AMNESTY-Magazin März 2026 – Autoritarismus

Im Zeitalter der Autokratie

Ob Ungarn, die Türkei oder die USA: Weltweit bröckeln demokratische Normen und machen Platz für nationalistische Rhetorik, Machtkonzentration und die Verfolgung von Minderheiten. Was bedeutet das für die liberale Weltordnung – und für die Menschenrechte?

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Viktor Orbán machte nie einen Hehl aus seinen autokratischen Plänen für Ungarn. Bereits im Jahr 2014 posaunte er in einer Rede seine Absichten heraus, das Land zu einer «illiberalen Demokratie » zu machen. Und er hielt Wort. Über eine Dekade später kontrolliert seine Fidesz-Partei nicht nur die Exekutive, sondern auch die Justiz. Das Verfassungsgericht ist mittlerweile fast vollständig mit Fidesz-Getreuen besetzt. Mehr als 80 Prozent der Medien werden von Fidesz-nahen Eigentümer*innen kontrolliert und dienen so der Propaganda der Regierung. Kritische Stimmen werden gezielt verfolgt – genauso wie Minderheiten. Seit Jahren verfolgt Orbán eine gezielte Anti-LGBTI*-Agenda, welche 2025 im Verbot der Budapest-Pride gipfelte.

In den letzten 15 Jahren ist es Orbán und seiner Partei gelungen, die demokratischen Institutionen – und so nicht zuletzt auch die Menschenrechte – zu erodieren.

Doch damit steht Viktor Orbán nicht allein: Auch in Polen, Israel, der Türkei oder den USA lassen sich ähnliche Tendenzen beobachten. Die polnische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) begann nach dem Wahlsieg 2015 die Gewaltenteilung einzuschränken und gegen kritische Journalist*innen und Medienschaffende vorzugehen. In der Türkei missbraucht Recep Tayyip Erdogan die Justiz, um politische Gegner*innen auszuschalten. Und dass Donald Trump gerne mit Repression und Gewalt kokettiert, zeigte sich spätestens nach dem 6. Januar 2021, als er nach seiner verlorenen Wahl die Menschen, die das US-Capitol stürmten, als Patriot*innen bezeichnete.

Der Absturz der USA

Mit einer Kampagne aus Propaganda, gezielter Hetze und Lügen hat Donald Trump es geschafft, eine Mehrheit der US-Amerikaner*innen auf Kurs zu bringen und wichtige Widerstandskräfte zu eliminieren. «In seiner ersten Amtszeit hielten viele Beobachter*innen Trump für albern, sogar etwas dümmlich. In seiner zweiten Amtszeit stellte sich nun heraus, dass er grausam und enorm gefährlich ist», sagt Amanda Klasing, Head of Advocacy bei Amnesty USA. Innert weniger Tage gelang es dem US-Präsidenten mit einer Unmenge von Dekreten, wichtige nationale Institutionen zu entmachten, die Verfolgung von Migrant*innen zu legalisieren, Fortschritte im Bereich der Gleichberechtigung zunichtezumachen und historische transatlantische Beziehungen zu kappen.

«Donald Trump spielt mit den Ängsten der Bevölkerung. Einerseits spricht er die Ängste gewisser konservativer oder ländlicher Kreise direkt an und nutzt diese, um ein sowieso schon mangelndes Vertrauen in die Institutionen – seien es nationale oder internationale – zu verschärfen. Andererseits nutzt er hasserfüllte Reden und gezielte Einschüchterungstaktiken, um den Menschen das Gefühl zu geben, machtlos und allein zu sein. Trump zielt somit – wie viele Autokrat*innen vor ihm – darauf ab, Minderheiten zu isolieren und Gemeinschaften zu zerstören.», sagt Amanda Klasing.

In der Tat tut Donald Trump alles in seiner Macht Stehende, um die amerikanische Demokratie auszulöschen. Er kontrolliert die Medien, entmenschlicht Minderheiten und hetzt gegen seine politischen Gegner*innen. Demokratische Institutionen sind ihm ein Dorn im Auge – genauso wie freie und faire Wahlen.

«Trumps Anti-Menschenrechts-Politik hat bereits erheblichen Schaden angerichtet», sagt Amanda Klasing. «Seien es die unmenschlichen ICE-Einsätze, die Verfolgung von trans Personen oder der Austritt aus dem Klimaabkommen von Paris und die Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof: Was in den USA passiert, ist äusserst bedenklich – und sollte als Warnung dienen für alle Staaten, die mit der Einschränkung von Menschenrechten liebäugeln.»

