Der Konflikt zwischen dem Iran, Israel und den USA ist in den vergangenen Tagen eskaliert. Die Militäroperationen haben sich über die gesamte Region ausgebreitet und betreffen mittlerweile mehr als zehn Länder. Sie haben bereits zu erheblichen Verlusten an Menschenleben und zur Zerstörung ziviler Infrastruktur geführt. Israel hat seine Angriffe auf den Libanon in den letzten 24 Stunden als Reaktion auf die Angriffe der Hisbollah verstärkt. Die USA haben erklärt, dass «die schwersten Schläge noch bevorstehen». Der Iran hat nach der Tötung des Obersten Führers und Oberbefehlshabers Ali Khamenei mit einer weiteren Verschärfung der Lage und Unsicherheit in der gesamten Region gedroht.
«Die Einhaltung der internationalen Menschenrechtsnormen und des humanitären Völkerrechts ist dringender denn je.» Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International
«Die Zivilbevölkerung sollte nicht den Preis für die rechtswidrigen und rücksichtslosen Handlungen der Konfliktparteien zahlen, die das Völkerrecht mit Füssen treten und die Grundlagen des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit bedrohen. In der ganzen Region haben Zivilpersonen bereits wiederholt Konflikte, massive Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen nach internationalem Recht erlitten. Ihr Schutz sollte jetzt oberste Priorität haben. Stattdessen sehen sie sich erneut sinnlosen Tötungen und Unterdrückung ausgesetzt», sagte Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International.
«Die Konfliktparteien müssen sofort davon absehen, rechtswidrige Angriffe fortzuführen – seien es direkte Angriffe auf Zivilpersonen, wahllose oder unverhältnismässige Angriffe oder der Einsatz von Explosivwaffen mit grosser Flächenwirkung in dicht besiedelten Gebieten. Sie müssen alle möglichen Vorkehrungen treffen, um Schäden für die Zivilbevölkerung zu verhindern. Angesichts der zunehmenden Gefahr eines langwierigen internationalen Konflikts ist die Einhaltung der internationalen Menschenrechtsnormen und des humanitären Völkerrechts dringender denn je. Jede Verletzung dieser Verpflichtungen wird die Region noch weiter in Richtung einer erneuten humanitären und menschenrechtlichen Katastrophe treiben.»
Am 3. März berichtete der iranische Rote Halbmond, dass seit Beginn der Angriffe 787 Menschen im Iran getötet worden seien. Am 28. Februar 2026 wurden nach Angaben der iranischen Behörden etwa 150 Schulkinder getötet, als eine Schule in der südlichen Stadt Minab in der Provinz Hormozgan getroffen wurde. Die Vereinten Nationen bezeichneten den Bombenangriff auf diese Schule als «schwerwiegenden Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht». Das Uno-Menschenrechtsbüro forderte eine rasche, unparteiische und gründliche Untersuchung dieses schrecklichen Vorfalls.
Amnesty International hat sechs Videos aus der Zeit nach dem Angriff auf die Schule überprüft, die schwarzen Rauch zeigen, der aus dem teilweise eingestürzten Gebäude aufsteigt, sowie Rettungskräfte und Bagger, die in den Trümmern nach Opfern suchen. Aufnahmen, die vom Eingang der Schule aus gefilmt wurden, zeigen Mauern, die den Schulhof und das Gebäude umgeben, während im Hintergrund Rauch aus Richtung eines nahegelegenen Stützpunkts der Revolutionsgarden aufsteigt.
Nach Angaben des Vorsitzenden des iranischen Ärzt*innen-Verbandes wurden durch die Angriffe Israels und der USA zehn medizinische Zentren beschädigt. Krankenhäuser im Iran waren bereits zuvor bei der Niederschlagung der Massenproteste im Januar Razzien durch iranische Sicherheitskräfte ausgesetzt.
Die iranischen Behörden haben am 28. Februar erneut den Zugang zum Internet gesperrt und damit Millionen von Menschen daran gehindert, wichtige Informationen über die bewaffneten Auseinandersetzungen zu erhalten und mit ihren Angehörigen innerhalb und ausserhalb des Landes zu kommunizieren. Damit unterdrücken sie den Informationsfluss über Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte.
