«Trotz bedeutender Fortschritte in ganz Europa bleibt der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen durch zahlreiche sichtbare und unsichtbare Hürden eingeschränkt», sagte Monica Costa Riba, Expertin für Frauenrechte bei Amnesty International: «Die Gefahr wächst, dass hart erkämpfte Erfolge bei den reproduktiven Rechten durch eine Welle rückwärtsgerichteter Massnahmen rückgängig gemacht werden – oft getragen von populistischen politischen Akteur*innen, die sich autoritärer Praktiken bedienen.»
In vielen Ländern erschweren verwaltungstechnische, gesellschaftliche und praktische Hürden den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen. Dazu zählen:
«Die Gefahr wächst, dass hart erkämpfte Erfolge bei den reproduktiven Rechten durch eine Welle rückwärtsgerichteter Massnahmen rückgängig gemacht werden – oft getragen von populistischen politischen Akteur*innen, die sich autoritärer Praktiken bedienen.» Monica Costa Riba, Expertin für Frauenrechte bei Amnesty International
Besonders betroffen sind marginalisierte Gruppen wie Jugendliche, Menschen mit Behinderungen, LGBTIQ+, Sexarbeiter*innen, Asylsuchende und Personen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus.
In mehreren europäischen Ländern – darunter Kroatien, Ungarn, Italien und die Slowakei – versuchen Regierungen und religiöse Gruppen, den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gezielt zu beschneiden. Proteste vor Kliniken, Einschüchterung von medizinischem Personal und Angriffe auf Beratungsstellen sind keine Einzelfälle mehr.
Mehrere Staaten kommen ihrer Pflicht, den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen zu gewährleisten, in der Praxis nicht nach, da sich sehr viele medizinische Fachkräfte aufgrund persönlicher Ansichten oder religiöser Überzeugungen weigern, den Eingriff vorzunehmen, was dazu führt, dass der Abbruch verzögert wird oder nicht vorgenommen werden kann. In Italien und Kroatien sind derartige Weigerungen aus Gewissensgründen weit verbreitet, und auch in Rumänien nehmen sie zu. In all diesen Fällen ergreifen die Behörden nicht die nötigen und völkerrechtlich vorgeschriebenen Massnahmen, um die Auswirkungen dieser hohen Verweigerungsquoten abzufedern und den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen weiterhin zu gewährleisten.
Mindestens zwölf europäische Länder schreiben nach wie vor medizinisch unnötige Wartezeiten vor, bevor ein legaler Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden kann, und 13 Länder bestehen auf einer Pflichtberatung. In Albanien, Belgien, Deutschland, Ungarn, Lettland und Portugal sind sowohl Wartezeiten als auch Pflichtberatungen vorgesehen. In Ungarn müssen sich Personen, die einen Abbruch vornehmen lassen wollen, den Herzschlag des Fötus anhören. In der Türkei müssen verheiratete Frauen über 18 Jahren per Gesetz die Zustimmung des Ehepartners einholen, wenn sie innerhalb der 10-Wochen-Frist einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen möchten.
Aufgrund der Hürden beim Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in vielen europäischen Ländern sind jedes Jahr Tausende Schwangere gezwungen, ins Ausland zu reisen, um dort die notwendige medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen.
In mindestens 20 europäischen Ländern drohen weiterhin strafrechtliche Sanktionen bei Abbrüchen ausserhalb des gesetzlichen Rahmens – auch in der Schweiz.
Für Menschen mit geringem Einkommen ist ein Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz oft schwer zu bezahlen – trotz Grundversicherung. Die hohen Selbstbehalte können den Zugang zu dieser wichtigen Gesundheitsversorgung blockieren. Ab 2027 sollen Krankenkassen endlich alle Kosten übernehmen – ein wichtiger Schritt für Gleichberechtigung und den Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen. Doch: Menschen ohne Aufenthaltsstatus bleiben weiterhin ausgeschlossen.
Zudem verschärfen Falschinformationen das Stigma. Im Mai 2025 starteten Anti-Choice-Gruppen eine Desinformationskampagne in Bahnhöfen und boten rund um die Uhr «Beratung» an – mit dem Ziel, die Entscheidung von Schwangeren zu beeinflussen.
«Ein Schwangerschaftsabbruch ist eine Gesundheitsleistung und ein Menschenrecht», sagte Costa Riba. Amnesty ruft europäische Regierungen und Institutionen dazu auf, Schwangerschaftsabbrüche zu entkriminalisieren, bestehende Hürden zu beseitigen und sich gegen menschenrechtsfeindliche Angriffe zu stellen.
Der Bericht basiert auf Recherchen in 40 Ländern, Interviews mit Aktivist*innen und Daten von Organisationen wie dem Center for Reproductive Rights, dem European Parliamentary Forum und der WHO.
Medienmitteilung 6. November 2025, London/Bern – Medienkontakt