Demokratien in der Krise

Es scheint, als stünde die liberale Weltordnung, die auf Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, Freihandel und Multilateralismus basiert, mit dem Zerfall einer der ältesten Demokratien der Welt auf der Kippe. Rutschen wir gerade ab in ein Zeitalter der Autokratien?

«Die Anwendung von autoritären Praktiken nimmt ganz klar zu», sagt Natasha Wunsch, Professorin für Europastudien und Demokratieforschung an der Universität Freiburg. «In verschiedenen Ländern setzten in den letzten zwanzig Jahren anti-demokratische Machthabende, aber auch aufsteigende Parteien, zumeist populistische oder rechtsradikale, viel daran, den Schutz der Menschenrechte auszuhöhlen, die Rechtsstaatlichkeit zu schwächen und die Gewaltenteilung zu untergraben.»

Dies zeigt sich etwa im Freedom-House-Index 2025, der jährlich den Zustand der Demokratie und der Grundfreiheiten untersucht: In den letzten Jahren hat die globale Freiheit stetig abgenommen. In sechzig Ländern hat sich die Lage in Bezug auf politische und zivile Rechte im Jahr 2024 verschlechtert. Zu einer Verbesserung kam es nur in 34 Ländern. El Salvador, Haiti, Kuwait und Tunesien waren die Länder mit den grössten Rückgängen der Freiheiten, doch auch in Ungarn, Serbien oder Indien, das gerne als «grösste Demokratie der Welt» bezeichnet wird, zeigt sich über die letzten zehn Jahre gesehen ein starker Rückgang.

«Der weltweite Rückgang der Demokratie verschärft sich, unabhängig davon, wie wir die Daten aufschlüsseln und welche Messgrössen wir verwenden. Die unveränderte Richtung des Rückgangs weltweit macht die Situation unbestreitbar – selbst für vormalige Skeptiker*innen», schreibt das Institut Varieties of Democracy (VDem) im Democracy Report 2025, der den Zustand von Demokratien anhand von über 500 Indikatoren misst. Erstmals seit 20 Jahren gibt es weltweit wieder weniger Demokratien als Autokratien. Knapp drei Viertel der Weltbevölkerung (72 Prozent) leben in Autokratien. Das ist der höchste Wert seit 1978. Gerade mal 29 Länder werden von V-Dem noch als liberale Demokratien gewertet – zwischen 2007 und 2012 waren es noch 43 Länder.

Ängste und Instabilität als Ursache

Die Gründe für die Erstarkung von autoritären Regierungsformen sind vielfältig. Als eine Ursache gelten die Terroranschläge in westlichen Demokratien, angefangen mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Diese legitimierten in vielen Staaten die Verschärfung von Sicherheitsmassnahmen und die Einschränkung von Menschenrechten. Auch die Finanzkrise 2008 gab autoritären Tendenzen Aufschwung: Populistische Parteien formierten sich und wussten die Angst vor schwindenden Lebensstandards und die Skepsis gegenüber institutionellen Mechanismen für sich zu nutzen. Die Zunahme der Migration von Geflüchteten seit 2015 schliesslich stärkte die Akzeptanz von hasserfüllter, fremdenfeindlicher Rhetorik und führte dazu, dass gewisse Kreise den Schutz von sogenannt «traditionellen Werten » erfolgreich zu propagieren begannen. «Rechtsextremen und populistischen Parteien gelang es besonders in Europa, mit einfachen Lösungen für komplexe Antworten frustrierte Wähler*innen und Nichtwähler*innen abzuholen», sagt Natasha Wunsch. «Ihr Zuwachs wurde auch begünstigt, weil traditionelle – vornehmlich linke und soziale – Parteien es versäumt haben, die wirtschaftliche Verunsicherung in der Bevölkerung ernsthaft anzugehen.»

Nicht zuletzt führte die steigende Anzahl von Konflikten zu politischer Instabilität, was den demokratischen Fortschritt weltweit behinderte. Anhaltende Bürgerkriege und zwischenstaatliche Konflikte sowie Gewalt durch bewaffnete Milizen, kriminelle Organisationen oder regierungsnahe Sicherheitskräfte untergruben die Sicherheit und verhinderten die Ausübung grundlegender Rechte wie der Meinungs- oder Versammlungsfreiheit oder des Rechts auf Bildung, wodurch die Welt nicht nur unsicherer, sondern auch weniger frei wurde.

