Eine Frau läuft vor einer Wand, die mit der venezolanischen Flaggenfarben und Ölbohrtürmen bemalt ist.
Venezuela hat die grössten Ölreserven der Welt – Präsident Trump will sie für die USA. © Matias Delacroix / AP / Keystone
Bodenschätze | Kommentar

Rückkehr der Raubtiermentalität

US-Präsident Donald Trumps Absicht, sich das venezolanische Erdöl zu sichern, manifestiert eine neue US-Aussenpolitik, die aber eigentlich eine alte ist.

Sind die Vereinigten Staaten ins 19. Jahrhundert zurückge­kehrt? Die Aussenpolitik von Präsident Donald Trump übernimmt jedenfalls mehrere Elemente aus der Vergangen­heit. Die jüngsten Entwicklungen sind daher weniger als Bruch zu sehen, sondern eher als Rückkehr zu jener Norma­lität, die zwischen 1780 und 1945 vorherrschte: einer Politik, in der die Vereinigten Staaten ausschliesslich auf ihr eigenes Interesse bedacht waren und Gewalt einsetzten, um dieses zu erreichen – und dabei den Multilateralismus missachteten. Historisch betrachtet war die Zeitspanne zwischen 1945 und dem Beginn des 21. Jahrhunderts eine lange Ausnahme in der amerikanischen Aussenpolitik.

Die Administration Trump setzt auf internationaler Ebene die Haltung des Präsidenten um, die davon ausgeht, dass es nicht genug Ressourcen für alle gibt – also müssten sich die Vereinigten Staaten für die Zukunft so viel wie möglich da­von sichern. Deutlich wurde dies am Beispiel Venezuela, dem Land, das nicht nur enorme Reserven an Erdöl hat, son­dern auch in unmittelbarer Nähe der USA liegt.

Die imperialistische Politik des 19. Jahrhunderts wieder aufnehmend, möchte sich die Trump-Administration lang­fristig den Zugriff auf venezolanisches Erdöl sichern. Denn die rasante technologische Entwicklung erhöht den Appetit auf immer mehr Energie: Die Künstliche Intelligenz ver­schlingt Unmengen an Strom – und der muss auch in Zu­kunft von irgendwoher kommen.

Die Trump-Administration hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es nie um die Demokratie in Venezuela ging.

Ludovic Tournès
Ludovic Tournès ist Professor für globale Geschichte an der Universität Genf, spezialisiert auf die Geschichte der Vereinigten Staaten.

Die Trump-Administration hat keinen Hehl daraus ge­macht, dass es nie um die Demokratie in Venezuela ging. Das Rechtfertigungsmantra der «Einmischung im Namen der Demokratie», das in der amerikanischen Aussenpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg oft genug herhalten musste, kam diesmal nicht zum Zug. Es gab bislang auch keinerlei Anzei­chen dafür, dass sich die Vereinigten Staaten für einen demo­kratischen Übergang in Venezuela engagieren würden. Das Ziel war von Anfang an, sich die venezolanischen Erdölres­sourcen anzueignen. Doch dabei ergibt sich ein Problem: Dies ist Präsident Trumps Ziel, aber nicht dasjenige der ame­rikanischen Ölkonzerne.

Denn die würden bei einer Übernahme der venezolani­schen Ölreserven massive Investitionen tätigen müssen, um die marode Infrastruktur zu erneuern. Die meisten Anlagen wurden seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht mehr richtig gewartet. Hinzu kommt die Unsicherheit der politi­schen Lage. Venezuela hatte innerhalb eines halben Jahr­hunderts bereits zweimal sein Öl verstaatlicht. Bei einer künftigen erneuten Verstaatlichung durch eine neue venezo­lanische Regierung könnten die amerikanischen Konzerne nicht einfach auf eine US-Intervention hoffen, denn Donald Trump ist dann vielleicht – oder ziemlich sicher – nicht mehr an der Macht.

Ist diese US-Politik der Ausdruck eines neuen Kalten Krie­ges um Ressourcen? Der Hunger Washingtons knüpft jeden­falls an die Geschichte des 19. Jahrhunderts an, in welcher die permanente Ausdehnung des Territoriums lange als ein wesentliches Element der US-amerikanischen Identität galt. Diese Idee verlor im 20. Jahrhundert mit dem Ende der Er­oberung des nordamerikanischen Kontinents an Bedeutung. Donald Trump hat die Expansionsgelüste wieder aufleben lassen – das zeigt sein Wunsch nach der Einverleibung von Kanada und Grönland deutlich. Die alte Doktrin des Sich- Nehmens, was man braucht, kombiniert mit der globalen Ri­valität um die Kontrolle von Ressourcen, erweisen sich als die derzeitigen Schlüsselelemente der US-Aussenpolitik.