AMNESTY-Magazin März 2026 – Iran

Strassen voller Blut

Im Januar gingen die Menschen im Iran einmal mehr auf die Strasse. Und einmal mehr schlug die Regierung mit massivster Gewalt zurück. Das Fazit: Tausende Tote, Massenverhaftungen,Hinrichtungsdrohungen. Was bedeutet das für die Zukunft der Islamischen Republik?

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«Die Mullahs müssen weg», «Gerechtigkeit für Iran», «Frau, Leben, Freiheit»: Ab Anfang Dezember hallten diese Rufe durch die Strassen zahlreicher Städte im Iran. Und wieder bezahlten Tausende Menschen wie bei früheren Protesten ihren Einsatz für die Menschenrechte, mehr Freiheiten und die Zukunft ihres Landes mit dem Leben. Die Gewalt, mit der die iranischen Behörden gegen die Demonstrant* innen vorgingen, war beispiellos. Protestierende wurden von den iranischen Sicherheitskräften mit gezielten Schüssen in den Kopf und die Halsschlagader niedergestreckt. Tausende Teilnehmer* innen wurden festgenommen. Hunderten droht die Hinrichtung.

Die Angst vor einem Massaker an der iranischen Bevölkerung stieg, trotzdem hielten die Proteste auch Anfang Januar an. Doch dann wurde alles schwarz.

Ein Kampf ums Überleben

Es war nur eine Frage der Zeit, bis erneut Massenproteste gegen die iranische Führung ausbrechen würden. Bereits Anfang Dezember streikten tausende Arbeiter* innen aus der Öl- und Gasindustrie. Student* innen fingen an, sich an den Universitäten auf eine erneute Protestwelle vorzubereiten. Letztendlich waren es aber diesmal nicht die Student*innen, die die Proteste anführten, sondern die Bazaaris. Die Händler*innen der traditionellen Basare hatten lange als Unterstützer* innen der iranischen Regierung und des Obersten Religionsführers, Ali Khamenei, gegolten. Sie hatten eine entscheidende Rolle in der Islamischen Revolution von 1979 gespielt, bei der Mohammad Reza Schah Pahlavi gestürzt wurde. In den folgenden Jahrzehnten blieben sie mit den konservativen Eliten verbunden.

Doch mit dieser historischen Loyalität war jetzt Schluss. Die steigende Inflation, anhaltende Sanktionen und chronisches Missmanagement haben die wirtschaftliche Stellung des Basars – und somit eine treue Basis der konservativen Regierung – in Mitleidenschaft gezogen.

Der Protest begann am 28. Dezember, als in Teheran rund 100 Bazaaris ihre Läden schlossen. Auslöser war die wirtschaftliche Misere: Der iranische Rial befand sich im freien Fall, die Inflation stieg in Rekordhöhe. Im Basar brach Unruhe aus: Aufgrund des rasanten Währungszerfalls konnten die Preise für Lebensmittel und andere Güter nicht mehr festgelegt werden, lebenswichtige Güter wurden unbezahlbar. Das Vertrauen in die Regierung sank bei den Bazaaris wie der Wert des Rial ins Bodenlose.

Der Iran befand sich schon seit Monaten in einer Wirtschaftskrise von gewaltigem Ausmass: Die durch internationale Sanktionen angetriebene hohe Inflation macht selbst alltägliche Einkäufe zur Tortur. Die Armut breitet sich aus – mehr als 40 Prozent der Iraner*innen leben Schätzungen zufolge unter der Armutsgrenze. Zunehmend mehr Iraner*innen mussten schauen, dass sie etwas zu essen auf den Tisch bekamen. Dass sie sich den Protesten der Händler*innen anschlossen, hat daher nicht nur mit dem Wunsch nach politischem Wandel zu tun – es ist schlicht ein Kampf ums Überleben.

Nachdem mit dem Streik der Händler* innen der erste Funke entfacht war, breiteten sich die Proteste innert Kürze auf verschiedenste Städte im Iran aus, auch in abgelegenen Regionen des Landes gingen die Menschen plötzlich zu Tausenden auf die Strasse. Sie demonstrierten gegen die sinkenden Lebensstandards, gegen die anhaltenden Stromausfälle und die Wasserknappheit – und bald auch für eine Absetzung von Ali Khamenei.

Im Gegensatz zu den Protesten «Frau, Leben, Freiheit» ab September 2022, welche vorwiegend von Frauen und Studierenden getragen wurden, waren die Teilnehmer* innen diesmal deutlich durchmischter. Der Iran-Expertin und Amnesty-Campaignerin Nassim Papayianni zufolge waren nun deutlich mehr junge Männer an den Protesten dabei. «Die Repression der Regierung und die damit verbundenen Sanktionen in den vergangenen Jahren haben Auswirkungen auf das Leben aller Iraner*innen. Junge Männer leiden besonders unter der Wirtschaftskrise. Viele sehen im Gang auf die Strasse ihre letzte Handlungsoption.»

Auch konzentrierte sich die Massenmobilisierung längst nicht nur auf Teheran. Im Gegenteil: Anfang Januar 2026 demonstrierten Menschen in über hundert Städten für den Schutz der Menschenrechte und ein Ende der Diktatur.

