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«Ich habe keine nostalgischen Gefühle für eine Zeit, die ich selbst gar nicht erlebt habe. Aber eines weiss ich: Es bräuchte einen, zwei oder drei Salazars, um die Korruption aus diesem Land zu vertreiben.» Eine solche öffentliche Äusserung über António Salazar, der Portugal von 1932 bis 1968 mit seinem «Estado Novo» mit harter Hand regierte, wäre bis vor Kurzem undenkbar gewesen. Zumindest bis der Abgeordnete André Ventura diese Worte im Oktober 2025 an einer portugiesischen Parlamentsversammlung wählte – drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen vom 18. Januar 2026, für die er kandidierte. Der historische Erfolg des rechtspopulistischen Politikers, der mit 23,5 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz landete, gilt als historisch und bestätigt seine Partei Chega (Es reicht) als wichtigste Oppositionskraft des Landes.
André Ventura brach ein Jahrzehnte geltendes Tabu.
In Portugal brach André Ventura ein Jahrzehnte geltendes Tabu. «Es war bisher nicht gerade klug, sich politisch auf Salazar oder seinen Estado Novo zu berufen. Nachdem die Diktatur gefallen war, herrschte allgemein Einigkeit darüber, dass dies eine dunkle Zeit war, geprägt von Elend und Krieg», sagt Victor Pereira, Spezialist für die Zeitgeschichte Portugals und Dozent an der Universität Pau.
Der Erfolg von Chega hatte in der politischen Landschaft Portugals die Wirkung eines Erdbebens. Die rechtsextreme Partei startete im Jahr 2019 mit einem einzelnen Abgeordneten. Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 2025 waren es bereits 60. André Venturas Verherrlichung der Figur Salazars zielt einerseits darauf ab, zu provozieren und so in die Medien zu kommen. Gleichzeitig schmeichelt er damit der alten Garde aus der damaligen Zeit. Für seine junge Wählerschaft scheint dies kein Problem zu sein, zumal diese die Herrschaft Salazars nicht selbst erlebte. Die Portugies*innen, die damals erwachsen waren, sind heute mindestens 70 Jahre alt. «Die Mehrheit dieser Generation wählt die sozialistische oder die sozialdemokratische Partei, die die Demokratie gegründet haben», sagt Victor Pereira.
Mauro Bento ist Mitglied der Associação 25 de Abril mit Sitz in Genf, die sich der Erinnerung an die Nelken-Revolution von 1974 verschrieben hat, während der Salazar gestürzt wurde. Er stellt fest, dass der Anteil der Bevölkerung tendenziell abnimmt, der sich über Chega empört. «Viele Menschen sind frustriert, weil sie nicht vom Wirtschaftswachstum profitieren. Sie machen dafür die Regierungsparteien verantwortlich. Für viele ist Venturas Sicht vom Salazarismus etwas Neues, man sieht darin sogar Ansätze für eine Reform», sagt Mauro Bento.
Wende zum Revisionismus
Bereits 2019 spielte Chega mit der Wahlparole «Gott, Vaterland, Familie und Arbeit » auf das ehemalige Motto Salazars an. Danach traten Verweise auf den Estado Novo nur noch vereinzelt auf – in der offiziellen Kommunikation der Partei fehlen sie wohl aus strategischen Gründen gänzlich. Denn der Grossteil der Portugies*innen betrachtet den Salazarismus weiterhin als Diktatur. André Ventura war sich damals bewusst, dass er sich mit seiner Verherrlichung auf heikles Terrain begab.
Die Parlamentsrede vom letzten Oktober bedeutete somit eine Wende des in Portugal Sagbaren. Am 10. November veröffentlichte Ossanda Liber, Vorsitzende der rechtskonservativen Bewegung Nova Direita, ein merkwürdiges Video auf Instagram. Darin beklagt sie, dass Netflix keine Dokumentarfilme über Salazar produziert, während es solche über Benito Mussolini, Adolf Hitler oder Francisco Franco gebe. «Wenn ich die Macht hätte, würde ich Mittel für Produktionen bereitstellen, die unsere Geschichte ehrlich erzählen, damit die jungen Menschen dieses Landes und der ganzen Welt die Grösse Portugals kennenlernen können», sagt sie.
