An der Frankfurter Buchmesse sprach Patricia Evangelista nicht nur über ihr Buch und den «Krieg gegen Drogen». Sie solidarisierte sich auch mit Journalist*innen in anderen Konflikten. © dts / imago
An der Frankfurter Buchmesse sprach Patricia Evangelista nicht nur über ihr Buch und den «Krieg gegen Drogen». Sie solidarisierte sich auch mit Journalist*innen in anderen Konflikten. © dts / imago
AMNESTY-Magazin März 2026 – Philippinen

Sie gibt dem Grauen ein Gesicht

Die philippinische Journalistin Patricia Evangelista recherchierte zum «Krieg gegen die Drogen», den Ex-Präsident Rodrigo Duterte bis 2022 führte. In ihrem Buch beschreibt sie unbeschönigt dessen brutalen Folgen. Ein Porträt von Annette Hug.

Details

Vor einem deutschen Publikum an der Frankfurter Buchmesse wirkt Patricia Evangelista zunächst cool. Doch dann dringt ihre Wut durch und es wird die Verletzlichkeit hinter der öffentlichen Person spürbar. Der «Krieg gegen Drogen » des ehemaligen philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte forderte tausende Todesopfer. Viele Personen, die angeblich Drogendelikte begangen hatten, wurden ohne Festnahme, Anklage oder Verurteilung regelrecht hingerichtet. Für all jene, deren Namen während der Mordkampagne hinter Zahlen verschwanden, hat Evangelista nun ein Buch geschrieben.

Unter «wissen wollen» verstand Patricia Evangelista: Hingehen und Fakten erhärten. 

Die heute 40-jährige Patricia Evangelista hat sich bereits mit summarischen Hinrichtungen befasst, als noch Gloria Macapagal-Arroyo philippinische Präsidentin war (2001–2010). Die Journalistin wollte damals wissen, wie unter einer demokratisch gewählten, liberalen Präsidentin Praktiken fortdauern konnten, wie sie aus der Zeit der Diktatur unter Ferdinand Marcos Senior (1972 bis 1986) bekannt waren. Unter «wissen wollen» verstand sie: Hingehen und Fakten erhärten.

Normalerweise wurden und werden bei Morden in den Philippinen Fragen nach der Zugehörigkeit gestellt: Welcher politischen Bewegung gehört die getötete Person an? Geht es um einen Konflikt  zwischen Familienclans? Doch Evangelistas Haltung war radikal anders: Sie ging im Schreiben über Morde davon aus, dass alle Menschen gleich sind. Sie müssen nicht besonders engagiert, nicht einmal besonders unschuldig gewesen sein: Vergehen müssen ordentlich untersucht und vor Gericht beurteilt werden. Und sie ist überzeugt: Die Polizei darf niemanden hinrichten.

Vom Juli 2016 bis Juni 2022 dauerte die Amtszeit von Rodrigo Duterte und damit dessen «Krieg gegen die Drogen». Über ihre nächtliche Tätigkeit als Reporterin während dieser Zeit schreibt Patricia Evangelista in «Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land». Es erzählt den Verlauf der Mordkampagne unter Präsident Duterte entlang markanter Ereignisse und durch Gespräche mit Angehörigen von Erschossenen, mit Polizisten und Milizionären, mit Fotograf *innen, aber auch mit begeisterten Duterte-Wähler*innen. Seit 2025 liegt das teilweise in den USA geschriebene Buch auf Deutsch vor.

Das Buch bezieht seine Stärke aus den ehrlichen und beständigen Beziehungen mit den Menschen vor Ort, über die Evangelista schreibt. An der Frankfurter Buchmesse sprach Evangelista auf mehreren Podien. Wenn sie dabei ihren eigenen Text zur Seite legte und stattdessen Zeugnisse von erschossenen Journalist* innen aus Gaza vorlas, hatte sie das Publikum auf ihrer Seite. Aus eigener schmerzhafter Erfahrung wurde sie zur Expertin dafür, wie Gewaltregime die Pressefreiheit unterdrücken – im Extremfall gar durch Tötung von Reporter*innen.

Erleichterung für Überlebende

Am 14. März 2025 sass der ehemalige Präsident Rodrigo Duterte in Den Haag im Gefängnis und beantwortete über eine Videoverbindung Fragen des Gerichts. Zwei Tage zuvor war er von philippinischen Behörden verhaftet und dem Internationalen Strafgerichtshof ICC überstellt worden. Der Häftling wirkte geschwächt, fast schon erbärmlich. Seither verzögert seine Verteidigung das Verfahren mit Hinweisen auf die gesundheitliche Verfassung des Achtzigjährigen.

