An der Strandpromenade von Barranco wacht die 46-jährige Yelitza Véliz aufmerksam über den Stand ihrer Tochter, an dem frittierte Tintenfische verkauft werden. Um sie herum sind ihre Schwester Yury und ihr Neffe Daniel damit beschäftigt, die Schlange von Kund*innen zu bedienen. Das Öl zischt, die Plastikschalen werden gereicht. An diesem sonnigen Novembernachmittag ist ihre Ceviche nach venezolanischer Art ein voller Erfolg. Die kleine Familie aus Venezuela lebt bereits seit acht Jahren in der peruanischen Hauptstadt Lima. «Hier überleben wir. Dort wären wir gestorben», sagt Yelitza Véliz.
Wie Yelitza sind fast acht Millionen Menschen vor der politischen und wirtschaftlichen Instabilität geflohen, unter der Venezuela seit mehr als einem Jahrzehnt leidet. Das Land befindet sich in einer vielschichtigen Krise, verursacht durch die autoritäre Regierungsführung unter dem Präsidenten Hugo Chavéz und seinem Nachfolger Nicolás Maduro, durch wiederholte Einmischungen und Druck aus dem Ausland sowie dem Zerfall der Ölpreise auf den internationalen Märkten. Seit 2013 und dem Amtsantritt von Nicolás Maduro ist die Erdölförderung, von der die nationale Wirtschaft abhängt, aufgrund von Misswirtschaft, mangelnden Investitionen und internationalen Sanktionen, insbesondere durch die USA, zusammengebrochen. Dies hat zu einer Verschärfung der Versorgungsengpässe, einer Hyperinflation und einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der Bevölkerung geführt.
Mehr als eine Million Venezolaner* innen haben in Lima Zuflucht gefunden. Perus Hauptstadt wurde so zur wichtigsten Aufnahmestadt für Venezolaner* innen im Exil. «Mit Maduro an der Macht haben wir keine Hoffnung auf eine Verbesserung. Die Situation ist so schlimm, dass ich mir mittlerweile wünsche, die Vereinigten Staaten würden eingreifen, um ihn zu stürzen», sagte Yelitza noch im vergangenen November. Zwei Monate später schritt US-Präsident Donald Trump zur Tat.
In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 2026 bombardierten US-Streitkräfte eine Reihe militärischer Ziele in der Hauptstadt Caracas und nahmen Nicolás Maduro und seine Frau fest. Das Paar wurde nach New York gebracht, wo es sich vor einem Bundesgericht wegen Drogenhandels und Drogenterrorismus verantworten soll. Die US-Behörden kündigten an, dass sie Venezuela bis zu einem demokratischen Übergang «führen » und die Kontrolle über die riesigen Ölreserven übernehmen würden. Um diese Operation zu legitimieren, griff Donald Trump auf die Monroe-Doktrin zurück, die von den USA regelmässig her angezogen wird, um ihre Einmischung in Lateinamerika zu rechtfertigen. Dieser mehr als 200 Jahre alte politische Grundsatz der US-amerikanischen Politik betrachtet den Subkontinent als Einflusszone Washingtons, wobei jede Einmischung externer Mächte als Bedrohung angesehen wird. Für viele Analyst*innen besteht das Ziel der Doktrin darin, den Einfluss von anderen Staaten (wie aktuell Russland, China oder Iran) zu begrenzen und gleichzeitig die Kontrolle über die Ölvorkommen zurückzugewinnen.
Weltweit feierten Tausende Menschen aus der Diaspora die Nachricht über Nicolás Maduros Festnahme. In Lima nahm Yelitza Véliz die Neuigkeiten mit gemischten Gefühlen auf. «Ich hatte Freude, aber auch Angst um meine Landsleute in Venezuela, die in grosser Unsicherheit leben», sagt Yelitza. «Solange die Maduro nahestehenden Politiker* innen im Amt bleiben, sehen sie keine wirkliche Veränderung.» Bereits am 4. Januar, einen Tag nach Maduros Festnahme, vermeldete der Oberste Gerichtshof Venezuelas, dass er die Interimspräsidentschaft an Delcy Rodríguez, Vizepräsidentin und Vertraute des ehemaligen Staatschefs, übertragen habe.
