Seit 2011 wird in Sudan intensiv nach Gold gesucht. Scheinbar unermüdlich graben vorwiegend junge Menschen in der brütenden Hitze nach dem glitzernden Rohstoff – nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Not. Denn mit der Abspaltung des Südsudans im Jahr 2011 verlor der Sudan 75 Prozent seiner Ölreserven, was eine Wirtschaftskrise auslöste. Tausende wurden arbeitslos. Die unabhängigen Goldschürfer* innen hatten wider Erwarten Erfolg: In der dünn besiedelten Bergregion Jebel Amer in Nord-Darfur stiessen sie auf ein riesiges Goldvorkommen. Doch die Freude währte nicht lange.
Denn der Kampf ums Gold wurde zu einer der Ursachen des Kriegs, der im April 2023 zwischen den Rapid Support Forces (RSF) und der sudanesischen Armee (SAF) ausbrach. Mittlerweile ist das Gold ein zentraler Faktor für dessen Weiterführung: Sowohl die RSF wie auch die SAF finanzieren den Krieg mit dem Goldhandel und kaufen mit dem Erlös ihre Waffen.
Obwohl Gold mittlerweile eines der wichtigsten Exportmittel des Sudans ist, war der Handel mit Gold für das Land lange nicht zentral. Im Gegenteil: Bis etwa 2010 spielte Gold in der sudanesischen Wirtschaft eine untergeordnete Rolle. Der industrielle Abbau beschränkte sich auf einen einzigen Standort. Erst nach der Abspaltung des Südsudans im Jahr 2011 wurde der Goldhandel aktiv vorangetrieben – und mit der Eröffnung der Sudan Gold Refinery in Khartum unter der damaligen Regierung zentralisiert. Alles Gold musste diese Anlage vor dem Export passieren, die Ausfuhr von unraffiniertem Erz wurde verboten. Im selben Jahr machte Gold bereits 60 Prozent der Exporte aus.
Bald jedoch wehrten sich lokale Autoritäten gegen diese staatliche Kontrolle – so auch in Nord-Darfur. Nach erbitterten Kämpfen übernahm die RSF unter Mohamed Hamdan Dagalo ab 2017 die Kontrolle über die meisten Minen in der Region. Kurz nach Ausbruch des Krieges eroberte die RSF zudem die Sudan Gold Refinery in Khartum – in der sich vor dem Überfall durch die RSF 1,6 Tonnen Gold sowie weitere Rohgoldvorräte im Wert von 150,5 Millionen US-Dollar befanden.
Undurchsichtige Wege
Im Zuge des Bürgerkriegs wurde Gold zu mehr als nur einem wirtschaftlichen Vermögenswert; es wurde zu einem zentralen Instrument der Macht und des Einflusses. Schätzungen der sudanesischen Regierung zufolge fördert der Sudan inzwischen jedes Jahr zwischen 70 und 90 Tonnen Gold, allerdings werden laut dem sudanesischen Finanzministerium nur rund 20 Tonnen auf legalem Weg exportiert.
Der wichtigste Abnehmer für sudanesisches Gold: Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), einer der grössten Goldhandelsplätze der Welt. Unter Berufung auf Uno-Comtrade- Daten stellt die Schweizer NGO Swissaid fest, dass die VAE im Jahr 2024 29 Tonnen Gold direkt aus dem Sudan importierten – ein massiver Anstieg gegenüber den 17 Tonnen im Vorjahr. Hinzu erhielten die VAE erhebliche Mengen über Nachbarländer: 27 Tonnen aus Ägypten, 18 Tonnen aus dem Tschad und 9 Tonnen aus Libyen. Die Daten für die VAE waren nur kurzzeitig verfügbar und wurden nach wenigen Tagen von der Comtrade-Plattform entfernt.
Zwar ist es nahezu unmöglich zurückzuverfolgen, aus welchen Regionen des Sudans das Gold stammt, denn die Lieferketten führen über zahlreiche Zwischenhändler und Transitländer. Zudem wird das Gold auf den Transportrouten laut Swissaid mehrfach raffiniert, wodurch die Herkunft nicht mehr nachweisbar wird. Dennoch scheint unbestritten, dass Gold aus den von der RSF kontrollierten Gebieten in den VAE landet. Dass die VAE im Gegenzug Waffen, Drohnen und weitere Kriegsmaterialien in den Sudan schicken, zeigen mehrere Recherchen von Amnesty International.
Auch Ägypten, das die sudanesische Armee SAF militärisch unterstützt, hat als neuer Markt für sudanesisches Gold an Bedeutung gewonnen. Expert*innen der britischen Denkfabrik Chatham House schätzen, dass die inoffiziellen und geschmuggelten Goldexporte nach Ägypten etwa 60 Prozent der Goldproduktion aus den sudanesischen Bundesstaaten im Norden, am Nil und am Roten Meer ausmachen. Die SAF unterstützt diese Route seit Kriegsbeginn, um weniger Gold direkt in die VAE zu exportieren. Es gibt jedoch starke Hinweise darauf, dass auch das über Ägypten exportierte Gold letztendlich in den VAE landet – und von dort aus auf den Goldmärkten in der ganzen Welt.
