Zwei Nonnen gehen vor einer Gruppe junger Frauen
Sonntagsspaziergang der von Ingenbohler Schwestern beaufsichtigten Textilarbeiterinnen des Mädchenheims Rüti, 1952. © Landesarchiv Glarus
Kultur | Ausstellungen

Gesicht zeigen und das Schweigen brechen

Hunderttausende Kinder und Erwachsene wurden in der Schweiz bis in die 1980er-Jahre zwangsweise interniert, fremdplatziert und missbraucht. Das Anna Göldi Museum in Glarus leistet mit der Ausstellung «Gesicht zeigen» einen Beitrag zur Bewältigung dieser Menschenrechtsverletzungen.

«Die Oberin hat jeden Abend Weih­wasser aus Lourdes über mein Bett gespritzt. Damals – ich war acht Jah­re alt – hat man mir gesagt, ich sei vom Teufel besessen. Jahrelang hat man mir das eingetrichtert. Und ich habe es ge­glaubt.» MarieLies Birchler ist eine der Betroffenen, die im Anna Göldi Museum zu Wort kommen und über ihre Kindheit im Waisenhaus Einsiedeln in den 1950er- Jahren erzählt.

Bis 1981 griffen Behörden in der Schweiz mit sogenannten «fürsorgeri­schen Zwangsmassnahmen und Fremd­platzierungen» tief in das Leben von Hun­derttausenden von Menschen ein. Kinder wurden in «Erziehungsanstalten» ge­steckt oder mussten als «Verdingkinder» auf Bauernhöfen schwere Arbeit leisten. Unverheiratete Mütter wurden wegen «liederlichem» Lebenswandel zwangs­weise «versorgt», sprich eingesperrt, und von ihren Kindern getrennt.

Die Behörden handelten «im Namen der Fürsorge», sie wollten Armut be­kämpfen und eine soziale Ordnung her­stellen, die autoritär, patriarchal und reli­giös geprägt war. Kritische Stimmen gab es schon früh, aber sie wurden lange nicht gehört. Der Widerstand der Betrof­fenen wurde hart bestraft und blieb iso­liert. Die Gesellschaft akzeptierte das Sys­tem und ignorierte das Leiden.

Erst die Umsetzung der Europäischen Menschenrechtskonvention EMRK zwang die Schweiz, dieses Unrecht 1981 zu been­den, denn die EMRK verbietet es, Men­schen aus willkürlichen Gründen einzu­sperren. Nur dank der Stimmen von Betroffenen, die seit den 1990er-Jahren den Mut fanden, ihr Gesicht zu zeigen und das Schweigen zu brechen, wuchs der politische Druck, dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuklären.

Der Bundesrat, die Kantone und die Kirchen entschuldigten sich erst im Jahr 2013 offiziell bei den Betroffenen. Be­schlossen wurden eine umfassende Auf­arbeitung und eine finanzielle Entschädi­gung für die Betroffenen. Die wissen-schaftliche Aufarbeitung ist mittlerweile abgeschlossen. Nun gilt es, diese in der Gesellschaft zu vermitteln.

Das Anna Göldi Museum bietet mit der Ausstellung «Gesicht zeigen» die Möglichkeit, sich in das Thema zu vertie fen. Zudem sind Betroffene, Angehörige und Interessierte eingeladen, ihre Ge­schichten zu erzählen und zu erforschen. Das Projekt ergänzt die Wanderausstel­lung «Ich bin einfach niemand gewe­sen», die an zahlreichen Schweizer Orten gezeigt wird.

Auch die von Nonnen misshandelte MarieLies Birchler hat ihre Vergangenheit als Heimkind jahrelang verschwiegen. Heute spricht die Protagonistin des Films «Hexenkinder» auf Podien und in Muse­en über die Geschehnisse und leistet da­mit einen Beitrag gegen das Vergessen.

Ausstellungen zu Fürsorge und Zwang in der Schweiz bis Ende Oktober 2026


«Gesicht zeigen»
Werkstattausstellung im Anna Göldi Museum, Glarus
annagoeldimuseum.ch

«Ich bin einfach niemand gewesen»
Wanderausstellung im öffentlichen Raum
ichbineinfachniemandgewesen.ch

Erinnern für morgen
Programm des Bundes zur Vermittlung der
Aufklärung fürsorgerischer Zwangsmassnahmen:
erinnern-fuer-morgen.ch