«Old Tent City, die alte Zeltstadt, lag auf einem Gelände, das für die Entwicklung des Stadtteils East Bank vorgesehen war. Es ist also kein Zufall, dass gerade dieses Lager geschlossen wurde.» Allie Wallace, Geschäftsleiterin der Organisation Open Table, die Menschen in Not unterstützt, weiss, wovon sie spricht. Im Juni 2025 wurde das grösste Obdachlosenlager in Nashville im Bundesstaat Tennessee nach vierzigjährigem Bestehen abgerissen. 86 Bewohner*innen konnten notfallmässig in Motels untergebracht werden. Doch der Wind, der gegen die Wohnungslosen weht, nahm weiter zu.
Knapp einen Monat später veröffentlichte nämlich die US-Regierung ein Dekret mit dem Titel «Ending crime and disorder on America’s streets» (Beendigung von Kriminalität und Unordnung auf Amerikas Strassen). Bisherige Bundesmittel für Programme, die Wohnraum ohne Vorbedingungen bereitstellten, wurden in Programme für befristete Unterkünfte verschoben, die die Teilnahme an Suchtbehandlungen voraussetzen.
Weil diese Massnahmen vielen Menschen den direkten Zugang zu einer dauerhaften Wohnung erschweren und sie auf der Strasse zu landen drohen, hat eine Allianz aus Bundesstaaten und Nichtregierungsorganisationen gegen das Dekret Klage erhoben. «Obdachlosigkeit ist keine persönliche Entscheidung: Sie verdeutlicht das Versagen unserer Gesellschaft, die notwendigen Güter und Dienstleistungen bereitzustellen. Wohnen ist ein Menschenrecht», sagt Allie Wallace.
In einem dieser Motels, dem Rodeway Inn, wohnt Andy. Zahlreiche Helfer*innen unterstützen die ehemaligen Bewohner*innen des Obdachlosenlagers bei ihrer Suche nach einer Bleibe. So konnte auch Andy mittlerweile im Rodeway-Inn- Motel untergebracht werden.
Essensdüfte wehen über den Tisch in einem hispanischen Café, während er von seinem Lebensweg erzählt. «Ich wollte nie betteln, wollte keine Hilfe annehmen», sagt er. Wenn er an die Monate, die er in der Old Tent City verbrachte, zurückdenkt, dann erinnert er sich an die dort herrschenden prekären Lebensumstände, aber auch an die Solidarität unter den Bewohner*innen. Im August 2023 hatte er Chicago verlassen und war nach Nashville gezogen. Doch da fand er keine Wohnung und so wurde er obdachlos. «Zuerst ging ich in eine Notunterkunft, aber da habe ich mich nicht sicher gefühlt. Schliesslich landete ich in der Old Tent City.» Hier lebte der 49-Jährige in einer «Zweier-WG» in einem Zelt. «Die Bedingungen waren hart, aber die Menschen waren aufrichtig. Ich habe viel über Resilienz gelernt. Und ich habe verstanden, dass das Leben als Obdachloser eine Unmenge Geduld und Toleranz erfordert.»
Andy erinnert sich aber auch an Gewalt und extreme Wetterbedingungen. In Brand gesetzte Zelte und die Überschwemmungen, als der Cumberland River, an dem die Zeltstadt lag, über die Ufer trat. Auch Allie Wallace erinnert sich gut daran: «Es gab Hunderte von Vertriebenen, die all ihre Habseligkeiten verloren hatten und nicht wussten, wohin sie gehen sollten.»
Eine schwierige Umstellung
Sechzig Tage: Das war die Frist, die den Bewohner*innen gegeben wurde, bevor Old Tent City abgerissen wurde. Ein ganzes Netzwerk mobilisierte sich, um den Menschen aus den Schwierigkeiten zu helfen. «Wir hatten eine sehr enge Verbindung zu den Menschen in der Old Tent City», sagt Allie Wallace. «Wir hatten den Bewohner*innen seit der Gründung unserer Organisation geholfen, ihre Grundbedürfnisse zu decken, mit Zelten, Decken, Schlafsäcken, Essen, Kleidung oder anderen Formen von Unterstützung.» Für viele ist der Wechsel von der Strasse in einen geschlossenen Raum ein schwieriger, ja gar traumatischer Übergang. «Nach acht Jahren in einem Zelt, mit einem Eimer als Toilette, ist es eine grosse Umstellung, plötzlich in einem Motel mit einem richtigen Badezimmer zu sein. Einfache Dinge, wie das Benutzen eines WCs, müssen neu gelernt werden», sagt Bailey Amos, die bei der Organisation «The Hospitality Hub» für Nashville zuständig ist – einer Organisation, die Obdachlose beim Umzug in vier Wände unterstützt.
