Was haben eine Peeling-Maske, ein Schneidebrett und eine Duftkerze gemeinsam? All diese Artikel werden uns im offiziellen «Trump Store» aufgedrängt – so auch eine «legendäre» rote Krawatte für 110 Dollar oder eine berühmte Mütze mit gelbem MAGA-Schriftzug für 55 Dollar. Mal abgesehen von der vorherrschenden Farbe Gold: Die meisten der vielen hundert Produkte in diesem Onlineshop haben den Chef des Weissen Hauses zum Thema. Es ist eine breite Palette unterschiedlichster Artikel, die die Trump Organization in verschiedenen Produktlinien verhökert. Jeder Cent aus ihrem Verkauf fliesst in die Kassen des Familienkonzerns, der von den beiden ältesten Söhnen des US-Präsidenten Donald Trump geleitet wird.
Bei den indischen Parlamentswahlen 2019, die Narendra Modi zu seiner zweiten Amtszeit verhalfen, hatte die Bharatiya Janata Party (BJP) eine App entwickelt, die sich an chinesischen Online-Verkaufsplattformen orientierte. Über diese App können auch heute noch T-Shirts, Tassen, Mützen, Armbänder oder Magnete mit dem Konterfei des indischen Premierministers gekauft werden. Mit dem zweideutigen Slogan «One Man, One Mission, One Nation» (ein Mann, eine Mission, eine Nation) stellte die Kampagne das politische Programm der BJP in den Hintergrund und vermarktete stattdessen die Persönlichkeit von «NaMo» und dessen angebliche Rolle als «Beschützer der Hindus vor externen und internen Bedrohungen».
Ob Porzellanteller mit dem Konterfei von Xi Jinping im Mao-Stil, die in Geschäften in der Nähe des Tiananmen-Platzes verkauft werden, Matroschka-Puppen mit dem Porträt von Wladimir Putin, XXL-Reproduktionen des Porträts von Ayatollah Ali Khamenei oder T-Shirts zu Ehren von Abdel Fattah al-Sissi oder Rodrigo Duterte: All diese Produkte, ob von offizieller Seite oder von «befreundeten» Unternehmen verkauft, verherrlichen und idealisieren stets die Figur hinter dem Motiv. Es sind aber nicht nur einfach Huldigungen zu Ehren dieser «starken Männer». Vielmehr ist der Personenkult ein Zeichen dafür, dass das Land in autoritäre Strukturen abgleitet.
Der Historiker und Professor für Politikwissenschaften an der Universität Nizza Vincent Martigny spricht lieber von einer «Ultra-Personalisierung» statt von Personenkult. «Personenkult» habe eine sehr historische Konnotation, da das Wort aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts stammt und sich auf totalitäre Systeme wie den Bolschewismus, den Faschismus oder den Nationalsozialismus bezieht.
Diese Bezüge zeigen aber auch: Die Personalisierung der Macht ist nichts Neues. «Spuren davon finden sich bereits bei Julius Cäsar, der sein Gesicht auf Münzen prägen liess», sagt Vincent Martigny, «oder bei Ludwig XIV., der sein Porträt beim Adel, aber auch in der breiteren Bourgeoisie verbreiten liess.»
«Es gab schon immer starke und charismatische Führungspersonen, die sich inszenierten. Sie waren in der Regel aber bereits an der Macht», sagt Antony Dabila, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Politikforschungszentrum CEVIPOF der Universität Science Po in Paris. Laut dem Forscher gab es jedoch einen Wendepunkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Wahlkampf von General Boulanger in Frankreich: «Er wird oft als einer der ersten modernen demagogischen und populistischen Anführer angesehen. Seine Kampagne ging mit einer massiven Verbreitung seines Bildnisses auf Alltagsgegenständen wie Streichholzschachteln oder Schokoladeverpackungen einher – ermöglicht durch den Fortschritt in der industriellen Drucktechnik und begleitet von den Anfängen der Konsumgesellschaft.»
