Der Film erinnert zwangsläufig an den dystopischen Klassiker «Fahrenheit 451» von Ray Bradbury aus dem Jahr 1953, in welchem Bücher verbrannt werden, um die Gesellschaft zu kontrollieren: Heute werden in den USA immer mehr Bücher aus Bibliotheken verbannt, weil es in ihnen um Themen wie Diversität und Inklusion geht. Eine Gruppe von Schulbibliothekar* innen, die in Texas, Louisiana, Florida, New Jersey und anderen Bundesstaaten den freien Zugang zu Wissen für Kinder und Jugendliche sichern möchten, steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms «The Librarians» der amerikanischen Regisseurin.
Kim A. Snyder: Ich sah einen Bericht über einen Senator aus Texas, Matt Krause, der eine Liste von 850 Büchern veröffentlicht hatte, die die Schulbibliotheken aus ihren Regalen entfernen sollten. Die meisten dieser Bücher befassten sich mit Themen wie Gender, Geschlechtsidentität oder Rassifizierung. Eine Gruppe von Bibliothekar*innen wehrte sich dagegen. Ich fand das sehr mutig und so nahm ich mit ihnen Kontakt auf und reiste nach Texas. In New York, wo ich lebe, hörte man in den Medien viel über die Bücherverbote. Den Bibliothekar*innen selbst wurde jedoch nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sie angegriffen wurden, weil sie sich weigerten, die Bücher zu entfernen. Ich wollte diese Menschen zeigen, die sich für unsere im ersten Verfassungszusatz garantierten Rechte einsetzen. Und ich wollte diesem Kulturkrieg, der durch die nationalistische, christliche und weisse Politik in den USA angefacht wurde, etwas entgegenstellen.
Wir konnten den Film in den Vereinigten Staaten an sehr vielen Orten zeigen, auch ausserhalb der Grossstädte, was für einen unabhängig produzierten Dokumentarfilm nicht selbstverständlich ist. Auch in Europa, insbesondere in Deutschland, fand der Film grossen Anklang, so erhielten wir von den Mitarbeiter* innen der deutschen Nationalbibliothek Hunderte von Solidaritätsbekundungen. Einige Leute haben versucht, unsere Arbeit in den sozialen Medien zu diskreditieren, aber sie hatten keinen grossen Erfolg damit. Auch erfuhr ich, dass Behördenangestellte in Texas die Anweisung erhielten, dem Film keine weitere Sichtbarkeit zu verschaffen. Produzent*innen von Dokumentarfilmen in den USA haben zudem ein ähnliches Problem wie die Buchbranche: Diejenigen, die Filme finanzieren, und die Sender, die sie ausstrahlen, haben nun Angst vor Werken, die sie für ‹zu politisch› halten. Wir hatten das Glück, mit PBS zusammenzuarbeiten, aber dieser Sender steht unter Druck, seine Mittel wurden gekürzt.
Ich glaube, dass unsere Demokratie derzeit auf dem Spiel steht. All diese Angriffe auf unsere Werte sind beängstigend. Ob es sich nun um Zensur oder um die Gestapo-ähnlichen Taktiken unserer Einwanderungsbehörden handelt: Diese Ereignisse erinnern an die dunkelsten Kapitel der Geschichte. Aber ich kämpfe, und zwar indem ich Geschichten erzähle. In der Hoffnung, dass die Menschen durch sie inspiriert werden, sich für unsere Demokratie und unsere Grundrechte einzusetzen.