Nur schon die erste kurze Anhörung – live übertragen – war eine Erleichterung für die Überlebenden von Dutertes Politik: Dieser inzwischen alte Mann entscheidet nicht mehr über Leben und Tod seiner Untertanen. Seine Taten werden nun von drei Richterinnen aus Benin, Mexiko und Rumänien am ICC beurteilt – einem der Orte auf dieser Welt, wo Menschenrechtsverletzungen noch eingeklagt werden können.

Vor Gericht fällt Dutertes selbstgebauter Mythos, ein Rächer der Gerechten zu sein, in sich zusammen.

Vor Gericht fällt sein selbstgebauter Mythos, ein Rächer der Gerechten zu sein, in sich zusammen. Im Prozess, bewaffder ihm bevorsteht, soll anhand ausgewählter Fälle untersucht werden, ob und wie der Präsident über die philippinische Nationalpolizei PNP und beauftragte Bürgerwehren bzw. Todesschwadronen angebliche Drogensüchtige und -händler* innen töten liess. Fatou Bensouda, die Chefanklägerin des ICC, geht von 12 000 bis 20 000 Tötungen aus.

In ihrem Buch zeigt Patricia Evangelista auf, wie Duterte die Zahlen zum Ausmass der Drogenkrise wiederholt manipulierte. So behauptete Präsident Duterte bei Amtsantritt, im Land gäbe es über drei Millionen Drogenkonsument* innen. Regierungseigene Studien waren nur auf die Hälfte gekommen. Ein Beamter, der den Widerspruch kommentierte, wurde des Amtes enthoben. Schliesslich erklärte die Drogenbekämpfungsbehörde, ihre Schätzung beruhe auf öffentlich zugänglichen Zahlen der Vereinten Nationen. Sie hatten also eine internationale Durchschnittszahl auf die Philippinen heruntergerechnet, das ergab 3,4 Millionen. Aus dieser Zahl berechnete die Polizei dann eine Quote für einzelne Gemeinden. Polizeibehörden wurden daran gemessen, ob die Zahlen der Geständigen und Verdächtigen in ihrem Bereich den Vorgaben entsprachen. Ein autoritärer Präsident, der über Menschenrechte und religiöse Vorschriften lästerte, alles Bürokratische verabscheute und sich nur auf seinen Instinkt und eine höhere, göttliche Gerechtigkeit berief, hatte so eine krude Bürokratie des Tötens geschaffen.

Es ist erst ein Anfang

Patricia Evangelista sorgt dafür, dass der Impuls zum Wegschauen nicht siegt. Die Frauen und Männer, die in ihrem Buch zu Wort kommen, machen deutlich, wie Einverständnis und Mitläufertum zustande kommen und was zu erreichen ist, wenn sich einzelne Zeug* innen, Whistleblower*innen aus bewaffneten Gruppen, Influencer*innen,Ärzt*innen und Anwältinnen dem allgemeinen Trend widersetzen. Wenn sie auf Fakten bestehen, obwohl sie damit ihr Leben aufs Spiel setzen, werden empfindliche Medienberichte und juristische Schritte gegen eine Tötungsmaschinerie möglich. Ihre Namen und Geschichten stehen für die Vision, dass das Recht auf Leben über jedem ‹höheren Zweck› steht.

2022 wurde Ferdinand Marcos Junior zum Präsidenten gewählt. Die sozial- liberale Opposition unterlag deutlich. Nachdem ein anfänglicher Pakt von Präsident Marcos Junior mit dem Duterte-Clan zerbrach, hat er Rodrigo Duterte nach Den Haag ausliefern lassen. Die polizeilichen Tötungen in Zusammenhang mit Drogendelikten sind zurückgegangen. Morde, auch an politischen Aktivist*innen, gehen aber weiter. Die Kontinuität der Straflosigkeit ist nicht gebrochen.

Evangelistas Buch macht deutlich, dass der Prozess gegen Rodrigo Duterte erst ein Anfang ist.

Evangelistas Buch macht deutlich, dass der Prozess gegen Rodrigo Duterte erst ein Anfang ist. Wie die philippinische Gesellschaft später damit zurande kommt, dass Listen von Zu-Tötenden durch örtliche Nachbarschafts-Komitees erstellt wurden und Denunziationen eine grosse Rolle spielten, steht auf einem anderen Blatt.