AMNESTY-Magazin März 2026 – Autoritarismus

Wie Brasilien Bolsonaros autoritärer Versuchung widerstand

Die Absetzung des ehemaligen autokratischen Präsidenten Jair Bolsonaro war für viele Menschen in Brasilien ein Glücksmoment – doch die Gefahr ist noch nicht gebannt.

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Vier Jahre lang hielt der Rechtspopulist Jair Bolsonaro ganz Brasilien in Atem. Er beleidigte Journalist*innen und Indigene, hetzte gegen Linke und gab den Amazonas zur Abholzung frei. Doch nach vier Jahren war Schluss: Bolsonaro wurde im Oktober 2022 abgewählt. Der ehemalige Präsident Brasiliens wollte das aber nicht akzeptieren: Aufgehetzte Anhänger*innen stürmten im Januar 2023 mehrere Staatsgebäude in Brasilia, um die Amtsübernahme seines linken Nachfolgers Luiz Inácio Lula da Silva zu verhindern. Es war ein kritischer Moment. Brasiliens Demokratie stand auf der Kippe, und Erinnerungen an den Militärputsch 1964 kamen hoch.

Die Sicherheitskräfte bekamen den Tumult aber rasch unter Kontrolle, Aufrührer*innen wurden verhaftet, und die neue Regierung leitete sofort Ermittlungen wegen eines Umsturzversuchs ein. Brasiliens Demokratie stand erneut auf der Kippe. Im Gegensatz zum Militärputsch 1964 spalteten sich die Uniformierten diesmal jedoch: Die Marine war bereit, Bolsonaros Selbstputsch zu unterstützen, Heer und Luftwaffe lehnten das Ansinnen ab.

Mittlerweile scheint die Gefahr gebannt: Ex-Präsident Bolsonaro verbüsst seit November 2025 eine 27-jährige Haftstrafe. Wenig half ihm die Unterstützung durch seinen rechten Gesinnungsgenossen, US-Präsident Donald Trump. Dieser drohte Brasilien 50 Prozent Strafzölle an, wenn nicht unter anderem die «Hexenjagd gegen Bolsonaro» eingestellt würde. Bolsonaros Sohn Eduardo hatte dafür seine Kontakte im Trump-Lager spielen lassen, doch das Männer-Netzwerk war nicht erfolgreich: Bolsonaro kam ins Gefängnis, Trump einigte sich mit Lula; die Strafzölle traten nicht in Kraft.

Gröbere Fehleinschätzungen

Am Skript für den autoritären Umbau lag es nicht – da benutzte Bolsonaro dieselbe Vorlage wie alle autoritären Populist*innen. In der ersten Regierungssitzung im Januar 2019 verfügte er die Entlassung aller Staatsbediensteten mit «kommunistischen Ideen». Gleichzeitig ernannte er über 2000 Militärangehörige auf Regierungsposten und genehmigte die Veräusserung von 700 000 staatlichen Betrieben und Immobilien, angeblich um den Staatsapparat zu verschlanken, tatsächlich aber um seinen Gefolgsleuten Geschäfte zuzuschanzen. Er löste Umweltbeiräte auf und schloss Frauen-Schutzeinrichtungen.

Schon bald zeigte sich, dass es Jair Bolsonaro an politischer Statur fehlte und seinem Berater*innen-Team an strategischem Kalkül. Er eckte mit seiner aggressiven Art an – auch bei Verbündeten. Mit dem Vorsitzenden seiner Partei überwarf er sich und gründete ein eigenes Bündnis. Das war ein taktischer Fehler, der ihn eine eigene Basis im Kongress kostete. Eine gute Beziehung zum Kongress ist im brasilianischen System unverzichtbar für jeden Präsidenten.

Anders als in den USA, wo Präsidenten leicht per Dekret regieren können, braucht es dafür in Brasilien eine Prüfung durch das Oberste Gericht und die Zustimmung des Parlaments. Der brasilianische Kongress ist jedoch aufgrund des Verhältniswahlrechts stark zersplittert. Die Macht liegt beim Mitte-Rechts-Block des Centrão, dessen Angehörige ihre Stimmen entweder an Wirtschaftssektoren verkaufen oder an den jeweiligen Präsidenten – im Gegenzug für klientelistische Projekte in ihren Wahlkreisen. Präsident Bolsonaro unterschätzte den Kongress – und scheiterte deshalb mit Vorhaben wie der Rentenreform.

Brasilien hat zwei weitere Bollwerke gegen den Autoritarismus. Zum einen eine Gesellschaft, in der persönlicher Austausch und gemeinschaftliche Rituale wie Feiern oder Gottesdienste wichtig sind. Psycholog*innen haben herausgefunden, dass dies ein wichtiges Korrektiv gegen Radikalisierung ist, während Vereinsamung vor dem Bildschirm radikale Positionen begünstigt.