«In Krisenzeiten suchen viele Menschen nach Stabilität und starker Führung – die oft mit vermeintlich ‹starken Männern› gleichgesetzt wird», sagt Natasha Wunsch. «Gerade junge Männer fühlten sich in einer Zeit, in der Männlichkeit in Frage gestellt wird, oft angesprochen von der Rhetorik von Vorbildern wie Do nald Trump oder Viktor Orbán. Durch sie fühlen sich die jungen Männer bestärkt, sich wieder wie ‹richtige Männer› zu verhalten und sich traditionellen Lebensmodellen zuzuwenden. Das ist gefährlich – gerade auch für junge Frauen und Minderheiten.»

Tatsächlich ist der Zerfall von Demokratien eine schlechte Nachricht für alle, die die Politik der Autokrat*innen ablehnen: Menschenrechte werden beschnitten, der öffentliche Diskurs polarisiert sich, die Instabilität – sowohl wirtschaftlich wie auch sozial – steigt an. Das hat Auswirkungen über die Landesgrenzen hinaus, wie man etwa bei den USA sieht. «Der Stopp von USAID-Entwicklungsgeldern wirft Länder, die sich dank der Zahlungen auf dem Weg der Demokratisierung befanden, um Jahre zurück. Die Infragestellung und Abkehr von internationalen Institutionen und den Vereinten Nationen dient vielen Staaten als Ausrede, um sich von rechtsstaatlichen Prinzipien abzuwenden. Internationale Spannungen nehmen zu, althergebrachte Partnerschaften brechen auseinander», sagt Natasha Wunsch. Umso wichtiger sei es für Europa und Staatengemeinschaften wie die EU, sich aus der Abhängigkeit von den USA zu lösen und nach strategischer Autonomie zu streben. «Unsere Werte und unsere liberal-demokratische Politik können nur dann Bestand haben, wenn wir es selbst an die Hand nehmen.»

(Re-)Demokratisierung ist möglich

Weltweit häufen sich demokratische Krisen. Doch es gibt noch Hoffnung. Denn oft werden die Länder übersehen, die trotz Herausforderungen Fortschritte in der Stärkung der demokratischen Normen machen – auch solche, die sich vormals auf dem Kurs Richtung Autokratie befanden. Der V-Dem-Report von 2025 zeigt: 19 Länder befinden sich im Prozess der Demokratisierung. 10 Länder konnten die zunehmend autoritären Tendenzen abwenden und die demokratischen Institutionen wieder stärken, darunter die Malediven, Bolivien, Ecuador oder Brasilien. In 9 weiteren Ländern erfolgte die Demokratisierung stetig, sechs Länder – darunter Fidschi, Montenegro und die Seychellen – starteten gar als Autokratien.

Die autoritäre Route ist keine Einbahnstrasse: Erholung ist möglich. Die Seychellen etwa begannen ihren Demokratisierungsprozess im Jahr 2012 als Wahl-Autokratie, entwickelten sich jedoch zu einer der beiden einzigen liberalen Demokratien in Subsahara-Afrika. Das Land hat in den letzten zehn Jahren faire und freie Wahlen eingeführt, die Gewaltenteilung gestärkt und Raum für eine ungehinderte politische Teilhabe der Bürger*innen geschaffen. Die anhaltenden demokratischen Reformbemühungen in Guatemala und Polen haben zudem deutlich gemacht, dass der Wiederaufbau von geschwächten Institutionen mühsam, aber möglich ist.

Der Aufstieg von autoritären Tendenzen auch in etablierten Demokratien bleibt aber bedenklich – und hat auch Auswirkungen hierzulande. «Die Schweizer Demokratie wird immer als äusserst stabil wahrgenommen», sagt Natasha Wunsch. «Tatsächlich beschränkt das Konsensmodell sehr effektiv die Macht einzelner politischer Akteur*innen. Doch der verhärtete politische Diskurs und Angriffe auf unsere Freiheiten und Rechte verdeutlichen: Wir sind auch hierzulande nicht gefeit vor antidemokratischen Angriffen. Die Demokratie erfordert unsere aktive Beteiligung und ständige Pflege. Denn die Beispiele aus den USA oder der Aufstieg der AfD in Deutschland zeigen: Die Stimmung kann sehr schnell kippen. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass die Schweiz für immer eine Insel der Seligen bleibt.»