Peru, lange Zeit als Transitland für Migrant*innen angesehen, ist heute ein wichtiger Ankerpunkt für Venezolaner* innen in der Diaspora, vor allem seit der Einführung einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung im Jahr 2017. Die informelle Wirtschaft ist in Peru sehr ausgeprägt – laut OECD arbeiten rund 70 Prozent der Erwerbstätigen in der Schattenwirtschaft. Das erleichtert zwar den schnellen Zugang zu einer Arbeitsstelle, dies aber meist zu prekären Arbeitsbedingungen.
Yelitza Véliz verkauft Popcorn auf der Strasse, ihre Schwester Mützen. Oft reichen Yelitzas Einnahmen nicht für die monatliche Miete von 1300 peruanischen Soles – rund 300 Schweizer Franken. «Wir leihen uns Geld von peruanischen Freund*innen, um über die Runden zu kommen», sagt sie. «Das Leben ist hart, aber es ist immer noch besser als zu Hause.»
Auch Maholy Sánchez weiss, was das tägliche Überleben kostet. Jahrelang engagierte sie sich gegen Nicolás Maduro und ging trotz der Repressionen auf die Strasse. Auch ihr Ex-Mann, ein Soldat, beteiligte sich an den Protesten von La Resistencia, einer Bewegung junger Demonstrant*innen, die vom Regime immer wieder kriminalisiert wird. Ein hoher Offizier warnte Maholy Sánchez, dass ein Haftbefehl gegen sie erlassen werden könnte. «Wir liefen Gefahr, des Verrats angeklagt zu werden, was in Venezuela mit dreissig Jahren Haft geahndet wird», erinnert sich die 35-jährige Kriminologin. Im Dezember 2017 hatte das Paar keine Wahl mehr. Maholy und ihr damaliger Mann packten in aller Eile ihre Koffer und flohen unter dem Schutz der Nacht mit neun weiteren Familienmitgliedern aus dem Land.
Nach sieben anstrengenden Tagen durch Kolumbien und Ecuador erreichten sie Peru. Maholy Sánchez wird die Einzige aus der Gruppe sein, die sich dort dauerhaft niederlassen kann. «Aufgrund fehlender beruflicher Perspektiven mussten die anderen nach Europa weiterziehen», erzählt sie. Seit 2019 arbeitet sie für die Vereinigung VeneActiva, die Neuankömmlingen bei der Legalisierung ihres Status, der wirtschaftlichen Integration und mit psychologischer Unterstützung hilft. Im vergangenen November sprachen wir mit Maholy Sánchez über die Möglichkeit einer Intervention durch die USA. Sie zeigte sich schon damals kritisch: «Eine Invasion würde die Souveränität Venezuelas verletzen. Das ist nicht der richtige Weg, um eine Regierung zu stürzen, auch wenn diese nicht demokratisch ist.»
Nach der Festnahme Nicolás Maduros konnten wir mit Kolleg*innen von Maholy Sanchez bei VeneActiva sprechen. Andreina Olivares verurteilt das Vorgehen der USA. «Ich erwarte von den USA, dass sie sich ohne weitere Gewalt zurückziehen », sagt die Geschäftsleiterin des Vereins. Kollege Paulo Méndez wünscht sich einen Prozess der Versöhnung zwischen den Bürger*innen. Der ehemalige Mitarbeiter der venezolanischen Nationalversammlung sass 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie in Peru fest. Als er Asyl erhielt, wurde er in Venezuela zur Persona non grata. Seitdem arbeitet der 41-Jährige bei VeneActiva. «Ich hoffe, dass die regierungsnahen Fraktionen in Caracas verstehen, dass die Zeit des Totalitarismus vorbei ist. Jetzt muss die verfassungsmässige Ordnung wiederhergestellt werden und die Diaspora muss zurückkehren können», sagt er. Dann vertraut er uns mit ernster Stimme an: «Wir alle möchten zurückkehren. Aber ich habe Angst. Angst, in meinem eigenen Land zu einem Fremden geworden zu sein.»