In keinem anderen Land im demokratischen Europa ist Homophobie so sehr Staatspolitik wie in Ungarn. Seit Jahren polemisiert die Staatsführung gegen Menschen aus der LGBTI*-Gemeinschaft. Premier Viktor Orbán suggeriert, Homosexuelle seien potenzielle Pädosexuelle. Ein Gesetz gegen sogenannte «Gender- Propaganda» verbietet das öffentliche Zeigen von Symbolen oder Schriften zu LGBTI*-Themen mit dem Argument des Schutzes von Minderjährigen. Und in der Verfassung steht, dass der Vater ein Mann und die Mutter eine Frau ist. Wie lebt es sich als queerer Mensch in einem solchen Land? Der 36-jährige Dániel Waliduda aus Budapest erzählt:
«Ich komme aus einem kleinen Dorf in Westungarn und wohne seit fast 20 Jahren in Budapest. Ich habe einen Abschluss in Politologie und russischer und polnischer Philologie, mache bald einen Jura-Abschluss und arbeite als Manager in einem internationalen Finanzunternehmen. Mein Verlobter und ich möchten im Frühjahr unsere Partnerschaft registrieren lassen. In Ungarn dürfen homosexuelle Paare nicht heiraten. Wir sagen trotzdem: Wir heiraten.
Mir wurde als 13-Jähriger bewusst, dass ich schwul bin. Als ich 15 war, sagte ich es meinen drei besten Freunden. Ich hatte Angst, aber sie akzeptierten sofort, wie ich bin. Das half mir sehr, mich selbst schon früh anzunehmen. Meinen Eltern sagte ich es als Student, zuerst meiner Mutter, später auch meinem Vater. Beide haben es angenommen. Einmal fragten seine Kumpel im Dorf meinen Vater, ob ich eine ‹Schwuchtel› sei. Er antwortete ihnen Ja und dass das auch völlig in Ordnung sei. Das war sehr berührend.
Einmal bekam ich wegen meiner Homosexualität keine Arbeitsstelle, diese wäre im staatlichen Dienst gewesen. Ansonsten hatte ich im Alltag bisher kaum Probleme als Schwuler. Mir ist jedoch klar, dass ich Glück habe und kein typischer Fall bin. Ich sehe, wenn ich das so sagen darf, nicht besonders schwul aus. Für viele queere Menschen ist die Situation aber ganz anders.
Die Propaganda von oben macht mich wütend. Wie diese Regierung über Menschen aus der LGBTI*-Gemeinschaft spricht, ist widerlich. Es ist emotional schwer auszuhalten, deshalb versuche ich, es zu ignorieren. Dennoch bemerke ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dass viele darüber nachdenken, aus Ungarn auszuwandern; einige sind auch tatsächlich weggegangen. Für trans Personen ist es in Ungarn wirklich nicht aushaltbar. Als Folge der jahrelangen Propaganda können viele jüngere schwule Männer sich selbst nicht akzeptieren. Sie sind unfähig zu normalen Beziehungen, viele flüchten in Alkohol und Drogen.
Ich selbst lebe seit elf Jahren mit HIV. Die Krankheit ist immer noch ein grosses Tabu-Thema. Es gibt viele Vorurteile, auch unter Ärzt*innen und beim Pflegepersonal. Ich bin einer der ganz wenigen Schwulen, die offen darüber sprechen, weil ich ein Umfeld habe, das mich unterstützt. Das haben nur wenige.
Leider verhindert die Propaganda der Orbán-Regierung, dass es Fortschritte gibt. Bisher wollen mein Partner und ich nicht wegziehen. Wenn Orbán aber nach der Wahl im April 2026 weiterhin an der Macht bleibt, dann werden wir ernsthaft darüber nachdenken, Ungarn zumindest eine Zeit lang zu verlassen.»