Besorgniserregender Anstieg
Trotz der Verstrickungen der VAE im Sudan-Krieg importiert die Schweiz weiter Gold aus den Emiraten. Die Importe stiegen in den letzten Jahren gar. Laut Daten des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit BAZG gelangten 2025 420 Tonnen Gold im Wert von über 38 Milliarden Franken aus den VAE in die Schweiz – das ist mehr als fünf Mal so viel wie noch vor zehn Jahren. «Dieser massive Anstieg ist besorgniserregend», sagt Marc Ummel, Rohstoffexperte bei Swissaid. «Angesichts der Mengen an illegalem Gold und Konfliktgold, das über die VAE transportiert wird, ist die Gefahr gross, dass ein Teil davon auch in der Schweiz landet.»
Des Risikos ist sich auch der Bund bewusst. Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO beteuert auf Anfrage zwar, dass alle Goldimporteure in der Schweiz gesetzlich verpflichtet sind, bei der Beschaffung aus Konfliktgebieten oder Hochrisikogebieten eine Sorgfaltsprüfung durchzuführen, um sicherzustellen, dass ihre Lieferketten keine bewaffneten Konflikte finanzieren. Allerdings sei es «nicht in allen Fällen möglich, die tatsächliche Herkunft von Gold eindeutig zu bestimmen oder lückenlos zurückzuverfolgen». Gerade bei Anlagegold aus älteren Beständen und bei Gold von verschiedenen Ankäufern und Zwischenverarbeitern sei die Überprüfung erschwert.
Schweiz setzt auf Vertrauen
Den Beteuerungen der VAE, kein sudanesisches Gold an die Schweizer Raffinerien zu liefern, wird beim Bund geglaubt. Sanktionen oder Einfuhrbeschränkungen für Gold aus den VAE sind nicht vorgesehen. «Grundsätzlich handelt es sich bei der Beschaffung von Gold aus den VAE um Legalverkehr», schreibt das SECO. Der Bund habe jedoch kein Interesse daran, dass Konfliktgold importiert würde. Deshalb haben die Schweiz und die VAE Anfang Jahr die Schaffung einer Gemischten Wirtschaftskommission (GWK) angekündigt, in der auch der bilaterale Goldhandel besprochen werden solle.
Fortschritte gibt es betreffend der Rückverfolgbarkeit: So hat das Parlament im Sommer 2025 eine Revision des Edelmetallkontrollgesetzes verabschiedet. Künftig müssen Schweizer Raffinerien den Richtlinien der OECD folgen und die gesamte Lieferkette des Goldes überwachen. Bisher waren sie nur verpflichtet, ihre direkten Lieferant* innen zu kontrollieren. Die Details zur Umsetzung müssen noch geklärt werden. Ein ausformulierter Vorschlag soll voraussichtlich im Sommer in die öffentliche Vernehmlassung gegeben werden. «Dass die Schweizer Raffinerien ihre Lieferkette sorgfältiger prüfen müssen, ist begrüssenswert», sagt Marc Ummel von Swissaid. «Doch letztendlich hilft nur grössere Transparenz, wenn effektiv verhindert werden soll, dass in der Schweiz mit Konfliktgold gehandelt wird.»
Ein erster Schritt dazu wurde bereits getan: Anfang Jahr wurde vom Schweizerischen Edelmetallverein ASMP die Schweizerische Edelmetalltransparenzplattform publiziert, die mehr Informationen über die Herkunft der in der Schweiz verarbeiteten Edelmetalle liefern soll. Bisher sind jedoch erst die Daten für 2024 einsehbar. Und: Ein wichtiger Player fehlt. Denn Valcambi, die einzige Schweizer Raffinerie, die Gold aus den Emiraten zur Verarbeitung akzeptiert, ist seit Herbst 2023 nicht mehr Mitglied der ASMP. Die Daten von Valcambi sind daher nicht auf der Plattform ersichtlich, was das Bild des Schweizer Goldhandels merklich verzerrt.
Für Marc Ummel, der diese Initiative für mehr Transparenz sehr begrüsst, greifen die Massnahmen noch aus einem anderen Grund zu wenig: «Die Daten auf der Plattform sind zusammengefasst und können daher nicht den einzelnen Raffinerien zugeordnet werden. Wir verlangen daher die Veröffentlichung der Namen aller Lieferanten, insbesondere auch der Lieferanten von Sekundärgold, das zu Verschleierungszwecken als recyceltes Gold bezeichnet wird. Auch alle Raffinerien müssen gesetzlich verpflichtet werden, die Namen ihrer Lieferanten offenzulegen. Eine Gelegenheit bietet sich diesen Sommer, wenn die Revision der Edelmetallkontrollverordnung in die Vernehmlassung kommen soll.»
Klar ist, der Bundesrat muss nun seine Verantwortung wahrnehmen, um zu verhindern, dass Konfliktgold in die Schweiz gelangt. Denn solange der Goldhandel aus dem Sudan floriert, wird der Konflikt andauern – und somit auch die grausamen Menschenrechtsverletzungen.