Aus der Vogelperspektive sieht man eine Bucht, in welche grau-braune Felsen steil herunterfallen. Es gibt kaum Vegetation, der Nebel hängt über allem.
Der Kangerluarsuk-Fjord, in welchem derzeit nach Seltenen Erden und anderen Mineralien gebohrt wird. © Jonas Kakó
Bodenschätze | Grönland

Mehr als eine Schatzinsel

Grönland ist reich an Bodenschätzen, darunter Seltene Erden. Unternehmen aus aller Welt, aber auch die USA und die EU möchten diese abbauen und verarbeiten. Doch Teile der Bevölkerung und die Regierung stellen sich quer.

Bent Janussen steuert sein Boot vorsichtig an einen Eisberg heran, um eine Boje an Bord zu ziehen. «So ein Mist, schon wieder haben die Haie alles aufgefressen», sagt er und zeigt auf einige Metallringe, an denen mal Angelhaken befestigt waren. «Sie haben die Heilbutte mitsamt der Haken verschluckt.»

Im Süden Grönlands, in den Fjorden rund um Narsaq, waren Haie schon immer natürliche Feinde der Fischer*innen. Doch so zahlreich wie zuletzt traten sie noch nie auf. «Ist das eine Auswirkung der Erderwärmung?», fragt Janussen. Die Landschaft wirkt so wild und unberührt wie immer: Felsige Küsten, darüber ein bleigrauer Himmel, im Wasser treiben Hunderte Eisberge, abgebrochen von den Gletscherzungen im Landesinneren.

Es ist kalt, und der Fahrtwind verstärkt die Kälte noch. Janussen trägt eine Thermohose und eine dicke Jacke. Immer wieder greift er zum Fernglas und hält Ausschau nach Robben, deren Fleisch zu den lokalen Delikatessen zählt. «In Narsaq leben viele Menschen noch vom Fischfang und von der Jagd – wie unsere Vorfahren», sagt er, der selbst zum indigenen Volk der Inuit gehört. «Nur haben die Boote heute Aussenborder und Navigationsgeräte.» Wichtig sei vor allem, «dass unsere Kinder in dieser intakten Umwelt aufwachsen und unsere Traditionen bewahren können». Dann macht er ein Selfie und stellt es auf Facebook.

Die arktische Insel Grönland, mehr als 53 Mal so gross wie die Schweiz, gehört zu den letzten weitgehend unerschlossenen Gebieten der Erde. Gerade einmal 70 Ortschaften sind dauerhaft bewohnt; sie liegen entlang der Küsten, wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Rund 80 Prozent der Insel sind von einer Eiskappe bedeckt, die langsam schmilzt. Es gibt keine Strassen zwischen den Siedlungen, sie sind – wenn das Wetter es zulässt – nur per Boot oder Hubschrauber erreichbar. Grönland zählt 56 000 Einwohner* innen.

Die vielerorts unberührte Wildnis ist auch eine Schatzkammer. In den eisfreien Regionen der Insel finden sich 25 der 34 Rohstoffe, die die Europäische Union 2023 als «kritisch» einstufte, darunter Seltene Erden, Graphit, Tantal, Beryllium, Zirkonium und Kobalt. Sie haben für die Wirtschaft hohe Bedeutung und gelten als unverzichtbar für «grüne» Technologien, finden in Elektromotoren, Batterien und Windrädern Verwendung, sind aber auch für die Hightech-, Rüstungs- und Weltraumindustrie notwendig.

Abhängigkeit von China beenden

Bisher kamen mehr als 80 Prozent der kritischen Rohstoffe aus China, bei Seltenen Erden hat Peking fast ein Monopol. Die chinesische Regierung subventionierte den Abbau und die Weiterverarbeitung, sodass es sich für den Rest der Welt kaum lohnte, selbst Bergwerke zu errichten. Grönlands Bodenschätze bieten eine Möglichkeit, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Doch kann im fragilen Ökosystem der Arktis Bergbau betrieben werden, ohne dass die Insel und ihre Bewohner*innen Schaden nehmen?

Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit drohte der US-Präsident Donald Trump mehrfach, Grönland übernehmen zu wollen, notfalls auch militärisch. Die Insel gehört zu Dänemark, hat aber weitgehende Autonomierechte, ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung. Die EU und viele NATO-Länder unterstützten zuletzt Dänemark und Grönland gegen Donald Trumps Drohungen.

