Eine Ansammlung von Planen, Abfallkübel, ein Container und ein Sonnenschirm zeigen ein Durcheinander von Gerümpel und Hüttenutensilien.
Die Lebensbedingungen in der Old Tent City waren prekär, das Gemeinschaftsgefühl aber stark. © Mélissa Riffaut
USA

Weg von der Strasse

Immer mehr Menschen leben in den USA auf der Strasse. Die Regierung Trump begrenzt die Projekte, die Betroffene unterstützen. Von Betroffenen und Helfer*innen ist Resilienz gefragt.

«Old Tent City, die alte Zeltstadt, lag auf einem Gelände, das für die Entwicklung des Stadtteils East Bank vor­gesehen war. Es ist also kein Zufall, dass gerade dieses Lager geschlossen wurde.» Allie Wallace, Geschäftsleiterin der Orga­nisation Open Table, die Menschen in Not unterstützt, weiss, wovon sie spricht. Im Juni 2025 wurde das grösste Obdachlo­senlager in Nashville im Bundesstaat Ten­nessee nach vierzigjährigem Bestehen abgerissen. 86 Bewohner*innen konnten notfallmässig in Motels untergebracht werden. Doch der Wind, der gegen die Wohnungslosen weht, nahm weiter zu.

Knapp einen Monat später veröffent­lichte nämlich die US-Regierung ein De­kret mit dem Titel «Ending crime and disorder on America’s streets» (Beendi­gung von Kriminalität und Unordnung auf Amerikas Strassen). Bisherige Bun­desmittel für Programme, die Wohn­raum ohne Vorbedingungen bereitstell­ten, wurden in Programme für befristete Unterkünfte verschoben, die die Teilnah­me an Suchtbehandlungen voraussetzen.

Weil diese Massnahmen vielen Men­schen den direkten Zugang zu einer dau­erhaften Wohnung erschweren und sie auf der Strasse zu landen drohen, hat eine Allianz aus Bundesstaaten und Nichtre­gierungsorganisationen gegen das Dekret Klage erhoben. «Obdachlosigkeit ist keine persönliche Entscheidung: Sie verdeut­licht das Versagen unserer Gesellschaft, die notwendigen Güter und Dienstleis­tungen bereitzustellen. Wohnen ist ein Menschenrecht», sagt Allie Wallace.

In einem dieser Motels, dem Rodeway Inn, wohnt Andy. Zahlreiche Helfer*innen unterstützen die ehemaligen Bewohner*innen des Obdachlosenlagers bei ih­rer Suche nach einer Bleibe. So konnte auch Andy mittlerweile im Rodeway-Inn- Motel untergebracht werden.

Essensdüfte wehen über den Tisch in einem hispanischen Café, während er von seinem Lebensweg erzählt. «Ich wollte nie betteln, wollte keine Hilfe annehmen», sagt er. Wenn er an die Monate, die er in der Old Tent City verbrachte, zurück­denkt, dann erinnert er sich an die dort herrschenden prekären Lebensumstände, aber auch an die Solidarität unter den Bewohner*innen. Im August 2023 hatte er Chicago verlassen und war nach Nash­ville gezogen. Doch da fand er keine Woh­nung und so wurde er obdachlos. «Zuerst ging ich in eine Notunterkunft, aber da habe ich mich nicht sicher gefühlt. Schliesslich landete ich in der Old Tent City.» Hier lebte der 49-Jährige in einer «Zweier-WG» in einem Zelt. «Die Bedin­gungen waren hart, aber die Menschen waren aufrichtig. Ich habe viel über Resili­enz gelernt. Und ich habe verstanden, dass das Leben als Obdachloser eine Un­menge Geduld und Toleranz erfordert.»

Andy erinnert sich aber auch an Ge­walt und extreme Wetterbedingungen. In Brand gesetzte Zelte und die Über­schwemmungen, als der Cumberland River, an dem die Zeltstadt lag, über die Ufer trat. Auch Allie Wallace erinnert sich gut daran: «Es gab  Hunderte von Vertriebenen, die all ihre Habseligkeiten verloren hatten und nicht wussten, wo­hin sie gehen sollten.»

Eine schwierige Umstellung

Sechzig Tage: Das war die Frist, die den Bewohner*innen gegeben wurde, bevor Old Tent City abgerissen wurde. Ein gan­zes Netzwerk mobilisierte sich, um den Menschen aus den Schwierigkeiten zu helfen. «Wir hatten eine sehr enge Ver­bindung zu den Menschen in der Old Tent City», sagt Allie Wallace. «Wir hat­ten den Bewohner*innen seit der Grün­dung unserer Organisation geholfen, ihre Grundbedürfnisse zu decken, mit Zelten, Decken, Schlafsäcken, Essen, Kleidung oder anderen Formen von Un­terstützung.» Für viele ist der Wechsel von der Strasse in einen geschlossenen Raum ein schwieriger, ja gar traumati­scher Übergang. «Nach acht Jahren in einem Zelt, mit einem Eimer als Toilette, ist es eine grosse Umstellung, plötzlich in einem Motel mit einem richtigen Ba­dezimmer zu sein. Einfache Dinge, wie das Benutzen eines WCs, müssen neu gelernt werden», sagt Bailey Amos, die bei der Organisation «The Hospitality Hub» für Nashville zuständig ist – einer Organisation, die Obdachlose beim Um­zug in vier Wände unterstützt.