Das zweite Bollwerk ist das Berufsbeamtentum. Auf Bundesebene werden tausende Posten, etwa in der Justiz, im Finanz- und Aussenministerium, in der Polizei und in Regulierungsbehörden, per Auswahlverfahren auf Lebenszeit besetzt. Diese sehr professionellen und der Verfassung verpflichteten Funktionär*innen blockierten immer wieder rechtswidrige Anordnungen von Bolsonaro.

Die Pandemie als Wendepunkt

Es war aber ein externes Ereignis, das zum Wendepunkt wurde: Der Ausbruch der Covid-Pandemie. Der Streit über das Pandemiemanagement (Jair Bolsonaro war gegen Lockdowns, Masken und Impfpflicht) führte zur institutionellen Staatskrise – aus der Bolsonaro ziemlich gerupft hervorging. Im April 2020 entschied das Oberste Gericht, dass Covid-19-Massnahmen nur mit Beteiligung der Gouverneur*innen und Bürgermeister*innen umgesetzt werden dürfen. Das entzog dem Präsidenten die alleinige Kontrolle über das Pandemie-Management. Er schäumte, beleidigte die obersten Richter*innen und rief zu Demonstrationen gegen sie auf. Diese reagierten prompt und harsch – mit Ermittlungen gegen Bolsonaro, aber auch gegen sein Netzwerk von Unterstützer* innen. Soziale Medien von rechten Hetzer*innen wurden gesperrt und dabei gleich noch die Tech-Giganten wie X in die Knie gezwungen.

Zu Bolsonaros persönlicher Zielscheibe wurde der besonders unerbittliche Richter Alexandre de Moraes. Die Personalisierung war ein Versuch, Moraes zu zermürben, zum Rücktritt zu zwingen und ein Exempel zu statuieren. Doch er hatte sich den Falschen ausgesucht. Der unerschrockene Moraes ging zum Gegenangriff über. Er avancierte so zur Galionsfigur der Kritiker*innen. Sogar linke Medien feierten den konservativen Richter als Verteidiger der Demokratie. Der Konflikt und die über 700 000 Toten während der Pandemie kosteten Präsident Bolsonaro Rückhalt und belebten die Opposition.

Kritische Medien und die Rückkehr Lulas

Behilflich bei der Entzauberung waren kritische Medien. Auch die bürgerliche Elite war offenbar zum Schluss gekommen, dass Bolsonaro dem Land und ihren Interessen schadete. So deckten die grossen bürgerlichen Medienhäuser Folha de S. Paulo und O Globo Korruptionsskandale auf, die Bolsonaros Ansehen als Korruptionsbekämpfer schadeten. Insbesondere, dass er luxuriöse Staatsgeschenke der Golfstaaten zur privaten Bereicherung verhökert hatte, beschädigte seine Glaubwürdigkeit im moralisch strikten evangelikalen Milieu.

Einen Schlüsselbeitrag leistete das Portal Intercept Brasil. Es veröffentlichte geheime Chats, die den Justizminister als befangen diskreditierten und letztlich zur Aufhebung des Urteils gegen den linken Expräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva führten. Dieser kam nach eineinhalb Jahren Haft Ende 2019 frei. Die linke Arbeiterpartei (PT) hatte damit ihren beliebten historischen Anführer wieder. Sein Image war zwar durch Korruptionsverdacht angekratzt, doch letztlich schuf Lulas Rückkehr auf die politische Bühne ein Momentum, das der Hass-Kampagne Bolsonaros ein positives Narrativ vom inklusiven Brasilien entgegensetzte.

Gefahr ist nicht gebannt

Es war eine ganz besondere «brasilianische Mischung» von Faktoren und Umständen, die der Demokratie zum Sieg verhalfen. Gebannt ist die Gefahr aber keineswegs. Der brasilianischen Linken ist es weder gelungen, sich programmatisch zu modernisieren, noch, einen Nachfolger für Lula aufzubauen, der deshalb 2026 erneut zur Wiederwahl antreten wird – mit fast 80 Jahren. Die Gesellschaft ist zwar nicht mehr so polarisiert wie 2018, aber der Bolsonarismus hat eine Kernwählerschaft von knapp 30 Prozent und einen Rechtsruck in der politischen und gesellschaftlichen Realität bewirkt. Wie sich diese neue Rechte in Brasilien entwickelt, muss sich zeigen. Ihr Präsidentschaftskandidat, dessen Name noch nicht feststeht, wird dabei eine wichtige Rolle spielen.