Ein europäisches E-Auto rollt lautlos aus der Fabrikhalle – Symbol einer klimafreundlichen Zukunft. Unsichtbar bleibt, dass in seinem Motor Magnete stecken, deren Seltene Erden aus Minen im Norden Chinas stammen, wo ganze Landschaften verseucht werden und Arbeiter*innen ohne Zugang zu unabhängigen Gewerkschaften schuften, in vielen Fällen unter Zwang. Die europäische Wirtschaft beruht teilweise auf Lieferketten, in denen Menschenrechte systematisch missachtet werden.
China hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zur dominierenden Rohstoffmacht entwickelt – insbesondere bei Seltenen Erden, die für Windräder, Smartphones, Fahrzeuge und Rüstungsgüter unverzichtbar sind. Rund 91 Prozent der weltweit gewonnenen Seltenen Erden werden dort verarbeitet, zeigt eine Erhebung des Supply Chain Intelligence Institute Austria. Auch bei Kobalt (97 Prozent), Lithium (73 Prozent) und Graphit (98 Prozent) kontrolliert Peking der Internationalen Energieagentur zufolge grosse Teile der globalen Wertschöpfung.
Diese Vormachtstellung gründet auf einer klaren Strategie: niedrige Umweltstandards, billige Energie, staatliche Subventionen – und ein autoritäres System, das Widerstand in den Produktionsstätten im Keim erstickt. In Regionen Chinas wie der Inneren Mongolei, Jiangxi oder Xinjiang sind so wirtschaftliche Räume entstanden, in denen Hightech-Industrie mit einem Mangel an Rechten einhergeht. Seltene Erden sind gar nicht so selten. Ihr Abbau und ihre Veredelung indes sind aufwendig, giftig und zerstörerisch. Medienrecherchen zeigen immer wieder, dass sich an den Überresten verlassener Minen giftige Seen und radioaktive Abfallhalden bilden. In den 1980er-Jahren überliessen die Industrieländer des Globalen Nordens China bereitwillig diesen «schmutzigen» Teil der Wertschöpfung – es war kostengünstig und bequem, ihn auszulagern.
Heute zeigt sich, wohin das geführt hat. In Chinas Minderheitenregionen, besonders in Xinjiang, überlagern sich Rohstoffausbeutung und staatliche Unterdrückung. Dort, wo die muslimische Minderheit der Uigur*innen lebt, haben die Behörden ein engmaschiges System aus Überwachung, Umerziehungslagern und Zwangsarbeit errichtet. Offiziell dienen sogenannte Berufsbildungszentren der Armutsbekämpfung. In der Praxis werden Menschen unter politischem Druck in Fabriken verlegt.
Eine Studie der Stiftung Global Rights Compliance aus dem Jahr 2025 hat hohe Anteile von Zwangsarbeit in den Lieferketten kritischer Mineralien wie Seltene Erden, Lithium, Kobalt und Graphit aus Xinjiang festgestellt. Sie dokumentiert, wie China staatliche Arbeitstransferprogramme einsetzt, um Menschen zwangsweise in Bergbau- und Verarbeitungsbetriebe zu verlegen.
Risikoregion Xinjiang
Wie gross der Anteil der aus Xinjiang stammenden Rohstoffe ist, weiss niemand genau. Die Lieferketten sind oft verschleiert, unabhängige Kontrollen nicht möglich. «Die Aussagen chinesischer Anbieter sind kaum verlässlich, weil sie im Zweifel die Position des Staates wiedergeben», sagt der Anthropologe und China-Forscher Adrian Zenz, Senior Fellow der US-amerikanischen Victims of Communism Memorial Foundation. «Wenn die Regierung erklärt, es gebe keine Zwangsarbeit, sehen sich auch Unternehmen legitimiert, dasselbe zu sagen – selbst, wenn sie uigurische Arbeitskräfte einsetzen.»
Grosse Teile der globalen Produktion von Polysilizium hängen an Lieferketten, die nach Xinjiang führen. Wer also in Europa Solarmodule installiert, kann kaum sicher sein, dass keine Zwangsarbeit darin steckt.
Felix Lee ist Wirtschaftsjournalist mit Schwerpunkt auf China.
Zenz hat mit seinen Recherchen zur Zwangsarbeit unter anderem dazu beigetragen, dass deutsche Konzerne wie BASF und VW ihre Werke in Xinjiang aufgaben. «Die Transparenz der Lieferketten innerhalb Chinas ist praktisch nicht gewährleistet», sagt er. «Immer wieder gibt es Belege für Umwege und Zwischenstationen. So lässt sich kaum noch nachvollziehen, dass die Ware ursprünglich aus Xinjiang stammt. In Branchen mit hohem Xinjiang-Anteil müsste man eigentlich davon ausgehen, dass das Risiko strukturell nicht ausgeschlossen werden kann – und konsequenterweise ganz auf den Bezug aus China verzichten.»
Besonders deutlich ist das in der Solarindustrie: China produziert laut der Internationalen Energieagentur rund 85 Prozent der weltweit verkauften Solarmodule. Grosse Teile der globalen Produktion von Polysilizium hängen an Lieferketten, die nach Xinjiang führen. Wer also in Europa Solarmodule installiert, kann kaum sicher sein, dass keine Zwangsarbeit darin steckt.
Und selbst Metalle, die ursprünglich aus afrikanischen oder südamerikanischen Minen stammen, werden heutzutage überwiegend in China verarbeitet. In Afrika sichern sich chinesische Unternehmen dem US-amerikanischen Think-Tank Brookings zufolge mit Krediten, Infrastrukturprojekten und Beteiligungen an Minen Zugang zu Kupfer, Kobalt, Lithium und Mangan. Strassen, Bahnlinien und Häfen entstehen im Rahmen der «Neuen Seidenstrasse» – offiziell haben alle etwas davon, oftmals aber zum Preis von Umweltzerstörung, Landverlust und neuen Abhängigkeiten. Über die Achse «afrikanische Lagerstätten – chinesische Veredelung – europäische Abnehmer*innen» verknüpft China globale Machtverhältnisse: Afrikanische Staaten geraten in Abhängigkeiten, China kontrolliert Rohstoffe, Europa erhält billige Vorprodukte – und schiebt die ethische Verantwortung entlang der Lieferkette von sich weg.
In der Europäischen Union war zwar zwischendurch die Einsicht gewachsen, dass Lieferketten nicht länger nach dem Prinzip «billig vor fair» funktionieren können. Das deutsche Lieferkettengesetz und auch die geplante EU-Richtlinie über unternehmerische Sorgfaltspflichten sollen Unternehmen zu mehr Verantwortung verpflichten. Mittlerweile wurde die europäische Richtlinie abgeschwächt, und Unternehmensverbände wie Politiker*innen fordern weitere Lockerungen.
Nur lässt der politische Druck derzeit nach. Die EU arbeitet zwar an einem Importverbot für Produkte aus Zwangsarbeit, das Ende nächsten Jahres in Kraft treten soll. Doch die Angst vor chinesischen Gegenmassnahmen wie etwa der Drohung, bestimmte Exporte zu drosseln, ist gross. Auch wird es dauern, bis Alternativen zu Seltenen Erden aus China gefunden und gefördert sind – mindestens ein Jahrzehnt, schätzen Expert*innen. «China hat systemische Abhängigkeiten geschaffen», stellt Experte Zenz fest. Um sich daraus zu lösen, brauche es «Industriepolitik mit klaren, auch protektionistischen Elementen – und eine abgestimmte europäische Lieferkettenstrategie».