Der Chega-Parlamentarier Antonio Pinto Pereira teilte das Video und beklagte ebenfalls, dass «die historische Grösse Portugals verschwiegen» würde und nur die schlechten Zeiten in Erinnerung behalten würden. Mit der «Grösse Portugals» ist das portugiesische Kolonialreich gemeint, das nach der Revolution unterging. Vor allem aber wird von den Chegist*innen die Figur des «unbestechlichen Salazar» hervorgehoben, wie die Äusserungen von André Ventura im Parlament zeigen. Dies, um den Kampf der Partei gegen die Korruption zu betonen, den sich Chega auf die Fahne geschrieben hat, ebenso wie den Kampf gegen die Einwanderung und für mehr «Ordnung auf den Strassen».
Tatsächlich haben in den letzten Jahren mehrere Politskandale Portugal erschüttert. Premierminister Antonio Costa musste 2023 zurücktreten, und sein Vorgänger José Sócrates ist seit 2014 in Gerichtsverfahren verwickelt. André Ventura nutzte diese Ereignisse, um sein Parteiprogramm populärer zu machen. «Ventura versucht, die Vorstellung zu verbreiten, dass die Eliten der beiden Parteien, die sich die Macht teilen, von Korruption durchdrungen sind. Er vergisst dabei, dass heute in der Demokratie Korruptionsfälle dank der Unabhängigkeit der Justiz und der Pressefreiheit leichter an die Öffentlichkeit gelangen», sagt der Historiker Victor Pereira. «Gleichzeitig verschweigt Ventura, dass Salazar nie versucht hat, das Land weniger korrupt zu machen. Im Gegenteil: Das System der Diktatur funktionierte auf der Grundlage von Korruption.»
Francesco ist wie andere seines Alters überzeugt, dass Portugal einen starken Staatschef braucht, der in der Lage ist, «Ordnung zu schaffen.»
Dennoch stösst die Strategie von Chega auf Anklang. So etwa beim 40-jährigen Francesco, der seit einigen Jahren in Grossbritannien lebt: «Ich sage nicht, dass die Zeit unter Salazar besser war. Doch die Finanzen und die Minister wurden damals viel besser kontrolliert.» Er ist wie andere seines Alters überzeugt, dass Portugal einen starken Staatschef braucht, der in der Lage ist, «Ordnung zu schaffen».
Angriff auf die Demokratie?
Chega-Chef André Ventura macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung der Nelken- Revolution, die zur Demokratisierung Portugals und zum Ende der Kolonialherrschaft führte. Seine wiederholten Angriffe auf den damaligen Militärputsch, der Salazars System stürzte, zeigen Wirkung. Mauro Bento sagt: «Man hört Leute darüber diskutieren, ob der vom 25. April ein Feiertag bleiben soll. Das war vor kurzem noch undenkbar.»
André Ventura geht sogar so weit, die Abschaffung der aus der Nelkenrevolution hervorgegangenen Verfassung zu propagieren. «Ich glaube, dass der Hass auf die Revolution eine echte Triebfeder seines Denkens ist und dass er versucht, den Konsens nach 1974 zu destabilisieren, der die Kolonialisierung verurteilt und auf einen starken Sozialstaat setzt», analysiert Gabriel Capela, ein schweizerisch-portugiesischer Journalist.
Ob der Abgeordnete Ventura mit der Frage nach einer neuen Verfassung das Ziel verfolgt, die portugiesische Demokratie abzuschaffen und zu einem autoritäreren Regime überzugehen, lässt sich derzeit nicht sagen. Denn Ventura beherrscht die Kunst der Zweideutigkeit meisterhaft. Vor einigen Jahren kritisierte er die wirtschaftliche Bilanz Salazars, meinte dann aber: «Wir brauchen nicht an jeder Strassenecke einen Salazar, aber wir brauchen an jeder Strassenecke einen André Ventura.»
Einerseits distanziert er sich also von Salazar, beschwört aber gleichzeitig dessen Mythos des rettenden Anführers, der Ordnung und der Sehnsucht nach verlorener Grösse. «Er spielt gerne mit diesen Codes und so verschiebt sich das, was öffentlich gesagt werden kann. Damit führt er einen Kulturkrieg um die Aufarbeitung der 48-jährigen Salazar-Diktatur», warnt Gabriel Capela. Der Stimmenanteil von Chega wächst weiter.