«Die Oberin hat jeden Abend Weihwasser aus Lourdes über mein Bett gespritzt. Damals – ich war acht Jahre alt – hat man mir gesagt, ich sei vom Teufel besessen. Jahrelang hat man mir das eingetrichtert. Und ich habe es geglaubt.» MarieLies Birchler ist eine der Betroffenen, die im Anna Göldi Museum zu Wort kommen und über ihre Kindheit im Waisenhaus Einsiedeln in den 1950er- Jahren erzählt.
Bis 1981 griffen Behörden in der Schweiz mit sogenannten «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen» tief in das Leben von Hunderttausenden von Menschen ein. Kinder wurden in «Erziehungsanstalten» gesteckt oder mussten als «Verdingkinder» auf Bauernhöfen schwere Arbeit leisten. Unverheiratete Mütter wurden wegen «liederlichem» Lebenswandel zwangsweise «versorgt», sprich eingesperrt, und von ihren Kindern getrennt.
Die Behörden handelten «im Namen der Fürsorge», sie wollten Armut bekämpfen und eine soziale Ordnung herstellen, die autoritär, patriarchal und religiös geprägt war. Kritische Stimmen gab es schon früh, aber sie wurden lange nicht gehört. Der Widerstand der Betroffenen wurde hart bestraft und blieb isoliert. Die Gesellschaft akzeptierte das System und ignorierte das Leiden.
Erst die Umsetzung der Europäischen Menschenrechtskonvention EMRK zwang die Schweiz, dieses Unrecht 1981 zu beenden, denn die EMRK verbietet es, Menschen aus willkürlichen Gründen einzusperren. Nur dank der Stimmen von Betroffenen, die seit den 1990er-Jahren den Mut fanden, ihr Gesicht zu zeigen und das Schweigen zu brechen, wuchs der politische Druck, dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuklären.
Der Bundesrat, die Kantone und die Kirchen entschuldigten sich erst im Jahr 2013 offiziell bei den Betroffenen. Beschlossen wurden eine umfassende Aufarbeitung und eine finanzielle Entschädigung für die Betroffenen. Die wissen-schaftliche Aufarbeitung ist mittlerweile abgeschlossen. Nun gilt es, diese in der Gesellschaft zu vermitteln.
Das Anna Göldi Museum bietet mit der Ausstellung «Gesicht zeigen» die Möglichkeit, sich in das Thema zu vertie fen. Zudem sind Betroffene, Angehörige und Interessierte eingeladen, ihre Geschichten zu erzählen und zu erforschen. Das Projekt ergänzt die Wanderausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen», die an zahlreichen Schweizer Orten gezeigt wird.
Auch die von Nonnen misshandelte MarieLies Birchler hat ihre Vergangenheit als Heimkind jahrelang verschwiegen. Heute spricht die Protagonistin des Films «Hexenkinder» auf Podien und in Museen über die Geschehnisse und leistet damit einen Beitrag gegen das Vergessen.
Ausstellungen zu Fürsorge und Zwang in der Schweiz bis Ende Oktober 2026
«Gesicht zeigen»
Werkstattausstellung im Anna Göldi Museum, Glarus
annagoeldimuseum.ch
«Ich bin einfach niemand gewesen»
Wanderausstellung im öffentlichen Raum
ichbineinfachniemandgewesen.ch
Erinnern für morgen
Programm des Bundes zur Vermittlung der
Aufklärung fürsorgerischer Zwangsmassnahmen:
erinnern-fuer-morgen.ch