Schrecken und Solidarität

Während sich die Regierung anfangs noch versöhnlich zeigte – wohl auch um die Bazaaris zu besänftigen – schlug diese Taktik schnell um. Am 8. Januar schaltete die iranische Regierung das Internet aus, Sicherheitskräfte erhielten Schussfreigabe. Der Iran versank in Dunkelheit.

«Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht vom Tod eines Bekannten höre. Fast jede Nacht weine ich über einen weiteren Verlust.» Ben (Name zum Schutz der Person anonymisiert, Name der Redaktion bekannt)

Was dann geschah, lässt sich nur schwer rekonstruieren: Amnesty International analysierte so rasch als möglich Hunderte Videos und Bilder, die trotz der Internet-Abschaltung aus dem Iran drangen. Die Beweise zeigten ein kaum je gesehenes Ausmass der Gewalt. Sicherheitskräfte schossen mit Gewehren und Schrotflinten gezielt auf Kopf und Oberkörper von zumeist unbewaffneten Demonstrant*innen. Die Strassen waren voller Blut. Die Sonderberichterstatterin der Uno für die Menschenrechtssituation im Iran, Mai Sato, sagte Ende Januar gegenüber den Medien, dass von rund 20 000 Toten auszugehen sei. Spitäler waren mit Verletzten überlastet, während verzweifelte Familien in überfüllten Leichenhallen nach ihren vermissten Angehörigen suchten und mitansehen mussten, wie Leichen in Pick-ups, Frachtcontainern oder Lagerhäusern gestapelt wurden. Tausende Personen wurden verhaftet, vielen von ihnen droht die Todesstrafe.

«Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht vom Tod eines Bekannten höre. Fast jede Nacht weine ich über einen weiteren Verlust», sagt Ben1, ein Student aus dem Iran, mit dem ich seit einiger Zeit in Kontakt bin. Ende Januar ist es ihm gelungen, mich trotz der andauernden Internetsperre zu kontaktieren. Er berichtet von der anhaltenden Gewalt – aber auch von der steigenden Solidarität in der Bevölkerung. «Ich habe noch nie eine solche Einigkeit unter den Iraner*innen gesehen. Es scheint, dass ein gemeinsamer Feind die Menschen wahrhaftig vereinen kann. Die Menschen sind freundlicher, einfühlsamer. Früher habe ich in der U-Bahn häufig Streitigkeiten und Konflikte beobachtet, aber in den letzten Wochen sind die Menschen so geduldig und respektvoll miteinander umgegangen, dass es kaum zu glauben ist, dass es sich um dieselben Leute handelt.» Auch das medizinische Personal in Spitälern zeigte sich solidarisch mit den Verletzten und ihren Angehörigen. Kliniken boten laut Augenzeug*innen kostenlose medizinische Versorgung an – ohne Fragen zu stellen.

Die Proteste haben mittlerweile grösstenteils aufgehört (Stand Anfang Februar, Anm. der Redaktion). Die Regierung scheint die Kontrolle zurückerlangt zu haben. Wie es weitergeht, ist derzeit offen.

Klar ist: Die Missstände, die die Unruhen ausgelöst haben, bleiben bestehen. Genauso die Abneigung der Bevölkerung gegen die Führung. Die Gruppe der Iraner*innen, die einen Systemwechsel fordern, wird immer grösser. Die Optionen der iranischen Regierung sind hingegen limitiert: Die Wirtschaftslage ist prekär, das Netzwerk von regionalen Verbündeten im Libanon, im Jemen oder im Irak ist geschwächt. Zudem ist ein Angriff durch die USA oder Israel weiterhin nicht völlig ausgeschlossen. Der Iran muss also entweder harte Kompromisse eingehen, um eine Lockerung der Sanktionen zu erreichen und die Wirtschaft zu sanieren, oder sich auf weitere Unruhen einstellen.

Gefahr sogar in der Schweiz

Dieser Zwickmühle ist sich die iranische Führung durchaus bewusst. Trotzdem zeichnet sich im Moment nicht ab, dass Ali Khamenei, das geistliche und politische Oberhaupt im Iran, einlenkt. Im Gegenteil. Seine Regierung geht längst nicht mehr nur im Iran auf Kritiker*innen los – ihre Arme reichen gar bis in die Schweiz. Ein iranischer Aktivist, der nach den Protesten «Frau, Leben, Freiheit» in die Schweiz flüchtete, hat Ende Januar eine Todesdrohung erhalten – auch aufgrund seines Aktivismus, den er von der Schweiz aus weiterführte. Die Schweiz sollte das alarmieren, denn der Iran schreckt nicht davor zurück, unliebsame Kritiker*innen auch im Ausland mittels krimineller Netzwerke zu eliminieren. Gemeinsam mit anderen Uno-Mitgliedstaaten sollte sie sich aktiv dafür einsetzen, dass die Gräueltaten aufgedeckt werden – und die Verantwortlichen ein für alle Mal hinter Gitter kommen.