten Bergkarabach. Dort hatten sie noch 20 000 Hühner. «Es ist schwierig, aber wir überleben mit dem Verkauf der Eier und der Hühner», erklärt Nariné Petrosyan. Schweigsam starrt ihr Mann vor sich hin. «Zumindest atmen wir hier die gleiche Luft wie zuhause in Arzach [armenischer Name für Bergkarabach, Anm. d. Red.]», fügt sie mit einem traurigen Lächeln hinzu.

Unsichere Zukunft

Die abgelegene Bergregion, in der Goris liegt, bleibt unter Druck. Nachdem der aserbaidschanische Langzeitpräsident Ilham Alijew Bergkarabach im September 2023 unter Kontrolle brachte, floh die dort lebende armenischstämmige Bevölkerung. Ziel Alijews war die Schaffung des strategischen Korridors von Sangesur, um Aserbaidschan mit der Enklave Nachitschewan im Westen Armeniens zu verbinden. Armenien sah in diesem Projekt eine Bedrohung seiner Souveränität.

Am 8. August 2025 wurde in Washington unter der Schirmherrschaft von US-Präsident Donald Trump eine gemeinsame Friedenserklärung zwischen dem armenischen Premierminister Nikol Paschinjan und dem aserbeidschanischen Präsidenten Ilham Alijew zur Beendigung des 37 Jahre dauernden Konflikts um Bergkarabach und um die armenisch-aserbaidschanische Grenze unterzeichnet. Auf dem Papier schien der Frieden gesichert, doch trauen ihm die Menschen nicht wirklich. So erwähnt das Abkommen die Rechte der Vertriebenen aus Bergkarabach nicht. «Wir befürchten das schlimmstmögliche Szenario für die Zukunft Armeniens», sagt Nariné Petrosyan. Yana, die jüngste Tochter, kuschelt sich in die Arme ihrer Mutter. Das kleine Mädchen feiert Geburtstag. Den zweiten Geburtstag, den die Familie im Exil feiern muss. Auf dem Tisch steht Yanas Kuchen, verziert mit einer Flagge von Arzach.


Seit dem Ende der Sowjetunion streiten sich Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach. 1988 hatte sich die vorwiegend von Armenier*innen bewohnte Republik Arzach (bis 2017 Republik Bergkarabach) für unabhängig erklärt und wurde von Armenien unterstützt. Immer wieder kam es zu Kampfhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan, 2020 konnte Aserbaidschan Teile des Kernlandes von Bergkarabach erobern. Im September 2023 startete Aserbaidschan eine weitere Militäroffensive, die zur Kapitulation der armenischen Kräfte und zur Flucht fast aller ethnischen Armenier*innen führte, wodurch die Region unter aserbaidschanische Kontrolle geriet.


 

Ein paar Strassen weiter beobachtet Carmen Apounts vom Fenster ihres Büros den grossen Platz der Stadt. Die Direktorin des frankophonen Kulturzentrums, das vor zwei Jahren in ein Hilfszentrum für Flüchtlinge umgewandelt wurde, gehörte zu den Einwohner*innen, die sich am stärksten für die Bewältigung der Flüchtlingskrise engagierten. «Die Situation war schlimm: Die Kinder weinten, den Familien fehlte es an allem. Gleichzeitig flogen aserbaidschanische Drohnen über die Stadt», erinnert sich Carmen Apounts, die seit ihrer Geburt in Goris bereits «fünf Konflikte unter grosser Angst» erlebt hat, wie sie sagt.

In der armenischen Hauptstadt Jerewan hat Azat Adamyan die Bar Bardak fast genauso nachgebaut wie die, die er in Stepanakert, der ehemaligen Hauptstadt von Bergkarabach, betrieben hatte. Alte Fotos, Verkehrsschilder, eine abgenutzte kugelsichere Weste... «Das Bardak ist ein Zufluchtsort für meine Stammgäste aus Arzach, ein Ort, an dem sich Musiker*innen, Kunstschaffende und Überlebende treffen können», erzählt der Geigenmusiker Azat, der während der beiden letzten Kriege als Freiwilliger im Einsatz war. Die Bar sei gut gegen das Heimweh, das alle immer noch quäle. «Ich habe mein Zuhause, meine Freunde und 22 Jahre voller Erinnerungen verloren», sagt der 30-Jährige.

Der 17-jährige Kellner Edgar Atajanyan huscht zu den Klängen des französischen Sängers Charles Aznavour zwischen den Tischen hin und her. Er kam im Sommer 2023 zu einer Zahnbehandlung nach Jerewan, kurz vor der Invasion. Als die Kämpfe ausbrachen, blieb der Teenager ganz allein dort. Er erhielt mehrere Tage lang keine Nachrichten von seiner Familie. «Es ist das schlimmste Gefühl der Welt, nicht zu wissen, ob deine Lieben noch am Leben sind», sagt er. Nun ist die Familie in Goris endlich wieder vereint, nur Edgars 30-jähriger Bruder fehlt, denn der wurde bei einem Patrouilleneinsatz getötet. Edgar träumt immer noch von einer Rückkehr nach Bergkarabach. «Wenn dieser Tag kommt, werde ich ein grosses Fest organisieren», sagt er. Dann steht er auf, setzt sich ohne ein weiteres Wort an das alte Klavier und beginnt eine schwermütige Melodie zu spielen, die vom Verlust seines Bruders und dem Verlust der Heimat erzählt.

Vergessene Geflüchtete

Roza Sayadyan kennt Jerewan gut. Die 46-Jährige sagt, sie sei es «gewohnt», Flüchtling zu sein». In den drei Jahrzehnten des Konflikts um die Kontrolle über Bergkarabach ist sie bereits dreimal geflohen. «Es wird kein nächstes Mal mehr geben », sagt sie, während sie einen frisch gebackenen Zhingyalov Hats – einen für ihre Heimat typischen, mit Kräutern gefüllten Fladen – in den Händen hält. Zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Schwiegermutter und ihrer Schwägerin hatte sie eine Bäckerei mit Spezialitäten aus Arzach eröffnet. «Diese Arbeit hat mich abgelenkt, sonst wäre ich untergegangen», sagt Roza. Aber vor einigen Monaten musste die Bäckerei wieder schliessen. «Das ist bei vielen Geschäften der Fall, die von Geflüchteten eröffnet wurden», sagte Roza. Viele hätten durch die Flucht ihr gesamtes Vermögen verloren. Die armenische Regierung zahlte zwar ursprünglich monatliche Beihilfen, doch diese gelten nur noch für Junge, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. «Viele Familien in prekären Verhältnissen sind verzweifelt, weil sie ihre Mieten nicht mehr bezahlen können», sagt Roza Sayadyan.

Wie viele Armenier*innen macht sie keinen Hehl aus ihrer Wut über die Beschwichtigungspolitik des armenischen Präsidenten Niko Paschinjan gegenüber Aserbaidschan. Sie empfindet diese als Verrat. «Auf den Strassen erwarteten uns die Armenier*innen mit Brot, Benzin und einem Zimmer zum Schlafen. Das Volk hat uns unterstützt. Die Regierung hingegen hat uns im Stich gelassen», kritisiert sie. «Und die internationale Gemeinschaft ebenfalls. Das Geld und das Öl Aserbaidschans waren wichtiger als unser Leben.» Diese Gleichgültigkeit besiegelt ihrer Meinung nach das Schicksal der Vertriebenen: «Niemand kümmert sich mehr um uns. Wir haben keine Hoffnung mehr auf eine Rückkehr.»