«Assad ist weg!» Diese Nachricht vom Dezember 2024 kam für viele Menschen überraschend – in Syrien, im Nahen Osten, weltweit. Auch Ronya Othmann hatte nicht damit gerechnet, dass Baschar al-Assad nach Jahrzehnten brutaler Herrschaft gestürzt wird. Othmann ist Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-jesidischen Vaters, der in den 1980ern aus Syrien fliehen musste. Die 33-jährige Autorin und Journalistin lebt in Deutschland, ist in den letzten Jahren aber immer wieder nach Syrien gereist.
Vor allem in ihrem literarischen Werk setzt sich Othmann mit der Identität, Geschichte und Verfolgung von Jesid*innen und Kurd*innen auseinander. In ihrem Roman «Die Sommer» führt sie Leser*innen in das Dorf ihrer Grossmutter in der kurdisch dominierten Grenzregion zur Türkei, in «Vierundsiebzig» thematisiert sie den Genozid an den Jesid*innen durch den Islamischen Staat (IS) im Nordirak und reflektiert die Schwierigkeit, über das bestialische Gewaltverbrechen, seine Nachwirkungen und Aufarbeitung angemessen zu schreiben.
Der überraschende Sturz von Assad durch den Rebellenführer Ahmed al- Scharaa hat Othmann dazu bewegt, mit ihrem Vater erneut nach Syrien zu reisen. Mit ihm erkundet sie das Land aus den Blickwinkeln der kurdischen, jesidischen, drusischen, alawitischen und christlichen Bevölkerung sowie anderer Minderheiten, die das Ende der Assad-Ära meist erleichtert begrüssen, sich aber gleichzeitig vor neuer Gewalt und einer Islamisierung des Landes unter Ahmed al-Scharaa fürchten.
Vielen gilt der Interimspräsident als Wolf im Schafspelz.
«Jeder Satz, den man heute über Syrien schreibt, kann schon eine Woche später hinfällig sein.»
Entstanden ist aus den Reisen das Buch «Rückkehr nach Syrien». Die ersten Stationen waren Damaskus, Aleppo, Homs und Idlib, wo al-Scharaa als jihadistischer Milizenführer seine Machtbasis aufgebaut hatte. Othmann und ihr Vater besuchten Zeugnisse der Gewaltherrschaft, so das berüchtigte Foltergefängnis Saidnaya und Assads früheren Palast. Einige Monate später ging es in den Norden des Landes, darunter nach Rakka, die ehemalige Hauptstadt des IS, und in die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete. Die Gemengelage vor Ort war auch zur Zeit ihrer Reise dynamisch: «Jeder Satz, den man heute über Syrien schreibt, kann schon eine Woche später hinfällig sein», schreibt sie.
Immer wieder thematisiert Othmann die Situation der Jesid*innen. Unter Assad waren sie nicht als Ethnie mit einer eigenen Religion anerkannt, für Islamist*innen gelten sie traditionell als «Teufelsanbeter*innen» und oft sogar als vogelfrei. Im Dorf ihrer Grossmutter, die vor dem Genozid durch den IS nach Deutschland fliehen konnte, traf Othmann auch auf einen jungen jesidischen Mann, der sich damals der kurdischen YPG-Miliz angeschlossen hat. Die Schilderungen seines Kampfes gegen den IS und der Bestialität der jihadistischen Gruppen gehören zu den eindrucksvollsten Teilen des Buches.
Othmann berichtet auch aus dem berüchtigten Internierungslager al-Hol, in dem bis zu seiner Auflösung im Februar 2026 bis zu 50 000 IS-Mitglieder und ihre Familien festgehalten wurden, sowie aus einem Waisenhaus für jesidische Kinder, deren Mütter von IS-Kämpfern vergewaltigt worden waren. Wir erfahren, dass es seit vielen Jahren den unabhängigen, multi-ethnischen Radiosender Arta-FM gibt, der unter anderem aufklärerische Sendungen über die jesidische Religion ausstrahlt.
«Rückkehr nach Syrien» ist ein berührendes, erhellendes und politisch wichtiges Buch. Es gibt Einblicke in die Gewaltgeschichte Syriens, die sich fortzuschreiben droht.
Ronya Othmann
Rückkehr nach Syrien.
Eine Reise durch ein
ungewisses Land.
Rowohlt, 2025, 192 Seiten