Andy und Melissa stehen nebeneinander vor einer orangen Ziegelmauer.
Andy mit seiner Betreuerin Bailey Amos. © Mélissa Riffaut

Im Rodeway-Inn-Motel teilt sich Andy nun ein Zimmer mit einem Freund, den er lange Zeit in der Old Tent City unter­stützt hatte. Die Bewohner*innen organi­sieren regelmässig Spiele, um in dieser neuen Umgebung wieder ein Gemein­schaftsgefühl aufzubauen. Der Zugang zu Trinkwasser macht den Alltag einfa­cher: «Früher konnte ich mich vor einem Vorstellungsgespräch nicht duschen. Der Fluss war schmutzig, ich hatte keine sauberen Kleider», erinnert sich Andy.

«Ich habe das Gefühl, dass ich mich hier um viele ‹Kinder› kümmern muss», sagt er, der Vater eines 11-jähriger Sohnes ist, der in Chicago lebt. Langeweile kennt Andy nicht, denn er kocht für alle im Ro­deway Inn. An manchem Sonntag gehen hundert Mahlzeiten aus seiner Küche. Es freut ihn, wenn seine Menus strahlende Gesichter bewirken. Er überlegt, eine Go- Fund-Me-Kampagne zu starten, um ei­nen Food Truck zu finanzieren. «Zuerst möchte ich meine Situation verbessern. Das Ziel ist, meinen Sohn wiederzuse­hen, wenn ich mich fest niedergelassen habe», sagt er.

Wohnplätze akut bedroht

Den Nutzen solcher Sprungbretter für eine dauerhafte Unterkunft misst die Be­hörde «Office of Homeless Services» an­hand mehrerer Kriterien, darunter wie sie den Stress beim täglichen Überleben vermindern und den Zugang zu einem geschützten Raum beeinflussen. Mit dem Hospitality-Hub-Programm zusam­men werden die Dienstleistungen an die individuellen Bedürfnisse angepasst. «Unabhängig von der Art ihrer Proble­me: Unser Anspruch ist es immer, den Menschen zu helfen, wieder auf die Bei­ne zu kommen», sagt Bailey Amos. Dank der Unterstützung des Programms konnte Andy seine Geburtsurkunde be­schaffen. Jetzt hat er einen Ausweis, ein Auto und einen Job. Seine verbesserte Situation verdankt er auch seiner im­mensen Entschlossenheit. «Er musste langwierige Verfahren überstehen», er­zählt Bailey Amos. «Andy hatte grosses Glück, einen Job für 25 Dollar pro Stunde zu finden. Viele andere haben dieses Glück nicht. Der Mindestlohn in Tennes­see ist seit Jahren nicht gestiegen, im Ge­gensatz zu den Lebenshaltungskosten.»

Andy steht auf mehreren Wartelisten für eine Wohnung, aber die Anforderun­gen an Interessent*innen und der Man­gel an bezahlbarem Wohnraum erschwe­ren die Suche. Bis heute ist es nur einem Viertel der ehemaligen Bewohner*innen von Old Tent City gelungen, eine dauer­hafte Unterkunft zu finden.

«Unser System hält Menschen im Ar­mutskreislauf gefangen», sagt Allie Wal­lace. In Übergangslösungen sieht sie kein wirksames Mittel. «Untersuchun­gen zeigen, dass eine dauerhafte, beglei­tete Wohnform der beste Weg ist, um Obdachlosigkeit zu beenden.»

Das städtische Amt «Department of Housing and Urban Development HUD», das für bezahlbaren Wohnraum für ein­kommensschwache Familien und Senior*innen zuständig ist, steht im Zentrum der Spannungen, die die neue Bundespo­litik verursacht. Nun sollen die Mittel sei­nes Programms «Continuum of Care», die bislang zu fast 90 Prozent für dauer­haften Wohnraum für obdachlose Men­schen eingesetzt wurden, auf Übergangs­einrichtungen und Unterstützungsdienste umgeschichtet werden. Diese Umvertei­lung wird bis zu 170 000 dauerhafte Wohnplätze gefährden. Zehntausende Menschen, die dank des Programms ein sicheres Dach über dem Kopf gefunden hatten, sind wie die Menschen von Old Tent City dadurch in Gefahr, auf der Stras­se zu landen.

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