Der bewaffnete Konflikt hat die Sorge um das Schicksal und die Sicherheit von Gefangenen im gesamten Iran verstärkt, darunter Tausende von Demonstrant*innen und Dissident*innen, die im Zusammenhang mit dem Aufstand vom Januar 2026 festgenommen wurden. Diese Sorge rührt von Berichten von Menschenrechtsverteidiger*innen über Explosionen in der Nähe von Gefängnissen und anderen Einrichtungen, in denen Gefangene festgehalten werden, sowie von Israels früherem Angriff auf das Evin-Gefängnis in Teheran während des 12-tägigen Krieges.
Menschenrechts-verteidiger*innen warnen , dass die iranischen Behörden in der Vergangenheit bewaffnete Konflikte oft als Vorwand genutzt haben, um Dissident*innen verstärkt Folter und anderen Misshandlungen aussetzen.
Menschenrechtsverteidiger*innen warnen ausserdem, dass die iranischen Behörden in der Vergangenheit bewaffnete Konflikte oft als Vorwand genutzt haben, um Dissident*innen verstärkt Folter und anderen Misshandlungen aussetzen. Zudem wird eine Zunahme von summarischen, willkürlichen oder aussergerichtlichen Hinrichtungen befürchtet. Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, alle willkürlich inhaftierten Personen unverzüglich freizulassen und wirksame Massnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit aller anderen Gefangenen zu gewährleisten, unter anderem durch vorübergehende Freilassung aus humanitären Gründen.
Die iranischen Behörden reagierten auf die Angriffe der USA und Israels mit Raketen- und Drohnenangriffen in Israel und in der gesamten Golfregion, darunter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Kuwait, Oman und Saudi-Arabien.
Medienberichten und offiziellen Regierungserklärungen zufolge führten mehrere der Angriffe zu Toten, verletzten Personen und Schäden an ziviler Infrastruktur; unter anderem durch herabfallende Trümmer von abgefangenen Raketen oder Drohnen. Nach Angaben der Behörden in Abu Dhabi wurde eine iranische Drohne, die auf den internationalen Flughafen Zayed (AUH) zielte, abgefangen, was zu «herabfallenden Trümmern» führte, die eine Person töteten und sieben weitere verletzten. Am 2. März erklärten sowohl die katarischen als auch die saudischen Behörden, ihre Ölanlagen seien vom Iran angegriffen worden.
In Israel wurden laut Medien und Rettungsdiensten mindestens 10 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Dazu gehören neun Tote und mehr als 20 Verletzte in Beit Shemesh nach einem iranischen Raketenangriff sowie der Tod einer Frau in der Region Tel Aviv durch herabfallende Splitter. Iranische Angriffe beschädigten laut lokalen Behörden ausserdem mindestens 40 Gebäude in Tel Aviv.
Israel hat die strengen Bewegungsbeschränkungen im besetzten palästinensischen Gebiet verschärft und damit den Verkehr zwischen Dörfern und Städten im besetzten Westjordanland einschliesslich Ostjerusalem praktisch blockiert. Die Behörden haben ausserdem alle Grenzübergänge in das und aus dem besetzten Gebiet geschlossen, darunter die Grenzübergänge Kerem Shalom/Karem Abu Salem und Rafah, wodurch lebensrettende Hilfslieferungen in den Gazastreifen blockiert werden. Kerem Shalom/Karem Abu Salem wurde am 3. März wieder geöffnet. Diese willkürlichen Massnahmen verschärfen das Leid der Palästinenser*innen, die unter der unrechtmässigen Besatzung Israels leben, erheblich und verschlimmern die vielschichtige humanitäre Krise im Gazastreifen.