Für den Fischer Janussen ist die Sache klar: «Die USA wollen unsere Rohstoffe, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Wir trauen Trump nicht, wir kennen das Schicksal der amerikanischen Indigenen und wissen, wie die Inuit in Alaska diskriminiert werden.» Janussen weiss aus eigener Erfahrung, wovon er spricht, hat er doch schon ein Bergbauprojekt vor der eigenen Haustür. Das australische Unternehmen Greenland Minerals will im Bergplateau Kvanefjeld am Stadtrand von Narsaq Seltene Erden abbauen. «Das wäre unser Todesurteil», sagt der Fischer. Der Staub aus dem Tagebau würde alles verseuchen – Fjorde und Fische, Weideland für Rentiere und Schafe und am Ende auch die Menschen. Denn auf dem Plateau sind die Seltenen Erden mit hochradioaktivem Uranerz vermischt. Man kann sie nicht abbauen, ohne zugleich das radioaktive Spaltmaterial zu heben.

Janussen steht in Fischerkleidung auf seinem Boot mit einem Gewehr in der Hand.
Bent Janussen fischt und jagt Robben im Fjord vor der Stadt Narsaq. Er befürchtet, dass dies wegen der Verseuchung der Umwelt dereinst nicht mehr möglich ist. © Jonas Kakó

Kvanefjeld ist als Lagerstätte für Rohstoffe schon lange bekannt. Dänische Geolog*innen erkundeten das Gebiet erstmals in den 1950er-Jahren und bauten Ende der 1970er-Jahre einen Stollen, um Uranproben zu entnehmen. Als sich die dänische Regierung 1985 gegen die Nutzung von Atomenergie entschied, wurde der Stollen geschlossen und der Eingang zugemauert. Doch die Ruhe war trügerisch: 2007 erwarb Greenland Minerals eine Explorationslizenz für Kvanefjeld. Das Unternehmen versprach «höchste Umweltund Sicherheitsstandards» und bis zu 200 Arbeitsplätze.   

Entschädigungsspezialist*innen am Werk

Unabhängige Expert*innen warnen vor den Risiken, die mit dem Tagebau verbunden sein könnten. Radioaktiver Minenabfall könnte die Gewässer und die Landwirtschaft kontaminieren. Viele Bewohner* innen Narsaqs nehmen die Warnungen ernst. «Wovon sollen wir leben, wenn niemand mehr fischen und jagen kann?», fragt Janussen. Aus dem Widerstand gegen die Bergbaupläne entstand die Bewegung «Urani? Naamik» (Uran? Nein), der sich Menschen im ganzen Land anschlossen. Bei den Parlamentswahlen 2021 brachten sie die links-grüne Inuit Ataqatigiit (Gemeinschaft der Inuit) an die Macht, die ein landesweites Verbot von Uranabbau und Offshore-Ölbohrungen gesetzlich festschrieb.

Greenland Minerals, das sich inzwischen in Energy Transition Minerals umbenannt hat, klagte daraufhin vor einem Schiedsgericht in Dänemark gegen die grönländische Regierung und versucht so, die grönländische Regierung zu veranlassen, ihre Politik zu ändern. Das Unternehmen fordert knapp zehn Milliarden Euro Entschädigung für bereits getätigte Investitionen sowie für entgangene Profite samt Zinsen. Die Summe stellt fast das Zehnfache des grönländischen Jahreshaushalts dar, obwohl die Explorationskosten der Firma nur bei knapp 90 Millionen Euro gelegen haben dürften.

Das Unternehmen trägt dabei kein Risiko, denn die Rechtskosten werden von Burford Capital, einem börsennotierten Unternehmen für Prozessfinanzierung, getragen. Im Erfolgsfall erhält die Kanzlei einen Anteil an der Entschädigung.  

Kleine Boote liegen vor kleinen bunten Häusern.
Boote im Hafen von Narsaq im Süden der Insel, im Hintergrund der Berg Kvanefjeld. Wie lange werden die Menschen hier noch vom Fischfang leben können? © Jonas Kakó

Greenland Minerals nutzt das sogenannte Investor-Staat-Streitbeilegungsverfahren, das ursprünglich entwickelt wurde, um ausländische Unternehmen vor Enteignung durch die Gaststaaten zu schützen. Heute wird es zunehmend genutzt, um Regierungen zu verklagen, die nach Beginn der Explorationsarbeiten striktere Umweltgesetze erlassen – und damit Bergbau erschweren oder unmöglich machen. Die Schiedsgerichte entscheiden gemäss einer Analyse des Thinktanks Transnational Institute in Amsterdam oft im Sinne der klagenden Investor*innen, Staaten und Steuerzahler* innen müssen häufig hohe Entschädigungen zahlen.

