Porträt-Zeichnung
© André Gottschalk
Carte blanche | Reeto von Gunten

Selbstverständlichkeiten

Mir fallen immer wieder Dinge auf, die als selbstverständlich gelten – sich aber erstaunlich schlecht erklären lassen. Dinge, die jetzt halt «so sind, wie sie sind», ohne wirklich logisch zu sein.

Eine Zeitung bezahlt man beispielsweise, bevor man sie liest. Ein Nachtessen bezahlt man hingegen, nachdem man es gegessen hat. Offenbar traut man uns im Restaurant mehr als am Kiosk.

Wenn die Tastatur nicht funktioniert, soll man die Taste ESC drücken, Kosten bringen automatisch Nebenkosten mit sich, die so selbstverständlich sind, dass sie selten erklärt werden. Zahlungsfristen bewegen sich irgendwo zwischen zehn und dreissig Tagen, je nach Tagesform der Rechnungstellenden. Und mit Leuchtweste und Funkgerät ausgestattet, darf man plötzlich wildfremden Menschen Anweisungen geben. Im Café steht: «Wir bedienen Sie gerne
an der Theke», man macht also alles selbst und wird beim Bezahlen vom Terminal gefragt, wie viel Trinkgeld man gerne geben möchte. Und jede*r Fussballspieler*in ist je nach Trikotfarbe «Freund*in» oder «Feind*in» und nach der nächsten Transferperiode wieder umgekehrt.

Es gibt Selbstverständlichkeiten, die offenbar nicht ganz alle von selbst verstehen.

Reeto von Gunten

Alles Selbstverständlichkeiten, die sich nicht ganz von selbst verstehen lassen. Und dann gibt es die anderen Selbstverständlichkeiten. Die, die tatsächlich
sinnvoll wären:

Fussgänger*innen Vortritt lassen, das Alter schätzen und die Jugend unterstützen, nicht vordrängeln und alles so zurücklassen, wie man es antreffen möchte: Kinosessel, Toiletten, Picknickplätze und Ex-Partner*innen.

Selbstverständlichkeiten, die offenbar aber nicht ganz alle von selbst verstehen. So wie die Menschenrechte.

Ich war lange überzeugt, diese seien selbstverständlich. So selbstverständlich, dass ich sie nicht einmal kannte. Wie viele es sind, was genau drinsteht – egal. Hauptsache selbstverständlich. Im Grunde behandle ich sie wie viele andere Dinge auch: Ich gehe davon aus, dass sie existieren, irgendwo geregelt sind und im Zweifelsfall schon jemand anders darauf achtet.

Blinken im Kreisverkehr.

Tempolimiten.

Menschlichkeit.

Vielleicht haben Sie ein anderes Verhältnis zu Selbstverständlichkeiten. Aber wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm.

Es scheint ja gerade bestens zu funktionieren, Dinge für selbstverständlich zu halten, die es längst nicht mehr sind.

Reeto von Gunten ist Spoken-Word-Künstler, Radiomoderator, Ghostwriter, Musiker und Autor.