Im 20. Jahrhundert kamen vermehrt Gegenstände mit dem Porträt von Adolf Hitler, Benito Mussolini, Josef Stalin oder anderen autoritären Persönlichkeiten auf. «Die Verbreitung von Gegenständen mit dem Bildnis des Staatschefs war damals von der ideologischen Ausrichtung der Regierung abgekoppelt», sagt Vincent Martigny. «Neu ist hingegen ihr Einsatz auch in demokratisch regierten Ländern. Praktiken, die lange Zeit mit Diktaturen in Verbindung gebracht wurden, finden sich nun also auch in pluralistischen Systemen wieder. Das haben wir bei Donald Trump gesehen, aber auch schon früher bei Silvio Berlusconi, seit Ende der 1990er Jahre.»
Neue Mittel der Verbreitung in grosser Zahl haben dies befördert. «Die Massenproduktion von Bildern, das Aufkommen von Radio, Fernsehen und heute auch die sozialen Medien haben die Art und Weise, wie Macht verkörpert wird, grundlegend verändert», sagt Antony Dabila. «Das Problem ist nie das Medium an sich, sondern wie es eingesetzt wird: Einige nutzen die Medien, um die Nutzer*innen rational zu informieren und zu überzeugen, andere, um sie emotional zu überwältigen.»
Vincent Martigny teilt diese Ansicht: Die Emotionen würden ins Zentrum der Kommunikation gestellt und sogar theatralisch inszeniert. «Indem Emmanuel Macron dem französischen Volk erklärte, dass er es liebe, verband er seine persönliche Gefühlslage mit seinem Posten. Ein Posten, in dem von ihm eher Stärke bei der Regierungsführung erwartet wird.»
Ebenso wird die Inszenierung des Körpers ein zunehmend wichtigeres Sinnbild für politische Kraft. «Die Körper der Staatschefs werden immer wieder bewusst inszeniert. So zeigt sich etwa Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd. Emmanuel Macron lässt sich beim Boxtraining fotografieren. In Kanada verhalf dem ehemaligen Premier Justin Trudeau ein vielbeachteter Boxkampf gegen einen politischen Gegner zu einem Karrieresprung.»
«Der zunehmende Einsatz von Montagen, Deepfakes oder digitalen Manipulationen verwischt die Grenzen zwischen politischer Repräsentation und Unterhaltung.» Vincent Martigny, Historiker und Professor für Politikwissenschaften an der Universität Nizza
Nicht zuletzt ist auch die absichtliche Vermischung von Realität und Fiktion ein wichtiger Bestandteil des Personenkults. «Barack Obama, der sich auf die Fernsehserie ‹House of Cards› bezog, Donald Trump, der Bilder von sich als Julius Cäsar verbreitet: Der zunehmende Einsatz von Montagen, Deepfakes oder digitalen Manipulationen verwischt die Grenzen zwischen politischer Repräsentation und Unterhaltung», sagt Vincent Martigny. Wenn diese Verzerrungen zudem mit Satire verbunden werden, können sie demokratiegefährdend sein, betont Antony Dabila: «Wenn Gegner*innen als lächerliche Figuren verspottet werden, gelten sie nicht mehr als gleichwertige Gesprächspartner*innen. So werden demokratische Kompromisse schwierig ...» Manchmal karikieren sich Mächtige gar selbst, fügt Vincent Martigny hinzu: «Gewisse Machthabende zeigen sich in einer lächerlichen, absurden oder provokativen Pose. Dies entzieht der Satire den Boden ihrer wichtigen Funktion als Kritikerin des politischen Systems. Es braucht keine Satire mehr, die Politik produziert sie gleich selbst.»
«Eine solche Ultra- Personalisierung ist ein besorgniserregendes Symptom dafür, dass sich die politischen Praktiken einer Demokratie denen eines autoritären Regimes annähern», sagt Vincent Martigny. «Man glaubte, Demokratien effizienter zu machen, indem man die Macht eher auf Einzelpersonen als auf Gruppen konzentrierte. Viele zahlen heute den Preis für diesen Irrtum.» Für Antony Dabila gibt es noch keine zufriedenstellende demokratische Antwort auf diese Entwicklungen. «Aber das Problem anzuerkennen, ist bereits ein erster Schritt.» Auch wenn die Grenze zwischen Demokratie und Autokratie fliessend sein mag: Es gibt Indikatoren für eine autoritäre Entwicklung, die uns alarmieren sollten. Denn wie Vincent Martigny zusammenfasst: «In einer Demokratie ist Macht ein leerer Stuhl. Wenn eine Person versucht, sich dauerhaft darauf zu setzen, ist das ein Zeichen, dass die Demokratie krankt.»