Das weiss auch Greenland Minerals. «Wir verstehen, dass die grönländische Regierung aus politischen Gründen versprochen hat, dieses Projekt zu stoppen», sagt der Geschäftsführer Daniel Mamadou. «Das ist in Ordnung, aber in diesem Fall handelt es sich um eine Enteignung und wir haben Anspruch auf Entschädigung.» Die grönländische Regierung sieht es anders: Die Firma habe zwar eine Explorationslizenz erhalten, aber keine Abbaulizenz. Lokale Gemeinden und Regierungen müssten das Recht haben, Bergbauprojekte abzulehnen, die Ökosysteme bedrohen oder inakzeptable Risiken für die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden mit sich bringen.

Schlechte Erfahrungen

Hat Greenland Minerals, an dem auch der chinesische Bergbaukonzern Shenghe beteiligt ist, eine Abbaulizenz oder nicht? Mit dieser Frage soll sich nun – so befand es das Schiedsgericht in Dänemark im Oktober 2025 – ein ordentliches Gericht in Grönland befassen. Erst danach können die Richter*innen des Schiedsgerichtes über die Höhe der Entschädigung entscheiden.

Greenland Minerals unterhält nach wie vor ein Büro in Narsaq. In einer Lager- und Werkstatthalle neben dem Fussballplatz der Gemeinde liegen Hunderte von Bohrkernen, die Seltene Erden, Uran , Zink und Sodalith enthalten. «In Narsaq gibt es auch Bergbaubefürworter* innen, die glauben, dass man den Abbau so gestalten kann, dass weder Mensch noch Umwelt zu Schaden kommen», sagt Pavia Rohde, der aus Narsaq stammt und für Greenland Minerals arbeitet. «Der Ort braucht eine Zukunft, wir können nicht ewig so tun, als gäbe es keinen Fortschritt.» Rohde kümmert sich um die Wissenschaftler* innen, die im Auftrag von Greenland Minerals nach Narsaq kommen, Windrichtungen und Windstärken messen und Wasserproben aus den benachbarten Gewässern entnehmen.  

Die aktuelle Regierung ist nicht grundsätzlich gegen den Bergbau, fordert aber strenge Umweltauflagen. Im Fall Narsaq will sie beim Abbauverbot bleiben. «Wir haben ein öffentliches Anhörungsverfahren durchgeführt und sind dem Willen des Volkes verpflichtet », sagt Naaja Nathanielsen, Ministerin für Rohstoffe, Wirtschaft, Energie, Justiz und Gleichberechtigung. «Natürlich müssen wir Geld mit unseren Mineralressourcen verdienen, doch nicht auf Kosten der Menschen.» Derzeit steuert Dänemark etwa die Hälfte des grönländischen Haushalts bei, rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Einnahmen aus dem Bergbau könnten auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit helfen. «Aber wir wollen kein grosses Bergbauland werden », sagt die Ministerin. Drei bis fünf aktive Minen gleichzeitig seien genug, um «unsere Rechnungen bezahlen zu können».

Die 49-Jährige, die schon seit fünf Jahren dem Kabinett angehört, sieht den Bergbau in Grönland nüchtern. «Es ist ein langsam wachsendes Geschäft, von der Exploration bis zum Abbau vergehen meist 15 Jahre», sagt sie in ihrem Büro, aus dem man über die Hauptstadt Nuuk blickt. Der Erfolgsfall, dass der Gewinn die Investitionen übertrifft, liege in der Regel unter fünf Prozent. Die Regierung hat bisher 80 Explorationslizenzen vergeben, die Ergebnisse der meisten Testbohrungen werden frühestens in zwei bis drei Jahren erwartet. 

Druck auf die Regierung  

Derzeit sind auf der Insel zwei Minen in Betrieb: Der Anorthosit-Tagebau von Lumina Mining bei Kangerlussuaq, wo ab 2027 auch Seltene Erden gefördert werden sollen, und die Goldmine der kanadischen Amaroq-Gruppe bei Nalunaq, die ab diesem Jahr sechs bis zehn Kilogramm reines Gold pro Tag produzieren will. Abbaulizenzen erhielten auch die Firma Tanbreez für Seltene Erden nahe Qaqortoq sowie eine Graphitmine von GreenRoc in Amitsoq. Sie könnten in zwei Jahren mit dem Abbau beginnen.

