AMNESTY-Magazin März 2026 – Brennpunkt

Die Wut bleibt

Im letzten Jahr wurden mindestens 27 Frauen in der Schweiz Opfer eines Femizids. Das ist eine Konsequenz davon, dass Grenzüberschreitungen systematisch ignoriert und heruntergespielt werden.

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Es ist ein trauriger Rekord. Und einmal mehr ein Rekord, der verdeutlicht, dass sexualisierte Gewalt viel zu oft ignoriert oder gar toleriert wird.

Femizide sind keine tragischen Ausnahmen , sondern Symptome eines Systems, das sexualisierte Gewalt hervorbringt, duldet und schützt.

2025 wurden in der Schweiz mindestens 27 Femizide gezählt – die Zahl lag in der Schweiz noch nie so hoch. Somit stirbt ungefähr alle 13 Tage in der Schweiz eine Frau*, getötet von einem Mann, der ihr nahestand. Es sind Ehemänner, (Ex-)Partner, Väter oder andere Verwandte. In vielen Leitmedien erscheinen diese Morde als «Beziehungsdramen» oder isolierte Taten. Diese Erzählung ist bequem – und falsch. Sie verdeckt, dass Femizide keine tragischen Ausnahmen sind, sondern Symptome eines Systems, das sexualisierte Gewalt hervorbringt, duldet und schützt.

Dabei fehlt es nicht an Zahlen und Fakten, jedoch an einer staatlichen Erfassung von Femiziden in der Schweiz. Laut den Vereinten Nationen werden weltweit jährlich mindestens 50 000 Frauen von Männern in ihrem Umfeld getötet. Femizide sind die tödlichste Form sexualisierter Gewalt. Sie ist, bei aller notwendigen Differenzierung, sehr wohl ein Männerproblem. Das heisst nicht, dass Männer keine Gewalt erleben. Es heisst, dass sexualisierte Gewalt überwiegend von Männern ausgeht und sich strukturell gegen Frauen richtet. Auch dort, wo Männer betroffen sind, sind fast immer Männer die Täter.

Dass wir heute Begriffe wie Femizid, rape culture oder stealthing verwenden, ist das Ergebnis jahrzehntelanger feministischer Kämpfe – insbesondere von Schwarzen Feminist*innen und queeren Aktivist*innen. Sie analysierten Gewalt von Beginn an intersektional: entlang von Rassismus, Klasse, Aufenthaltsstatus, Ableismus und staatlicher Macht. Gewalt war für sie kein individuelles Fehlverhalten, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung – eine systematische Menschenrechtsverletzung.

Diese Kämpfe haben Sprache geschaffen, Daten erzeugt, Schweigen gebrochen und rechtliche Grundlagen gelegt. Mit der von der Schweiz ratifizierten Istanbul-Konvention existiert ein international verbindliches Abkommen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen mit einer klaren Verpflichtung an die Staaten: Gewalt verhindern, Betroffene schützen, Täter*innen zur Verantwortung ziehen. Noch sind wir jedoch von einer konsequenten Umsetzung weit entfernt.

Gewalt trifft nicht alle gleich, aber sie folgt klaren Machtlinien.

Obwohl sexualisierte Gewalt als Menschenrechtsverletzung anerkannt ist, erleben wir weltweit einen massiven Rückschritt. Antifeministische Narrative gewinnen an Raum, die Gewalt gegen Frauen wird verharmlost. Die Mannosphäre wächst: Millionen Männer und Jugendliche bewegen sich in Online-Subkulturen, in denen Frauenhass normalisiert, Kontrolle romantisiert und Gleichstellung als Bedrohung inszeniert wird. So verbreitete sich zum Beispiel 2022 auf TikTok ein Trend, in dem Männer offen Femizid-Fantasien teilten und wie sie Frauen auf ersten Dates töten könnten. Die Feeds erhielten jubelnde Zustimmung.

Diese Diskurse verfolgen dieselben Ziele wie autoritäre Politiker: die Verteidigung männlicher Macht durch die Kontrolle über die Körper der Frauen und durch Angriffe auf Selbstbestimmung und reproduktive Rechte. Gleichstellung wird als «Ideologie» diffamiert.

Gewalt trifft nicht alle gleich, aber sie folgt klaren Machtlinien. Die 27 Femizide bleiben. Die Trauer bleibt. Die Wut bleibt.

Was es braucht, sind keine weiteren Appelle an individuelle Anpassung, sondern politische, strukturelle und gesellschaftliche Konsequenz. Femizide stehen nicht am Anfang, sondern am Ende. Ihnen gehen sexistische Narrative, Witze und Grenzverletzungen voraus. Wer hier widerspricht, früh benennt und eingreift, kann Gewalt verhindern.

*Mit «Frauen» sind in diesem Text alle von sexualisierter Gewalt betroffenen Personen mitgemeint, einschliesslich trans, inter und nicht-binärer Menschen.