Szene aus dem Theaterstück: eine Frau sitzt in einem zylinderartigen kalten Raum, am Boden sitzt die wohl "jüngere Version" der Frau auf dem Boden
© Judith Buss
Kultur | Theater

Zum Beispiel Jeanne d'Arc

Mit «Are you ready to die?» beleuchtet das Zürcher Schauspielhaus ein Thema, das eine häufige Leerstelle bei der Diskussion der Todesstrafe bleibt: das Leben in der Todeszelle.

Wer sich mit dem Thema  Todesstrafe auseinandersetzt, kennt die wesent­lichen Argumente gegen dieses härteste aller Urteile: Sie verstösst gegen das Recht auf Leben und ist unumkehrbar; sie ver­mag nicht mehr abzuschrecken, als es die Androhung einer langen Haft tut; und nicht zuletzt: Ihr Vorhandensein führt zur Verrohung der Gesellschaft.

Die Regisseurin Marie Schleef hat mit «Are you ready to die?» mit ihrem Team und in Zusammenarbeit mit Amnesty Schweiz ein Stück geschaffen, das sich mit einem weniger beleuchteten Aspekt der Todesstrafe befasst: dem Leben in der Todeszelle und wie Menschen diese quälende Zeit zwischen Todesurteil und Vollstreckung überstehen. Am Beispiel der Bühnenfigur Jeanne d’Arc in Fried­rich Schillers Drama «Die Jungfrau von Orleans» wird dieser Lebensabschnitt ins Zentrum gerückt – eine Phase im Le­ben der zum Tode verurteilten Johanna, die in Schillers Drama nicht vorkommt.

Zu Beginn der Aufführung finden wir eine schlafende junge Frau vor. Sie liegt auf dem Boden eines kalten Raums, der an eine Zisterne erinnert. Eine schwere Eisentür macht die Haftsituation deut­lich, trotzdem wirkt die Atmosphäre friedlich. Durch eine andere Tür betreten zwei Frauen den Bühnenraum: Johanna, die ältere Verkörperung der schlafenden Gefangenen, wird von einer Wärterin zu ihrer Zelle gebracht. Gegenwart und Zu­kunft begegnen sich, die Zeit zerfliesst. Auch sind die Bewegungen der Figuren extrem verlangsamt – ein weiterer Aus­druck für die Langsamkeit, in der die Zeit in der Zelle vergeht.

Als die Wärterin die Szene verlässt, schauen Johanna und ihr Alter Ego ein­ander eine Zeit lang reglos an, dann ist Johanna wieder allein. Allein mit dem Gefängnisalltag, der sich ihr im Wesent­lichen akustisch präsentiert: Reinigungs­kräfte, Essenslieferungen. Die Geräu­sche werden mit einer sogenannten akustischen Lupe stark vergrössert, also laut überzeichnet. Das Licht in der Zelle verlöscht nie …

Eine weitere Figur, vermutlich Johan­nas Anwalt, tritt mehrfach auf. Erst bringt er Briefe, die trösten. Dann – mittlerwei­le ist er ergraut – ein Schreiben, das Jo­hanna erschüttert. Weitere Personen tre­ten auf, ihr Verhältnis zur Gefangenen bleibt schwer deutbar: Eine Ärztin, der Geistliche, eine andere Wärterin … Sind sie unbeteiligt und erledigen einfach nur ihre Arbeit? Wollen sie diskret sein und die Verurteilte nicht mit ihrem Mitgefühl bedrängen?

«Are you ready to die?» gibt auf viele Fragen keine Antworten. Das Stück überlässt es dem Publikum, eigene zu finden oder auch offene Fragen mit nach Hause zu nehmen. Das Stück vermag durch die intensive Darstellung der Schauspieler*innen, allen voran Yvon Jansen als Johanna, zu überzeugen. Die starken Bilder, die fast quälende Zeitlu­pe, und die aussergewöhnliche Licht-und Tonregie runden zu einem gelunge­nen Theaterabend ab, bei dem das Publikum bis zuletzt mit der Verurteilten hofft und bangt.

«Are you ready to die? Liminale Zustände vor der Exekution»


Nach einer Lücke in Friedrich Schillers  «Die Jungfrau von Orleans»
Regie: Marie Schleef
Schiffbau-Box Zürich, 12.06, 13.06., 15.06.

Am 13.06.2026 um 21.00Uhr findet im Anschluss an die Vorstellung ein Panel in Kooperation mit Free Iran Switzerland und Amnesty Schweiz statt:
Stimmen aus dem Iran – Zwischen Repression und Widerstand
Gäste: Mariam Claren (Aktivistin, Tochter der ehemaligen politischen Gefangenen Nahid Taghavi). Solmaz Korsand (Autorin und Journalistin), Shahrzad
Antenna (Free Iran Switzerland). Moderation: Zarina Tadjibaeva

Weitere Informationen: www.schauspielhaus.ch