Die Goldmine bei Nalunaq war schon zwischen 2004 und 2013 in Betrieb. Das Unternehmen Crew Gold verschiffte goldhaltiges Erz nach Kanada, wo es raffiniert wurde. Weil der Goldpreis damals niedrig war, waren die Kosten zu hoch, und die Mine wurde geschlossen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich der Goldpreis aber fast verdreifacht. Amaroq, der neue Besitzer, baute eine Fabrik in Nalunaq, um auch vor Ort reines Gold zu gewinnen. «Bei der Goldgewinnung werden sehr viele giftige Chemikalien eingesetzt», sagt die Umweltaktivistin Grethe Nielsen. «Wir müssen Druck auf die Regierung ausüben, damit sie die Minen streng kontrolliert und die Natur schützt.» 

Zwei Arbeiter mit gelben Schutzwesten und Helmen  Überanzüge, einer schaufelt, der andere schaut zu.
Zuerst wird gesprengt, dann werden die Graphitproben für Analysen ins Labor gesendet. Arbeiter des britischen Unternehmens GreenRoc Strategic Materials in einer Mine im Amitsoq. © Jonas Kakó

«Wir brauchen den Bergbau, wenn wir von Dänemark unabhängig werden wollen», sagt Malik Rasmussen. «Fischerei und Tourismus bringen nicht genug, um die hohen sozialen Standards, an die die Menschen gewöhnt sind, zu halten.» Der 34-Jahrige ist Chef von 60°North, des grössten Unternehmens in Südgrönland, das sich auf Dienstleistungen für Bergbaufirmen spezialisiert. Denn der Bergbau erfordert lokales Know-how. «Die Bedingungen sind schwieriger als in den meisten anderen Ländern, jede Art von Infrastruktur muss von weit her transportiert werden, und das ist exorbitant teuer», sagt Rasmussen. Es gebe auch viele soziale Probleme, die lange kaum beachtet wurden. Viele Inuit fühlten sich ausgegrenzt und missachtet – und hegen viel Groll gegen Dänemark, die ehemalige Kolonialmacht, die erstmals 1721 auf die Insel kam und noch immer die Aussenpolitik, die Justiz, die Verteidigung und die Polizei kontrolliert.

Grethe Nielsen, im Norwegerpullover und mit zusammengebundenen Haaren, die Hände in den Hosentaschen.
Die Umweltaktivistin Grethe Nielsen fordert strenge Kontrollen bei der Goldgewinnung. © Jonas Kakó
Naaja Nathanielsen, Ministerin für Rohstoffe, Wirtschaft, Energie, Justiz und Gleichberechtigung © Jonas Kakó

Wie Donald Trump auf Grönland kam

Momentan unternimmt 60°North Testbohrungen am Kangerluarsukfjord, der sich tief in die Berge von Südgrönland schneidet. Felswände ragen steil aus dem Wasser, auf der Ostseite erhebt sich eine markante Bergkette, deren Spitzen wie die Zinken eines Kamms aussehen. In dieser rauen Landschaft bereitet das US-australische Unternehmen Tanbreez den Abbau von Seltenen Erden vor. «Es ist eines der grössten Vorkommen ausserhalb Chinas», sagt Greg Barnes, der für Tanbreez arbeitet. «Zudem gibt es hier auch grosse Mengen an Tantal, Beryllium und Zirkonium.»

Barnes ist Geologe, er hat überall auf der Welt gearbeitet, bevor er in den 1990er-Jahren nach Grönland kam. Trotz des Mineralienreichtums der Insel war es lange nicht möglich, Investor*innen für den Bergbau zu finden. Der Durchbruch kam 2019. Damals hielt der 76-Jährige eine Rede über die Mineralschätze Grönlands vor Donald Trump im Weissen Haus. Der US-Präsident bot Dänemark daraufhin an, Grönland zu kaufen. Umweltschützer*innen geben Barnes seitdem die Schuld, die Begehrlichkeiten der USA geweckt zu haben.

Tanbreez will direkt vor der Lagerstätte im Fjord einen Anleger bauen, von dem das Erz per Schiff zu den Aufbereitungsfabriken in den USA und der EU transportiert werden soll. «Es ist unser Glück, dass Grönland weder über die Infrastruktur noch über Fachkräfte verfügt, um solche Fabriken zu betreiben», sagt die Umweltaktivistin Nielsen in Qaqortoq. «Damit sinkt das Risiko von Wasser- und Luftverschmutzung. Vielleicht werden unsere Kinder und Enkel immer noch hier leben können.»      

Andrzej Rybak ist Autor und Journalist, Jonas Kakó ist freischaffender Fotojournalist.