Nach Raketenangriffen der Hisbollah auf Nordisrael, die laut Angaben der Gruppe eine Vergeltungsmassnahme für die Ermordung von Ali Khamenei waren, eskalierte das israelische Militär in der Nacht zum 2. März seine Angriffe auf den Libanon. Bis zum 3. März hatten israelische Luftangriffe im Libanon nach Angaben der libanesischen Behörden mindestens 40 Menschen getötet und 246 verletzt. Eine neue Warnung zur «Evakuierung», die von den israelischen Behörden nach Mitternacht am 2. März herausgegeben wurde, hat erneut Hunderttausende Zivilpersonen im gesamten Libanon vertrieben. Die vage und weit gefasste Warnung betraf mehr als 50 Dörfer im Süden und Osten des Landes und führte zu Panik, verstopften Strassen und einer weiteren Vertreibungswelle vieler Menschen. Am frühen Morgen des 3. März wurden weitere allgemeine Massenevakuierungswarnungen herausgegeben, in denen die Menschen in Dutzenden weiterer Dörfer im Südlibanon aufgefordert wurden, ihre Häuser zu verlassen.
Am 2. März kündigte das israelische Militär an, Finanzinstitute der Hisbollah an mehreren Orten im Libanon anzugreifen. Israel hatte bereits im Oktober 2024 Filialen des Finanzinstituts der Hisbollah angegriffen, was Amnesty International als wahrscheinlichen Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht bezeichnete und forderte, solche Angriffe als Kriegsverbrechen zu untersuchen.
Das humanitäre Völkerrecht verbietet strengstens direkte Angriffe auf Zivilist*innen und zivile Objekte sowie wahllose Angriffe, bei denen nicht zwischen Zivilpersonen und zivilen Objekten einerseits und Kombattant*innen und militärischen Zielen andererseits unterschieden wird, sowie unverhältnismässige Angriffe. Luftangriffe auf Schulen, medizinische Einrichtungen oder Wohngebäude ebenso wie der Einsatz ballistischer Raketen oder anderer Explosivwaffen mit grosser Flächenwirkung in dicht besiedelten Gebieten, geben Anlass zu schwerwiegenden Bedenken hinsichtlich möglicher Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht.
Amnesty International beobachtet die Lage aufmerksam und fordert alle Parteien auf, sich an das humanitäre Völkerrecht zu halten. In Fällen, in denen Zivilist*innen getötet oder verletzt oder Infrastrukturen beschädigt wurden, sollten die Parteien unverzüglich Ermittlungen einleiten und alle für Verstösse gegen das Völkerrecht Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.
«Rechtswidrige Handlungen der Konfliktparteien [...] gefährden nicht nur Zivilist*innen in mehreren Ländern, sondern beschleunigen auch die Aushöhlung der globalen Normen, die für den Schutz der Menschenrechte und den weltweiten Frieden und die Sicherheit unerlässlich sind.» Agnès Callamard
«Die eskalierende Krise im Nahen Osten stellt eine ernsthafte Bedrohung für den Multilateralismus und die Integrität der internationalen Rechtsordnung dar. Rechtswidrige Handlungen der Konfliktparteien, insbesondere solche, die von einflussreichen Staaten begangen werden, gefährden nicht nur Zivilist*innen in mehreren Ländern, sondern beschleunigen auch die Aushöhlung der globalen Normen, die für den Schutz der Menschenrechte und den weltweiten Frieden und die Sicherheit unerlässlich sind», sagte Agnès Callamard.
«Es ist unerlässlich, dass alle Parteien dringend Massnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung und der zivilen Infrastruktur, einschliesslich Flughäfen, Krankenhäusern, Wohngebäuden, Schulen und Gefängnissen, ergreifen. Sie müssen ausserdem einen sicheren und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu allen betroffenen Gebieten gewährleisten und eine unabhängige internationale Überwachung ermöglichen.»
Amnesty International fordert die internationale Gemeinschaft auf, ihre diplomatischen Bemühungen zu intensivieren, um eine weitere militärische Eskalation zu verhindern und zusätzlichen Schaden für die Zivilbevölkerung abzuwenden. Im Einklang mit dem Völkerrecht müssen die Staaten äusserste Zurückhaltung üben und sich jeglicher Handlungen enthalten, die weitere Verstösse begünstigen könnten. Die Staaten haben die Pflicht, zusammenzuarbeiten, um solchen Verstössen ein Ende zu setzen.
Medienmitteilung 03. März 2026, London/Bern – Medienkontakt