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AMNESTY SCHWEIZ: Derzeit beobachten wir weltweit zahlreiche Proteste. Warum werden Menschen Teil einer Protestbewegung?
Jannis Julien Grimm: Menschen schliessen sich einer Bewegung an, weil sie ein starkes Bedürfnis nach Veränderung antreibt, oft ausgelöst von Verstörung über das, was um sie herum geschieht. Dieses Gefühl muss nicht in Form von Wut sichtbar werden, sondern kann sich auch als stille Betroffenheit äussern. So entsteht eine Spannung zwischen den eigenen Überzeugungen und dem, was man in der Gesellschaft wahrnimmt. Wenn persönliche Werte und Vorstellungen von Gerechtigkeit mit dem tatsächlichen Handeln der Gesellschaft in Konflikt geraten, wird dieser Bruch spürbar – und kann zum Ausgangspunkt einer Bewegung werden.
Was braucht es, damit daraus dann auch eine Bewegung entsteht?
Damit aus dieser Spannung eine Bewegung erwächst, braucht es Organisation. Menschen, die moralische Empörung in Worte fassen, Botschaften formulieren und wissen, wie man Proteste organisiert und Allianzen schmiedet. Um Protest zu verstehen, muss man zwischen strukturellen Ursachen und konkreten Auslösern unterscheiden. Strukturelle Ursachen sind der Nährboden: wachsende soziale Ungleichheit, der Ausschluss bestimmter Gruppen, Stigmatisierung oder mangelnde politische Repräsentation. Diese Faktoren prägen das gesellschaftliche Klima und sind Indikatoren dafür, dass etwas falsch läuft. Ein Missstand, ein Skandal, ein Gewaltereignis: Solche Auslöser können eine Bewegung in Gang bringen.
Welche Beispiele aus der Vergangenheit hatten solche Auslöser?
In der Forschung sprechen wir von «Moral Shock Events». Das sind Momente, die Menschen so stark emotional erschüttern, dass sie nicht mehr zuschauen können. Häufig handelt es sich dabei um Gewaltereignisse – wie zum Beispiel die Ermordung von George Floyd in den USA oder von Jina Mahsa Amini im Iran. Einzelne Personen und ihre Schicksale wurden zu einem Kristallisationspunkt für Widerstand.
Es kann grosse Vorteile haben, wenn Bewegungen Gesichter haben, die Sympathien kanalisieren können. Ein Beispiel dafür ist Greta Thunberg, also ein Mensch, der für die Bewegung spricht und sie mitprägt. Manche geraten unfreiwillig in solche Rollen, wie bei der Letzten Generation, wo Einzelne zufällig zu Sprecher*innen wurden – und zur Zielscheibe öffentlicher Anfeindungen.
Weltweit geraten Proteste unter Druck, auch in Demokratien.
Zivilgesellschaftliches Engagement ist zunehmend mit Repressionen, Einschränkungen und Überwachung konfrontiert. Proteste werden häufiger kriminalisiert, Demonstrationen präventiv verboten oder durch übermässige Polizeigewalt unterdrückt. Dabei ist die Mehrheit der Proteste in Demokratien zivil, geordnet und gesetzlich legitimiert.
Auffällig ist, dass die aktuellen Proteste dezentraler organisiert sind und stark von Communities getragen werden. Sie sprechen die Sprache des Völkerrechts und rücken normative Leitbilder in den Vordergrund. Prinzipien also, die in den europäischen Verfassungen, in internationalen Abkommen und in der Uno-Charta verankert sind. Aktivist*innen der Gaza- Proteste berichten von einer deutlichen Zunahme von Gewaltanwendung durch die Polizei, auch meine Forschung bestätigt das. Ein Beispiel sind sogenannte Schmerzgriffe, Würgegriffe oder Schläge gegen am Boden liegende Personen.
Wieso werden Proteste als etwas Störendes wahrgenommen?
Protest wirkt für viele zunächst radikal, als würde er den normalen Ablauf der Demokratie stören. Darum wird auch ein Grossteil der Repression dadurch legitimiert, dass man soziale Bewegungen pauschal als demokratie- oder verfassungsfeindlich abstempelt. Im Zusammenhang mit Protest wird oft das Bild von «jungen, irrationalen Menschen» gezeichnet. Dabei wird übersehen, dass Protest eng mit konstruktiven und kreativen Prozessen verbunden ist und seine Kraft im Zusammenspiel mit anderen Formen gesellschaftlichen Engagements entfaltet. Protest, vom lateinischen «protestari», bedeutet «etwas bezeugen». Wer protestiert, bezeugt etwas – nicht nur gegen, sondern auch für eine Sache.
Welche Formen von zivilgesellschaftlichem Engagement gibt es noch?
Es gibt zahlreiche Formen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Auch Forschung und Lehre können Teil der Zivilgesellschaft sein, wenn sie Themen wie Demokratie, Menschenrechte oder Repression untersuchen und so zur öffentlichen Aufklärung beitragen. Ebenso engagieren sich zahlreiche NGOs, Vereine und Bewegungsorganisationen für soziale, ökologische oder politische Anliegen – ergänzt durch individuellen und kollektiven Aktivismus bis hin zu zivilem Ungehorsam.
Warum verlieren manche Bewegungen wieder an Bedeutung?
Im besten Fall macht sich eine Bewegung durch ihren Erfolg überflüssig. Bedeutungsverlust kann auch eintreten, wenn die Politik oder andere Gruppen das Thema übernehmen – das mag hilfreich sein, ist aber zugleich eine Herausforderung, weil es die eigene Legitimation untergräbt, weiter auf die Strasse zu gehen. Manchmal verlieren Proteste an öffentlicher Sympathie. Das bedeutet nicht automatisch ihr Scheitern. Entscheidend ist, ob sie Debatten anstossen, Strukturen verändern oder langfristig politische Prozesse beeinflussen. Viele erfolgreiche Bewegungen waren umstritten oder verhasst. Studien zeigen, dass Klimaproteste das Bewusstsein für den Klimawandel deutlich erhöht haben – selbst dort, wo Aktivist*innen auf Ablehnung stiessen.
Wie können wir als Gesellschaft dazu beitragen, dass Protest bestehen bleibt?
Eine Bewegung muss sich im Laufe der Zeit neu erfinden und ihre Forderungen anpassen, um bestehen zu können. Wir als Zivilgesellschaft können das unterstützen, indem wir Räume für Protest verteidigen, solidarische Netzwerke stärken und den Dialog auch dann suchen, wenn Positionen unbequem sind.