Im Rodeway-Inn-Motel teilt sich Andy nun ein Zimmer mit einem Freund, den er lange Zeit in der Old Tent City unterstützt hatte. Die Bewohner*innen organisieren regelmässig Spiele, um in dieser neuen Umgebung wieder ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. Der Zugang zu Trinkwasser macht den Alltag einfacher: «Früher konnte ich mich vor einem Vorstellungsgespräch nicht duschen. Der Fluss war schmutzig, ich hatte keine sauberen Kleider», erinnert sich Andy.
«Ich habe das Gefühl, dass ich mich hier um viele ‹Kinder› kümmern muss», sagt er, der Vater eines 11-jähriger Sohnes ist, der in Chicago lebt. Langeweile kennt Andy nicht, denn er kocht für alle im Rodeway Inn. An manchem Sonntag gehen hundert Mahlzeiten aus seiner Küche. Es freut ihn, wenn seine Menus strahlende Gesichter bewirken. Er überlegt, eine Go- Fund-Me-Kampagne zu starten, um einen Food Truck zu finanzieren. «Zuerst möchte ich meine Situation verbessern. Das Ziel ist, meinen Sohn wiederzusehen, wenn ich mich fest niedergelassen habe», sagt er.
Wohnplätze akut bedroht
Den Nutzen solcher Sprungbretter für eine dauerhafte Unterkunft misst die Behörde «Office of Homeless Services» anhand mehrerer Kriterien, darunter wie sie den Stress beim täglichen Überleben vermindern und den Zugang zu einem geschützten Raum beeinflussen. Mit dem Hospitality-Hub-Programm zusammen werden die Dienstleistungen an die individuellen Bedürfnisse angepasst. «Unabhängig von der Art ihrer Probleme: Unser Anspruch ist es immer, den Menschen zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen», sagt Bailey Amos. Dank der Unterstützung des Programms konnte Andy seine Geburtsurkunde beschaffen. Jetzt hat er einen Ausweis, ein Auto und einen Job. Seine verbesserte Situation verdankt er auch seiner immensen Entschlossenheit. «Er musste langwierige Verfahren überstehen», erzählt Bailey Amos. «Andy hatte grosses Glück, einen Job für 25 Dollar pro Stunde zu finden. Viele andere haben dieses Glück nicht. Der Mindestlohn in Tennessee ist seit Jahren nicht gestiegen, im Gegensatz zu den Lebenshaltungskosten.»
Andy steht auf mehreren Wartelisten für eine Wohnung, aber die Anforderungen an Interessent*innen und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum erschweren die Suche. Bis heute ist es nur einem Viertel der ehemaligen Bewohner*innen von Old Tent City gelungen, eine dauerhafte Unterkunft zu finden.
«Unser System hält Menschen im Armutskreislauf gefangen», sagt Allie Wallace. In Übergangslösungen sieht sie kein wirksames Mittel. «Untersuchungen zeigen, dass eine dauerhafte, begleitete Wohnform der beste Weg ist, um Obdachlosigkeit zu beenden.»
Das städtische Amt «Department of Housing and Urban Development HUD», das für bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Familien und Senior*innen zuständig ist, steht im Zentrum der Spannungen, die die neue Bundespolitik verursacht. Nun sollen die Mittel seines Programms «Continuum of Care», die bislang zu fast 90 Prozent für dauerhaften Wohnraum für obdachlose Menschen eingesetzt wurden, auf Übergangseinrichtungen und Unterstützungsdienste umgeschichtet werden. Diese Umverteilung wird bis zu 170 000 dauerhafte Wohnplätze gefährden. Zehntausende Menschen, die dank des Programms ein sicheres Dach über dem Kopf gefunden hatten, sind wie die Menschen von Old Tent City dadurch in Gefahr, auf der Strasse zu landen.
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